Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Futuristischer Raumhafen mit Rakete und der Kreidelinie „WIR | DIE“ als Symbol für gesellschaftliche Ausgrenzung.

Eine Jacke, ein Gericht und ein paar angehende Juristen

Vor einigen Jahren musste ich als Zeuge zu einem Gerichtstermin. Während ich wartete, trug ich eine Jacke, die meine Mutter selbst gemacht hatte. Leder und Strick, handgearbeitet, ungewöhnlich und vor allem ein Einzelstück. Es gibt diese Jacke genau einmal. Man kann sie wunderschön finden, fürchterlich, geschmacklos oder vollkommen daneben. Das Schöne daran ist: Nichts davon verändert die Jacke.

Während ich dort stand, kam eine Gruppe Jurastudenten vorbei. Dass es Jurastudenten waren, wusste ich nicht aufgrund einer spontanen Begabung zur akademischen Gesichtserkennung, sondern weil sie sich über Gesetze, Prüfungen und ihr Studium unterhielten. Irgendwann bemerkten sie meine Jacke. Einer machte eine Bemerkung, der nächste lachte, ein anderer legte nach, und innerhalb weniger Sekunden war aus einem Kleidungsstück ein kleines Unterhaltungsprogramm geworden.

Es war kein großes Ereignis. Niemand wurde bedroht, niemand musste einschreiten, und auch die deutsche Rechtsordnung dürfte den Vorfall weitgehend unbeschädigt überstanden haben. Trotzdem erinnere ich mich bis heute daran, weil mich weniger interessierte, dass diesen jungen Männern meine Jacke nicht gefiel, als die Frage, warum sie glaubten, ich müsste das wissen.

Genau genommen ist das nämlich eine ziemlich merkwürdige Vorstellung. Jeden Tag sehen wir Menschen, deren Kleidung uns nicht gefällt. Wir begegnen Frisuren, die wir freiwillig nicht einmal unter Androhung körperlicher Gewalt tragen würden. Wir sehen Autos in Farben, bei denen man sich fragt, ob der Lackierer kurz vorher verlassen wurde. Trotzdem existiert eine verblüffend einfache Möglichkeit, damit umzugehen: Man geht weiter.

Damals ging ich allerdings nicht weiter, weil ich ohnehin auf meinen Gerichtstermin wartete. Also antwortete ich. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber sinngemäß sagte ich einem der Studenten, meine Jacke sei ein Einzelstück, während Juristen wie Sand am Meer vorkämen. Danach nahm die Heiterkeit der Gruppe deutlich ab.

Heute würde ich wahrscheinlich noch etwas genauer zielen. Diese Jacke ist einmalig und muss niemandem gefallen. Die Jura-Azubis hingegen laufen jeden Tag im Abo-Anzug von „Our Customers Are Idiots“ herum und bemerken nicht einmal, wie unendlich öde sie dabei wirken. Daran wird auch eine mögliche Doktorarbeit von JuraGPT nichts ändern können, denn akademische Bildung kann einem Menschen beibringen, komplizierte Sachverhalte zu analysieren – sie kann ihm aber nicht beibringen, kein Arschloch zu sein.

Das ist kein besonders freundlicher Satz. Er soll es auch nicht sein. Denn zu einem merkwürdigen Verständnis von Toleranz gehört inzwischen offenbar die Vorstellung, der Anständige müsse auch dann noch freundlich lächeln, wenn der andere den Anstand bereits gekündigt hat. Das sehe ich anders. Respekt sollte der Ausgangspunkt einer Begegnung sein. Aber Respekt bedeutet nicht, dass man sich widerspruchslos zum Idioten machen lassen muss.

Allein hätte wahrscheinlich keiner etwas gesagt

Interessant an dieser kleinen Geschichte ist vor allem die Gruppe. Ich bezweifle, dass einer dieser Studenten allein auf mich zugegangen wäre, um mir mitzuteilen, dass meine Jacke seinen ästhetischen Ansprüchen nicht genügte. Vielleicht hätte er es gedacht. Das wäre vollkommen in Ordnung gewesen. Gedanken haben einen großen Vorteil: Man kann darin ein erstaunliches Arschloch sein, ohne andere Menschen damit zu belästigen.

