Es gibt Menschen, die hören politische Sätze nicht als Meinung.
Sie hören sie als Drohung.
Nicht, weil sie überempfindlich sind. Nicht, weil sie keine Debatte aushalten. Nicht, weil sie bei jedem harten Wort zusammenbrechen wie ein schlecht gestapelter Pappkarton im Regen.
Sondern weil sie längst mit dem Rücken zur Wand stehen.
Vor ihnen liegen Rechnungen. Miete. Strom. Medikamente. Pflegebescheide. Briefe vom Amt. Mahnungen, die man nicht sofort öffnet, weil man vorher noch einmal atmen muss. Termine, die nicht warten. Krankheiten, die nicht verschwinden. Angehörige, die versorgt werden müssen. Kinder, die trotzdem etwas brauchen. Alte Eltern. Kaputte Waschmaschinen. Steigende Preise. Sinkende Kraft.
Und dann kommt ein Politiker ans Mikrofon und erklärt, dieses Land müsse wieder mehr arbeiten.
Dann sagt ein anderer, der Sozialstaat sei so nicht mehr finanzierbar.
Dann fordert einer, das Bürgergeld müsse auf das „absolut verfassungsrechtliche Minimum“ reduziert werden.
Dann wird über Wohngeld geredet, als sei es eine Art politischer Komfortzuschlag und nicht für viele Menschen die dünne Schicht zwischen Wohnung und Absturz.
Und unten sitzt jemand am Küchentisch und hört nicht Reform.
Er hört: Du bist zu teuer.
Er hört: Du strengst dich nicht genug an.
Er hört: Wenn gespart werden muss, fangen wir bei dir an.
So entsteht Wut.
Nicht die billige Wut, die nur einen Feind sucht. Nicht die Wut, die morgens schon mit dem Messer zwischen den Zähnen aufwacht, weil sie sich ohne Hass nicht mehr spürt. Sondern die tiefere Wut eines Menschen, der langsam begreift, dass über sein Leben entschieden wird, ohne dass seine Wirklichkeit darin vorkommt.
Diese Wut wächst nicht, weil Menschen zu wenig verstehen.
Sie wächst, weil sie zu viel verstanden haben.
Sie haben verstanden, dass ihre Erschöpfung in vielen politischen Debatten nicht als Leistung gesehen wird. Sie haben verstanden, dass Pflegearbeit oft erst dann zählt, wenn sie ein Pflegedienst abrechnet. Sie haben verstanden, dass Krankheit in Wahlkampfsprache schnell nach Ausrede klingt. Sie haben verstanden, dass Armut in diesem Land selten als strukturelles Problem behandelt wird, sondern viel zu oft als moralischer Verdacht.
Und sie haben verstanden, dass viele über sie reden, aber kaum jemand wirklich neben ihnen steht.
Da ist der Mensch, der arbeitet und trotzdem aufstocken muss. Morgens raus, Stunden leisten, zurückkommen, rechnen, schieben, kürzen. Er ist nicht das Gegenbild zur Leistungsgesellschaft. Er ist ihr Beweisstück. Er zeigt, dass Arbeit allein nicht mehr immer trägt.
Da ist die Frau, die ihre Mutter pflegt. Sie organisiert Medikamente, Termine, Anträge, Körperpflege, Fahrten, Nächte, Angst, Würde. Sie arbeitet. Nur nicht so, dass es in den Parolen über Wohlstand und Arbeitszeit vorkommt. Wenn jemand ihr sagt, das Land müsse mehr arbeiten, könnte sie eigentlich lachen. Wenn sie nicht so müde wäre.
Da ist der kranke Mensch im Bürgergeld. Nicht faul. Nicht bequem. Nicht heimlich im Liegestuhl der sozialen Hängematte. Sondern mit Schmerzen, Depressionen, chronischen Erkrankungen, Angst vor jedem Brief, Scham vor jedem Antrag und einem Körper, der längst nicht mehr das tut, was politische Härte von ihm verlangt.
Da ist die Rentnerin, die bei der Tafel steht. Nicht, weil sie vergessen hat, sich anzustrengen. Nicht, weil sie das Leben falsch verstanden hat. Sondern weil Miete, Strom, Lebensmittel, Medikamente und ein paar Jahrzehnte politischer Versäumnisse irgendwann zusammen eine Summe bilden, die auf ihrem Konto nicht mehr aufgeht.
Da ist der Mensch, der Wohngeld bekommt. Vielleicht knapp. Vielleicht nur so viel, dass am Ende des Monats nicht ganz alles kippt. Und wenn dann darüber geredet wird, einem Teil dieser Menschen diese Hilfe wieder zu nehmen, dann verschwindet für ihn nicht einfach eine Zahl aus einem Haushaltstitel.
Dann verschwindet Abstand.
Abstand zwischen Wohnung und Kündigung. Abstand zwischen Angst und Panik. Abstand zwischen Noch-geht-es-irgendwie und Jetzt-geht-es-nicht-mehr.
