Wo Farne durch Lava wachsen

Der Farn als Symbol der Hoffnung

Es beginnt nicht mit einem Knall. Es beginnt leise, flüsternd, schleicht sich nahezu unbemerkt näher – zwischen zwei Nachrichten, zwischen Kaffee und dem nächsten Termin, zwischen einem kurzen Innehalten und dem fast unmerklichen Reflex, weiterzuwischen. Irgendwo fällt eine Bombe, irgendwo werden absurde Forderungen durch die Nachrichten gejagt, irgendwo beginnt jede Logik zu fehlen. Irgendwo beginnt wie fast an jedem Tag wieder der alltägliche Irrsinn. Man hört es im Grunde nicht mehr, man spürt auch irgendwie nichts mehr. Aber man sieht alles. Auf einem Bildschirm.

Nachrichtenflut

Ein kurzer Clip: Staub, Dreck, Schreie, dann ein Gebäude, das in sich zusammenfällt. Darunter Kommentare, Empörung, Analyse, Schuldzuweisungen. Und dann: weiter. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es nicht passt. Nicht in diesem Moment, nicht zwischen zwei Versuchen, ein normales Leben zu führen. Der Krieg dauert länger als unsere Aufmerksamkeit, das Leid ist tiefer als jedes Format – und doch wird alles eingepasst, in Sekunden, in Hochformat, in etwas, das wir konsumieren können, ohne daran zu zerbrechen.

Krisen und innere Müdigkeit

Wir haben gelernt, alles zu sehen und doch immer weniger auszuhalten. Krisen, Katastrophen, Zusammenbrüche – alles ist gleichzeitig da, eine Welt im Dauerzustand. Und wir? Wir funktionieren irgendwie. Wir reagieren, wir ordnen ein, wir diskutieren. Aber irgendwo dazwischen ist etwas leiser geworden: das Gefühl, dass unser Handeln noch Gewicht hätte. Vielleicht ist es nicht einmal Angst, die uns lähmt, sondern etwas Unspektakuläres, etwas, das sich schwerer greifen lässt – eine Müdigkeit. Das Wissen, dass man alles versteht und trotzdem nichts wirklich verändert. Dass man hinsieht und sich doch innerlich entfernt.

Hawai’i, Lavafelder und Farne

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren stand ich auf Hawaiʻi, auf der großen Insel, inmitten schwarzer Lavafelder. Die Hitze lag schwer in der Luft und die Lava speicherte die Energie der Sonne. Alles schien still, beinahe endgültig. Eine Landschaft, die auf den ersten Blick nichts anderes zuließ als die Vorstellung von Leere. Umherwandernd auf dieser schwarzen Landschaft entdeckte ich auf einmal winzig kleine Farne, gerade gekeimt. Ein paar wuchsen schon in den Ritzen der schwarzen Felsen einige Zentimeter in Richtung der Sonne. 

Unscheinbar, leicht zu übersehen, wuchsen sie da und wer sie sehen wollte, der sah sie auch. Es war wie eine Einladung des Lebens dabei zuzusehen, wie aus der Ödnis Leben entsteht. Dort wo nichts wachsen sollte. Kein großes Zeichen, kein Symbol, das sich sofort erklärt. Nur ein stiller Widerspruch gegen das Offensichtliche.

Ich erinnere mich, wie ich begann die Steine genauer zu betrachten. Sie waren nicht einfach schwarz. Im richtigen Licht begannen sie zu schimmern – in einem tiefen, kühlen Blau, fast wie Opal. Als würde die Welt mehr in sich tragen, als sie preiszugeben bereit ist. Als müsste man langsamer werden, um sie zu sehen.

Damals lernte ich endgültig genau auf manchen Stellen hinzusehen, Stellen die auf den ersten Blick nichts offenbarten, aber wenn man diesen Stellen Zeit schenkt, Aufmerksamkeit, dann könnten sich neue Welten öffnen.

Heiliger Ort, andere Gegenwart

Der Tag damals war aber noch nicht zu Ende. Ich fuhr mit meinen Freunden zu einer der heiligen Stätten von Big Island. Dem Puʻuhonua o Honaunau National Historical Park. Ein heiliger Ort des alten Hawaiʻis, Tempel, die Heimat einst mächtiger Könige und eine Zuflucht, in der die Ureinwohner, wenn sie gegen ein Kapu verstoßen hatten, sich rehabilitieren konnten.

Dieser Ort strahlt eine gewisse Ruhe aus, es war still, aber nicht leer. Es war eine andere Art von Gegenwart – eine ohne Druck, ohne Dringlichkeit, ohne das Gefühl, sofort reagieren zu müssen. Ich habe mich damals zu dieser Ruhe überreden lassen.