In der Gruppe gelten andere Regeln. Einer macht einen Spruch, der zweite lacht, der dritte möchte ihn übertreffen, und der vierte lacht vielleicht nur deshalb mit, weil er keinesfalls derjenige sein möchte, der plötzlich außerhalb des gemeinsamen Gelächters steht. Innerhalb weniger Sekunden entstehen zwei Seiten: wir und der dort.

Damit entsteht etwas, das viel gefährlicher ist als schlechter Humor: eine Erlaubnis. Bei dem dürfen wir das.

Dieser Mechanismus begegnet uns überall. Auf dem Schulhof ist er besonders leicht zu erkennen, weil Kinder ihre Grausamkeiten noch nicht besonders aufwendig verpacken. Erwachsene beherrschen dasselbe Verfahren, verfügen aber über bessere Ausreden. Sie nennen es Humor, Meinung, Kritik, politische Haltung oder gesunden Menschenverstand. Manchmal ist es tatsächlich eines davon. Manchmal ist es schlicht der alte Schulhof mit besseren Schuhen.

Gruppen sind deshalb natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Ohne Gruppen gäbe es keine Gemeinschaft, keine Solidarität und wahrscheinlich einen großen Teil dessen nicht, was Menschen gemeinsam erreicht haben. Aber eine Gruppe kann Verantwortung verdünnen. Wenn fünf Menschen einen sechsten lächerlich machen, fühlt sich hinterher möglicherweise keiner allein dafür verantwortlich. Es waren schließlich alle dabei.

Und wenn alle gelacht haben, muss es wohl lustig gewesen sein.

Nein.

Wenn zehn Menschen über einen elften lachen, beweist das zunächst nur, dass zehn Menschen lachen. Eine Mehrheit kann eine Wahl entscheiden. Sie kann aber weder Geschmack noch Wahrheit herstellen.

Der Interessanteste ist manchmal der, der schweigt

Bei solchen Szenen konzentrieren wir uns meistens auf zwei Menschen: denjenigen, der angreift, und denjenigen, der angegriffen wird. Mich interessiert inzwischen mindestens genauso sehr ein Dritter. Derjenige, der danebensteht und eigentlich merkt, dass die Sache gerade kippt.

Vielleicht findet er den Spruch gar nicht lustig. Vielleicht würde er ihn selbst niemals machen. Vielleicht denkt er sogar für einen kurzen Moment: Das ist jetzt daneben. Trotzdem sagt er nichts. Schlimmstenfalls lacht er mit, weil Schweigen bereits auffallen könnte.

Das muss keine Bosheit sein. Es kann Feigheit sein, Unsicherheit oder schlicht der menschliche Wunsch, zur eigenen Gruppe zu gehören. Wer seiner Clique widerspricht, riskiert etwas. Plötzlich steht er nicht mehr selbstverständlich innerhalb des „Wir“. Und genau deshalb zeigt sich Rückgrat möglicherweise viel weniger darin, dem Gegner die Meinung zu sagen, als den eigenen Leuten.

Dem politischen Gegner zu erklären, dass er Unsinn redet, ist keine besondere Mutprobe. Dafür ist er schließlich der Gegner. Interessanter wird es, wenn der Freund, Kollege, Parteifreund oder Stammtischbruder Unsinn redet und man sagt: Nein. Da mache ich nicht mit.

Vielleicht liegt hier auch einer der Gründe, warum ich den berühmten Satz „Der Klügere gibt nach“ nie besonders mochte. Als Empfehlung für den Alltag kann er vernünftig sein. Nicht jeder Streit lohnt sich, und nicht jeder Idiot braucht eine persönliche Fortbildung. Als gesellschaftliches Prinzip ist er allerdings eine Katastrophe. Wenn die Vernünftigen immer nachgeben, schweigen oder wegsehen, lernen die Lauten daraus nicht Bescheidenheit. Sie lernen, dass es funktioniert.