Wer am Wohngeld spart, spart nicht an Komfort. Er spart an der letzten dünnen Wand zwischen Menschen und Wohnungsangst.
Besonders entlarvend wird es dort, wo politische Härte plötzlich nach Verfassung riechen soll.
Markus Söder fordert, das Bürgergeld auf das „absolut verfassungsrechtliche Minimum“ zu reduzieren. Das klingt präzise. Fast staatstragend. Als läge irgendwo im Grundgesetz eine geheime Tabelle, in der steht, wie wenig ein armer Mensch gerade noch bekommen darf, ohne dass Karlsruhe die Stirn runzelt.
Aber diese Zahl gibt es nicht.
Das Grundgesetz nennt keinen festen Bürgergeldbetrag. Es garantiert ein menschenwürdiges Existenzminimum. Und dieses Minimum ist nicht die Frage, wie viele Kalorien ein Mensch braucht, um nicht sofort umzufallen. Es ist die Frage, was ein Mensch braucht, um in diesem Land noch als Mensch leben zu können.
Essen. Kleidung. Strom. Körperpflege. Mobilität. Ein Telefon. Die minimale Möglichkeit, nicht vollständig aus dem gesellschaftlichen Leben zu verschwinden.
Genau deshalb ist Söders Formulierung so durchschaubar.
Sie klingt nach Rechtsstaat.
Sie meint Kürzung.
Sie klingt nach Verfassung.
Sie meint Druck.
Sie klingt nach Ordnung.
Sie meint die Frage, wie weit man bei den Schwächsten gehen kann, bevor ein Gericht sagt: Bis hierher und nicht weiter.
Das ist keine Sozialpolitik. Das ist eine Nebelkerze mit Paragraphenduft.
Und Alexander Dobrindt macht die Nebelmaschine gleich mit an, wenn er den Regelsatz für zu hoch hält und das Bürgergeld als Sparfeld für den Haushalt entdeckt. Plötzlich wird das Existenzminimum zur Schatztruhe der Konsolidierung. Nicht bei sehr hohen Vermögen. Nicht bei mächtigen Interessen. Nicht dort, wo Geld in ganz anderen Größenordnungen sitzt. Sondern dort, wo Menschen am Ende des Monats ohnehin schon die Münzen im Kopf zählen.
Wer das Bürgergeld kürzen will, soll nicht mit großen Worten anfangen. Er soll mit einer Liste anfangen.
Was genau soll weg?
Essen?
Strom?
Kleidung?
Körperpflege?
Ein Busticket?
Das Telefon?
Die Möglichkeit, einmal im Monat nicht nur zu existieren, sondern am Leben teilzunehmen?
Diese Debatte tut so, als sei im Bürgergeld ein versteckter Luxusraum eingebaut, den man nur noch herausreißen müsse. Tatsächlich reden wir über Menschen am unteren Rand dieses Landes. Über Menschen, die ohnehin jeden Euro drehen, bevor sie ihn ausgeben. Über Menschen, die nicht mehr viel Spielraum haben, bevor aus Sparen Verzicht wird und aus Verzicht Absturz.
Söders Satz ist deshalb so billig, weil er vorgibt, juristisch genau zu sein, während er politisch ungenau bleibt.
Er sagt nicht, welcher reale Bedarf angeblich zu viel ist.
Er sagt nicht, welche Lebensnotwendigkeit gestrichen werden soll.
Er sagt nicht, wie man mit weniger Geld noch würdig leben soll.
Er sagt nur: runter.
Und damit ist die Botschaft klar.
Nicht der Staat soll genauer rechnen.
Die Armen sollen enger leben.
Und genau hier beginnt die Frage, die mich vielleicht am meisten beschäftigt:
Warum wird das nicht gesehen? Vielleicht ist die Antwort schlimmer als die Frage.
Denn vieles davon wird gesehen. Von Pflegern. Sozialarbeitern. Lehrern. Hausärzten. Tafeln. Schuldnerberatungen. Jobcenter-Mitarbeitern. Angehörigen. Nachbarn. Von Menschen also, die nah genug dran sind, um zu wissen, was ein voller Briefkasten, ein leerer Kühlschrank oder eine Nacht neben einem Pflegebett bedeuten kann.
Aber diese Menschen entscheiden meistens nicht.
Und die, die entscheiden, sind oft weit genug entfernt, um aus Not eine Kategorie zu machen.
Aus einem kranken Menschen wird ein Leistungsbezieher.
Aus einer Rentnerin wird ein Haushalt.
Aus einem pflegenden Angehörigen wird eine private Betreuungsleistung.
Aus einem Menschen mit Angst vor der Miete wird ein Wohngeldfall.
Aus Erschöpfung wird Statistik.
Aus Verzweiflung wird Verwaltungsaufwand.
So verschwindet der Mensch, ohne dass jemand ihn ausdrücklich wegschieben muss.
Das ist vielleicht die brutalste Form politischer Entfernung: Man muss die Schwachen nicht hassen, um sie zu übersehen. Es reicht, wenn man sie nur noch als Kostenstelle wahrnimmt.