Wir fuhren dann weiter, in den Sonnenuntergang hinein und hielten später dann in der Nacht auf einem Hügel, durch den die Straße gegraben wurde. Kein Licht von irgendwo störte. Wir parkten, es war vollkommen dunkel. Ich legte mich auf das Dach unseres Vans und sah in den Himmel, der so klar war, dass er fast unwirklich wirkte. Der Mond stand voll über mir, seine Krater scharf gezeichnet, fern und doch greifbar in seiner Ruhe. Heute weiß ich nicht mehr, ob ich gedacht habe. Vielleicht war genau das der Moment – dass ich es nicht getan habe. Kein Einordnen, kein Vergleichen, kein inneres Kommentieren. Nur Wahrnehmen. Und irgendwo zwischen diesem Blick in die Unendlichkeit und der Stille begann die Zeit ihre Bedeutung zu verlieren.

Sonnenuntergang, Mond, Meer

Später in der Nacht im Hotel, ging ich noch zum Meer, lag allein in einer Liege und blickte hinaus aufs Wasser. Keine Stimmen, keine Bilder, die etwas von mir wollten. Nur Bewegung, Dunkelheit, das leise Atmen der Wellen. 

Es war nichts Spektakuläres – und genau deshalb war es alles.

Zurück in die Gegenwart, Politik, Warten

Heute wirkt diese Erinnerung fast fremd. Nicht weil sie soweit entfernt ist, sondern weil sie nicht mehr in das passt, was wir Alltag nennen. Wir sind ständig verbunden und gleichzeitig immer weiter entfernt – von dem, was wir sehen, von dem, was wir fühlen und vielleicht auch von uns selbst.

Wir suchen nach Lösungen im Großen. Nach politischen Antworten, nach technologischen Durchbrüchen, nach Systemen, die das Chaos ordnen.

Alles was wir tun, ist warten, gleich wie viele Politiker Lösungen präsentieren, die im Grunde nur geil klingen, aber Jahrzehnte von uns entfernt sind. Sie reden darüber, weil das Wort spannend klingt oder die Technologie selbst. Sie verkaufen es als machbar und lügen uns im Grunde nur an.

Bruch im Kleinen

Doch vielleicht liegt der eigentliche Bruch nicht dort, wo wir ihn vermuten. Vielleicht beginnt er im Kleinen, in einem Moment, der sich jeder Logik entzieht. Wenn jemand das Smartphone zur Seite legt – nicht als Statement, nicht für andere, sondern einfach so. Wenn der Reflex ausbleibt, wenn das Scrollen endet, wenn ein Bild nicht sofort ersetzt wird. Wenn jemand wieder hinsieht. Wirklich hinsieht.

Und endlich damit beginnt, das war er hört, von all den Mediengesichtern, einfach nur in Frage stellt. Und damit zum Philosophen wird.

Farne als Bild für Widerstand

Die Farne wachsen trotzdem. Zwischen Rissen, in der Hitze, auf scheinbar totem Grund. Nicht weil die Bedingungen gut sind, sondern weil Leben nicht darauf wartet, dass es einfach wird.

Vielleicht beginnt der Wille der Menschen nicht mit einer großen Bewegung, nicht mit einem Aufstand, nicht mit einem Systemwechsel. Vielleicht beginnt er viel leiser – in der Entscheidung, einen Moment auszuhalten, ohne ihn sofort zu verlieren. In der Fähigkeit, wieder zu empfinden, ohne sich davor zu schützen. In einem Blick, der nicht sofort weitergeht.

Schlussgedanke

Die Welt ist nicht still geworden. Der Lärm ist noch da, die Bilder auch. Aber irgendwo dazwischen hat sich etwas verschoben. Leise, fast unmerklich – wie ein Farn der durch schwarzen Stein bricht.

Und vielleicht ist genau das der Anfang.

Und wenn man lange genug hinsieht, dass ist selbst das Schwarz nicht mehr nur Schwarz. Dann beginnt es zu schimmern, leise, fast widerwillig, als hätte es nie die Absicht gehabt, gesehen zu werden. Vielleicht ist es genau das, was wir verlernt haben – nicht die Welt zu verstehen, sondern ihr wieder Zeit zu geben, sich zu zeigen.

Denn zwischen all dem Lärm, all den Bildern, all der Geschwindigkeit gibt es sie noch: diese stillen, unbeirrbaren Zeichen. Nicht laut genug, um Schlagzeilen zu werden. Aber stark genug, um sich zu erinnern, dass unter allem, was zerbricht, immer noch etwas wächst. 

Und dass es manchmal reicht, einfach stehen zu bleiben, hinzusehen – und nicht weiterzugehen.

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