Humor braucht mehr als ein Opfer

Menschen, die andere lächerlich machen, halten sich erstaunlich häufig für humorvoll. Zwischen dieser Selbsteinschätzung und der tatsächlichen Begabung besteht allerdings nicht immer ein erkennbarer Zusammenhang.

Ich mag Sarkasmus. Ich mag Ironie und Satire. Gerade deshalb ärgert mich, was gelegentlich unter diesen Begriffen entsorgt wird. Einen Menschen anzusehen und sich über seine Kleidung, seinen Körper, seine Stimme, seine Herkunft oder seine Sexualität lustig zu machen, ist zunächst keine besondere humoristische Leistung. Das kann jedes Kind auf einem Schulhof. Erwachsene besitzen lediglich einen größeren Wortschatz und können denselben Vorgang dadurch etwas aufwendiger gestalten.

Guter Sarkasmus braucht ein Ziel, aber nicht zwingend ein Opfer. Er findet Widersprüche, Überheblichkeit, Doppelmoral, Macht und Absurdität und stellt sie so ins Licht, dass sie sich möglichst selbst erledigen. Dafür braucht man Beobachtungsgabe, Sprache, Timing und gelegentlich sogar Intelligenz. „Schau mal, was der anhat“ hat auf diesem Ausbildungsweg noch einige Semester vor sich.

Der primitive Spott erfüllt ohnehin oft eine andere Funktion. Er erzeugt Rang. Wer jemanden kleiner macht, kann sich für einen Augenblick größer fühlen, ohne selbst auch nur einen Zentimeter gewachsen zu sein. Das ist außerordentlich effizient. Persönliche Entwicklung kostet Jahre. Für Herablassung reichen zehn Sekunden.

Diese zehn Sekunden sind allerdings nicht für jeden gleich lang. Wer einen dummen Spruch macht, hat ihn möglicherweise fünf Minuten später vergessen. Wer seit Jahren Bemerkungen über seinen Körper, seine Herkunft, seine Stimme, seine Sexualität oder irgendeine andere Eigenschaft hört, sammelt diese kleinen Momente. Für den einen war es ein Witz. Für den anderen war es Nummer 387.

Wenn der irgendwann gereizt reagiert, kommt die große Verteidigung: „War doch nur Spaß.“

Ein bemerkenswerter Satz. Zuerst bestimme ich, was ich sagen darf, und anschließend möchte ich auch noch bestimmen, wie du darauf reagieren darfst. Wenn du verletzt bist, liegt das Problem plötzlich nicht mehr bei meinem Spruch, sondern bei deinem fehlenden Humor. So einfach kann Verantwortung sein, wenn man sie vollständig dem anderen überlässt.

Ein Staatsexamen enthält keine Charakterprüfung

Dass die Gruppe vor dem Gericht aus Jurastudenten bestand, gibt der Geschichte eine zweite Ebene. Nicht weil Jurastudenten charakterlich verdächtiger wären als andere Menschen. Das wäre genauso albern wie die Vorstellung, sie seien automatisch charakterlich überlegen.

Genau diese zweite Vorstellung pflegen wir allerdings erstaunlich gern. Wir verwechseln Bildung, Intelligenz, gesellschaftlichen Status und Charakter. Wer Medizin, Jura oder Ingenieurwissenschaften studiert hat, bekommt schnell einen menschlichen Zusatzbonus, obwohl auf dem Abschlusszeugnis nichts dergleichen steht.

Ein Studium ist eine Leistung. Ein schwieriges Studium erst recht. Es verlangt Wissen, Disziplin und die Fähigkeit, Prüfungen zu bestehen. Das darf Anerkennung finden. Nur existiert zwischen akademischer Qualifikation und menschlicher Qualität kein automatisches Verbindungskabel.

Ein hervorragender Arzt kann menschlich unerträglich sein. Ein brillanter Ingenieur kann die kompliziertesten technischen Zusammenhänge verstehen und gleichzeitig unfähig sein zu erkennen, wann er einen Menschen verletzt. Ein Jurist kann ganze Bücher über Grundrechte lesen und trotzdem privat eine bemerkenswerte Begabung für Herablassung entwickeln. Umgekehrt kann jemand, der nie eine Universität betreten hat, mehr Empathie, Anstand und soziale Intelligenz besitzen als drei Professoren zusammen.

Vielleicht sollten wir ohnehin stärker zwischen Intelligenz, Bildung, Klugheit und Charakter unterscheiden. Ein intelligenter Mensch kann komplizierte Probleme lösen. Ein gebildeter Mensch kann sehr viel wissen. Ein kluger Mensch erkennt Zusammenhänge. Ein Mensch mit Charakter erkennt hoffentlich gelegentlich auch, wann er selbst gerade das Problem ist.

Keine dieser Eigenschaften garantiert die andere.

Die Sockel bauen nicht nur die, die darauf stehen

Dabei wäre es zu einfach, nur über arrogante Akademiker oder selbstgefällige Prominente zu reden. Denn gesellschaftliche Hierarchien entstehen nicht allein durch diejenigen, die oben stehen. Wir anderen bauen kräftig an den Sockeln mit.

Wir behandeln einen Chefarzt anders als einen Pfleger, einen Professor anders als einen Handwerker, einen bekannten Schauspieler anders als einen Komparsen und einen erfolgreichen Unternehmer anders als den Menschen, der morgens sein Büro putzt. Ein Teil davon ist verständlich. Fachwissen verdient Vertrauen, Verantwortung darf Anerkennung finden und außergewöhnliche Leistungen können beeindrucken.

Problematisch wird es, wenn wir aus fachlichem Rang menschlichen Rang machen. Dann wird aus Kompetenz Bedeutung, aus Bedeutung Status und aus Status irgendwann vermeintlicher menschlicher Wert. Menschen werden anders behandelt, bevor sie überhaupt Gelegenheit hatten zu zeigen, wer sie sind.

Während meiner früheren Arbeit als Produktionsleiter beim Fernsehen habe ich deshalb irgendwann eine Theorie entwickelt, die für Fans ernüchternd sein kann: Manche Idole sollte man besser nicht persönlich kennenlernen.

Aus der Entfernung lassen sich Menschen hervorragend perfektionieren. Man kennt ihre Filme, Rollen, Musik, Bücher, Interviews und öffentlichen Auftritte. Aus diesen Ausschnitten baut man sich einen Menschen. Dann begegnet man ihm tatsächlich, und das kann wunderbar sein. Manchmal ist jemand sogar sympathischer, wärmer und interessanter, als man erwartet hatte. Manchmal geschieht allerdings auch das Gegenteil, und der Sockel leert sich in beeindruckender Geschwindigkeit.

Nähe ist für manche Idole ein erhebliches Image-Risiko.

Vielleicht ist daran nicht einmal nur das Idol schuld. Wer jahrelang bevorzugt behandelt wird, muss schon einen ziemlich stabilen Charakter besitzen, um nicht irgendwann zu glauben, diese Behandlung sei Ausdruck des natürlichen Weltgefüges. Status offenbart Charakter vermutlich häufiger, als dass er ihn erzeugt. Aber wir sollten uns nicht wundern, wenn jemand irgendwann auf uns herabblickt, nachdem wir ihm jahrelang einen Thron gebaut haben.

Eines muss ich aber auch feststellen, die meisten Promis sind schwer in Ordung.

Respekt ja, Unterwerfung nein

Grundlegender Respekt muss für mich nicht verdient werden. Er sollte vorhanden sein. Das ist eine Frage von Erziehung, Höflichkeit und der simplen Erkenntnis, dass der Mensch vor mir denselben Anspruch auf Würde besitzt wie ich.

Dabei ist mir zunächst egal, ob er Professor, Schüler, Reinigungskraft, Arzt, Arbeitsloser, Minister oder Briefträger ist. Respekt ist der Ausgangspunkt. Achtung ist etwas anderes. Sie entsteht durch Verhalten und kann verloren gehen. Bewunderung geht noch weiter und muss tatsächlich verdient werden.

Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn wir diese drei Dinge nicht ständig verwechselten. Ein Titel kann fachliche Achtung begründen. Eine außergewöhnliche Leistung kann Bewunderung auslösen. Aber ein Titel ist kein Anspruch auf menschliche Unterordnung.

Und das gilt in beide Richtungen. Wer mir keinen Respekt entgegenbringt, verliert dadurch selbstverständlich nicht seine Menschenwürde. Er verliert aber sehr wohl den Anspruch darauf, dass ich seine Unverschämtheit schweigend hinnehme.

Anstand ist keine Wehrlosigkeit.

Man muss nicht auf jede Provokation reagieren. Aber man darf. Und wenn man es tut, muss man nicht grölen, beleidigen oder hassen. Die schönsten verbalen Gegenschläge sind ohnehin diejenigen, bei denen das Gegenüber erst einige Sekunden später merkt, dass es gerade getroffen wurde.

Vielleicht brauchen wir genau davon wieder etwas mehr: Menschen, die anständig genug sind, andere nicht grundlos herabzusetzen, und gleichzeitig genügend Rückgrat besitzen, sich selbst nicht herabsetzen zu lassen.

Denn die Jacke vor dem Gericht war nur eine Jacke.

Interessant wird die Geschichte erst, wenn wir uns fragen, was geschieht, sobald es nicht mehr um Kleidung geht. Sobald der andere anders liebt, anders glaubt, anders denkt, anders wählt oder sein Leben nach Regeln führt, die nicht unsere sind. Dann wird aus einer schlechten Pointe sehr schnell eine gesellschaftliche Frage.

Und plötzlich geht es nicht mehr darum, ob mir die Jacke eines anderen gefällt. Sondern darum, warum ich überhaupt glaube, dass sein Leben meine Zustimmung braucht.

Wenn aus Menschen Lager werden

Die Jacke vor dem Gericht war harmlos. Interessant wird derselbe Mechanismus dort, wo es nicht mehr um Kleidung geht, sondern um Lebensentwürfe, Sexualität, Religion, Herkunft oder politische Überzeugungen. Dann genügt es plötzlich nicht mehr, dass der andere anders ist. Sein Anderssein wird zur Stellungnahme gegen uns.

Besonders deutlich sieht man das im Umgang mit LGBTQ-Menschen. Aus vollkommen unterschiedlichen Individuen wird eine Kategorie. Aus einem Menschen wird „die Community“, „die Bewegung“, „die Agenda“ oder gleich eine ganze Ideologie. Das ist praktisch, denn Kategorien besitzen keine Gesichter. Man kann sie wesentlich leichter verachten als den Nachbarn, mit dem man seit zehn Jahren freundlich über den Gartenzaun spricht.

Dabei könnte die persönliche Ebene erstaunlich einfach sein. Zwei Männer lieben sich. Zwei Frauen leben zusammen. Jemand möchte keine Kinder, jemand möchte fünf. Ein anderer Mensch organisiert sein Leben vollkommen anders, als ich meines organisieren würde. Was genau verändert das an meinem Dienstag? Schmeckt mein Kaffee schlechter? Wird meine eigene Beziehung dadurch weniger wert? Muss ich einen Teil meines Schlafzimmers abgeben?

Nichts davon geschieht.

Vielleicht irritiert uns das fremde Leben manchmal gerade deshalb, weil es ohne ein einziges Argument etwas beweist: Man kann auch anders leben. Wer sein eigenes Lebensmodell nicht nur für gut, sondern für das einzig richtige hält, erlebt bereits die Existenz einer Alternative als Störung.

Hier wäre ein wenig freundliche Gleichgültigkeit möglicherweise eine gesellschaftliche Errungenschaft. Ich muss nicht alles verstehen, nicht alles schön finden und schon gar nicht alles selbst ausprobieren. Manchmal reicht ein ausgesprochen einfacher Gedanke: Es ist sein Leben, nicht meines.

Menschen haben Würde, Ideen brauchen Argumente

Allerdings darf daraus nicht der nächste Unsinn entstehen. Toleranz bedeutet nicht, dass alles, was ein Mensch glaubt, fordert oder politisch durchsetzen möchte, ebenfalls toleriert werden muss.

Hier verläuft eine Grenze, die in vielen Diskussionen hoffnungslos verwischt wird. Ein Mensch besitzt Würde. Seine Ideen besitzen Argumente – oder eben keine.

Ich kann einen homosexuellen Menschen respektieren und trotzdem eine konkrete Forderung eines LGBTQ-Verbandes ablehnen. Ich kann einen gläubigen Muslim respektieren und den politischen Islam entschieden ablehnen. Ich kann einen konservativen Menschen achten und seine Vorstellungen von Gesellschaft für falsch halten. Ich kann einen progressiven Menschen respektieren und trotzdem glauben, dass eine seiner Forderungen kompletter Unsinn ist.

Das müsste eigentlich selbstverständlich sein.

Sobald aus einer privaten Lebensweise ein Anspruch darauf wird, wie andere leben sollen, beginnt Politik. Und Politik darf nicht nur kritisiert werden, sie muss kritisiert werden können. Wer Regeln für andere fordert, muss begründen, warum. Wer gesellschaftliche Macht beansprucht, muss Widerspruch aushalten. Wer Rechte einschränken möchte, muss sich an Recht und Verfassung messen lassen.

Toleranz verlangt deshalb nicht, jede Ideologie zu umarmen. Sie verlangt, den Menschen hinter einer Idee nicht seiner Würde zu berauben.

Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Das Zeitalter der Etiketten

Nur scheinen wir zunehmend Schwierigkeiten zu haben, diese Unterschiede auszuhalten. Statt Argumente zu prüfen, sortieren wir Menschen in Lager.

Rechts. Links. Woke. Nazi. Gutmensch. Schwurbler. Faschist. Ideologe.

Hat das Etikett erst einmal geklebt, wird das Zuhören erheblich einfacher, weil man damit aufhören kann.

Das betrifft keineswegs nur eine politische Seite. Wer beispielsweise kontrollierte Migration, funktionierende Grenzen und die Durchsetzung bestehender Gesetze fordert, ist deshalb noch nicht rechtsextrem. Ebenso wenig ist jemand ein weltfremder „Gutmensch“, nur weil er der Meinung ist, tatsächlich verfolgte Menschen müssten Schutz erhalten.

Beides kann sogar derselbe Mensch denken. Das ist nur dann erstaunlich, wenn man Menschen für Parteiprogramme hält.

Wir scheinen zunehmend zu erwarten, dass eine Meinung im Paket geliefert wird. Wer bei Thema A auf dieser Seite steht, soll gefälligst bei B, C und D ebenfalls dort stehen. Weicht er ab, wird er verdächtig. Dabei wäre gerade das Gegenteil ein Zeichen eigenständigen Denkens.

Ich kann die Polizei für unverzichtbar halten und Fehlverhalten von Polizisten kritisieren. Ich kann einen starken Sozialstaat wollen und gleichzeitig glauben, dass der Staat an manchen Stellen Geld verschwendet. Ich kann für gleiche Rechte homosexueller Menschen sein und einzelne Forderungen queerer Aktivisten ablehnen. Ich kann Zuwanderung für notwendig halten und unkontrollierte Migration für einen schweren politischen Fehler.

Ein Mensch darf sogar gleichzeitig vernünftig und widersprüchlich sein. Das unterscheidet ihn von einem Wahlplakat.

„Das ist meine Meinung“

Noch schwieriger wird es, wenn zu den Lagern die Fakten kommen. Der Satz „Das ist eben meine Meinung“ hat sich zu einer Art intellektueller Schutzweste entwickelt. Wer ihn ausspricht, scheint gelegentlich zu glauben, damit sei jede weitere Diskussion beendet.

Natürlich darf jeder eine eigene Meinung haben. Aber nicht jede Behauptung ist eine Meinung. Wenn ich sage, meine Jacke sei wunderschön, ist das eine Meinung. Wenn der Jurastudent sie scheußlich findet, ist auch das eine Meinung. Wir können beide zufrieden nach Hause gehen.

Wenn ich dagegen behaupte, Berlin liege südlich von München, habe ich keine alternative Meinung entwickelt. Ich liege schlichtweg falsch, entweder weil ich dann dumm bin, ungebildet oder einfach nur jemand, der auch freiwillig gegen eine Mauer läuft.

Das Recht auf eine eigene Meinung beinhaltet kein Recht auf eigene Tatsachen.

Das Problem unserer Lagergesellschaft besteht darin, dass selbst Fakten inzwischen häufig danach beurteilt werden, wem sie politisch nützen. Eine Information aus dem eigenen Lager bekommt Vorschussvertrauen. Kommt dieselbe Information von der falschen Seite, wird zunächst der Absender untersucht und erst danach, wenn überhaupt, die Aussage.

Damit wird Politik zum Fußballspiel. Foult der eigene Spieler, war es ein harter Zweikampf. Macht der Gegner dasselbe, war es ein Skandal.

Im Stadion mag das dazugehören. Für eine Gesellschaft, die vernünftige Entscheidungen treffen möchte, ist es eher hinderlich.

Vielleicht darf man sich sogar irren

Hinzu kommt eine weitere Unsitte: Wir behandeln eine Meinungsänderung wie eine Niederlage. Ein Politiker, Wissenschaftler oder ganz normaler Mensch sagt heute etwas anderes als vor fünf Jahren, und sofort wird ihm vorgeworfen, er habe seine Meinung geändert. Dabei müsste die entscheidende Frage doch lauten: Warum?

Vielleicht hat er etwas gelernt.

Vielleicht sind neue Fakten hinzugekommen.

Vielleicht hat sich die Situation verändert.

Vielleicht war er früher schlicht im Irrtum.

„Ich habe mich geirrt“ müsste eigentlich zu den intelligentesten Sätzen gehören, die ein Mensch aussprechen kann. Stattdessen behandeln wir ihn häufig wie ein Geständnis des Versagens.

Damit schaffen wir einen perversen Anreiz. Menschen verteidigen Positionen, von denen sie selbst längst ahnen, dass sie falsch sind, weil das Eingeständnis eines Irrtums als Schwäche gilt. Eine Gesellschaft, die Lernen verlangt, aber Meinungsänderungen bestraft, hat ihr eigenes Betriebssystem nicht vollständig durchdacht.

Ein gesundes Wir braucht kein minderwertiges Die

Vielleicht liegt unter all diesen Phänomenen aber etwas viel Älteres.

Menschen bilden Gruppen. Das haben wir nicht mit Facebook erfunden und auch nicht mit Parteien, Religionen oder Fußballvereinen. Zugehörigkeit ist ein grundlegender Bestandteil menschlichen Zusammenlebens. Gruppen geben Sicherheit, Identität, Schutz und Zusammenarbeit.

Daran ist nichts falsch. Vielleicht brauchen wir sogar ein Wir. Das Problem beginnt dort, wo unser Wir ein minderwertiges Die benötigt, um sich selbst wertvoll zu fühlen.

Dann reicht es nicht mehr, zur eigenen Gruppe zu gehören. Die andere muss dümmer, gefährlicher, unmoralischer oder lächerlicher sein. Aus Zugehörigkeit wird Rangordnung. Und plötzlich sind wir wieder bei den Jurastudenten vor dem Gericht.

Nur die Jacke wechselt.

Heute trägt sie vielleicht ein Schwuler, morgen ein Muslim, übermorgen ein Konservativer, ein Linker, ein Migrant, ein alter weißer Mann, eine Feministin oder irgendein anderer Mensch, den die eigene Gruppe gerade als geeignetes Gegenmodell entdeckt hat.

Das Verfahren bleibt erstaunlich ähnlich: Wir hier. Die dort. Ein gesundes Wir müsste das eigentlich nicht brauchen.

Sind wir überhaupt dafür gebaut?

Damit kommen wir zu einer unangenehmen Zukunftsfrage: Wird sich das jemals grundlegend ändern?

Vielleicht nur teilweise.

Bestimmte Verhaltensneigungen des Menschen sind älter als unsere Demokratien. Wir sind soziale Wesen. Wir suchen Zugehörigkeit, achten auf Rang, reagieren auf Zustimmung unserer Gruppe und unterscheiden erstaunlich schnell zwischen vertraut und fremd. Für unsere Vorfahren konnte diese Fähigkeit überlebenswichtig sein. Eine fremde Gruppe konnte tatsächlich Konkurrenz, Gefahr oder den Verlust von Ressourcen bedeuten.

Unsere Umwelt hat sich allerdings schneller verändert als manche unserer Reflexe.

Technologisch schicken wir Sonden durch das Sonnensystem, entwickeln künstliche Intelligenz und beginnen ernsthaft darüber nachzudenken, Menschen zum Mars zu bringen. Gesellschaftlich können wir gleichzeitig noch daran scheitern, dass der Mann neben uns eine ungewöhnliche Jacke trägt. Das besitzt eine gewisse Komik.

Aber unsere biologische Geschichte ist keine Entschuldigung. Selbst wenn bestimmte Impulse tief in uns liegen, folgt daraus nicht, dass wir ihnen gehorchen müssen. Genau darin könnte Zivilisation bestehen. Nicht darin, keinen ersten Impuls mehr zu haben. Sondern darin, zwischen Impuls und Handlung einen Gedanken zu bekommen.

Ich sehe einen Menschen und denke: merkwürdig. Ich höre eine Meinung und denke: vollkommen bescheuert. Ich sehe eine Lebensweise und weiß: Für mich wäre das nichts.

Bis dahin ist überhaupt nichts passiert. Entscheidend ist, was danach kommt.

Vielleicht ist das der Fortschritt

Vielleicht werden Menschen auch in hundert Jahren Gruppen bilden, nach Anerkennung suchen, sich vergleichen und manchmal glauben, die eigene Gruppe sei ein wenig klüger als der Rest der Welt.

Vielleicht bekommen wir diesen Teil des Menschen niemals vollständig weg. Möglicherweise müssen wir das auch gar nicht. Denn der Mensch besitzt neben seinen Stammesreflexen noch etwas anderes: die Fähigkeit, sie zu erkennen. Er kann über das eigene Verhalten nachdenken, Regeln schaffen, Rechte garantieren, sich selbst korrigieren und sogar feststellen, dass die eigene Gruppe gerade Unsinn erzählt.

Vielleicht ist genau das Rückgrat: nicht immer den anderen entgegenzutreten, sondern gelegentlich den eigenen Leuten. Und vielleicht ist genau das Charakter: einem Menschen Würde zuzugestehen, obwohl man weder seine Meinung noch seine Lebensweise teilt. Wir müssen deshalb nicht darauf warten, dass irgendeine zukünftige Generation genetisch zum besseren Menschen mutiert. Wahrscheinlich wird auch der Mensch des Jahres 2126 gelegentlich jemanden auf der Straße sehen und denken: Mein Gott, was hat der denn an?

Das wäre überhaupt kein Problem. Der gesellschaftliche Fortschritt bestünde möglicherweise darin, dass er anschließend einfach weitergeht. Denn auch im Jahr 2126 muss ihm die Jacke nicht gefallen.

Er müsste nur endlich begriffen haben, dass sie ihn nichts angeht.

Beitragsbild erstellt von ChatGPT – Nach einem Prompt von mir

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