Not ist außerdem oft leise.
Sie geht nicht in Talkshows. Sie schreibt keine Positionspapiere. Sie hat keine Lobby mit Empfang im Ministerium. Sie sitzt am Küchentisch, rechnet, schämt sich, schweigt, schläft schlecht und versucht, den nächsten Monat zu überstehen.
Die lautesten Menschen sind selten die erschöpftesten.
Und genau deshalb verlieren viele Betroffene schon im ersten Schritt. Nicht, weil ihre Lage weniger ernst wäre. Sondern weil sie weniger Durchsetzungskraft hat.
Konzerne haben Verbände. Branchen haben Gesprächsrunden. Vermögende haben Netzwerke. Immobilieninteressen haben Zugänge. Plattformen haben Reichweite.
Not hat meistens nur einen Antrag. Und manchmal nicht einmal mehr die Kraft, ihn auszufüllen. Dazu kommt etwas noch Unangenehmeres: Armut wird in diesem Land viel schneller moralisiert als Reichtum.
Bei Unternehmen spricht man von Entlastung.
Bei Armen von Kontrolle.
Bei Vermögen spricht man von Leistung.
Beim Bürgergeld von Anreiz.
Bei hohen Einkommen spricht man von Fachkräften, Leistungsträgern und Standort.
Bei niedrigen Einkommen von Zumutbarkeit.
Diese unterschiedliche Sprache ist kein Nebengeräusch. Sie ist Teil des Problems. Menschen spüren sehr genau, ob ein Staat ihnen mit Vertrauen begegnet oder mit Verdacht.
Vielleicht wird die Not also nicht wirklich übersehen.
Vielleicht wird sie sortiert. Eingeordnet. Verwaltet. Verkleinert.
So lange, bis sie politisch handhabbar wird und menschlich kaum noch wehtut. Aber unten tut sie weh. Jeden Tag. Und genau deshalb ist der politische Ton so gefährlich geworden.
Nicht jede Reform ist falsch. Nicht jede soziale Leistung ist perfekt. Nicht jeder Euro ist automatisch gut ausgegeben. Natürlich muss ein Staat prüfen, steuern, verändern, anpassen. Natürlich gibt es Missbrauch. Natürlich gibt es Menschen, die Systeme ausnutzen. Es wäre albern, das zu bestreiten.
Aber es ist genauso albern, aus Ausnahmen eine politische Weltanschauung zu bauen.
Wer über Millionen Bedürftige, Kranke, Pflegende, Alleinerziehende, Arbeitslose, Aufstocker und Rentner spricht, als bestünde das Land hauptsächlich aus Drückebergern, der beschreibt nicht die Wirklichkeit.
Er erzieht die Gesellschaft zur Verachtung. Das ist der Punkt. Die Wut entsteht nicht nur durch Geldmangel. Sie entsteht durch Demütigung.
Durch das Gefühl, dass unten jeder Euro moralisch verhört wird, während oben sehr viel vorsichtiger gesprochen wird. Über Vermögen. Über Erbschaften. Über sehr hohe Einkommen. Über Steuerprivilegien. Über Lobbyinteressen. Über Dienstwagen. Über die Frage, warum der Staat bei manchen Gruppen den Rotstift wie ein Skalpell führt und bei anderen eher wie eine Feder streichelt.
Unten heißt es Eigenverantwortung.
Oben heißt es Standortpolitik.
Unten heißt es Anreiz.
Oben heißt es Entlastung.
Unten heißt es Zumutbarkeit.
Oben heißt es Planungssicherheit.
Und dann wundert man sich über Wut. Man wundert sich wirklich.
Als sei Wut ein meteorologisches Ereignis, das aus heiterem Himmel über das Land zieht. Als hätten Menschen plötzlich grundlos schlechte Laune bekommen. Als sei Empörung eine Charakterstörung der Bürger und nicht auch das Ergebnis einer Politik, die viel zu oft nach unten streng und nach oben verständnisvoll klingt.
Besonders bitter wird es bei den Parteien, die das christliche Menschenbild vor sich hertragen wie eine kostbare Monstranz.
Die Union spricht gern von Verantwortung, Würde, Ordnung, Leistung, Freiheit und Solidarität. Das sind schöne Worte. Große Worte. Worte, die in Grundsatzprogrammen gut aussehen und auf Parteitagen warm beleuchtet werden.
Aber in der politischen Alltagsmusik klingt davon oft erstaunlich wenig nach Barmherzigkeit.
Da klingt es nach mehr arbeiten. Nach Bürgergeld kürzen. Nach härter sanktionieren. Nach Sozialstaat zu teuer. Nach Leistungspflicht. Nach Ordnung. Nach dem alten Reflex, dass Armut vor allem dort gesucht wird, wo wenig Geld ist, und selten dort, wo viel Macht sitzt.
Das Problem der Union ist nicht das C im Namen.
Das Problem ist, dass ihre harte Sprache immer öfter klingt, als sei vom christlichen Menschenbild nur noch der erhobene Zeigefinger übrig.
Vielleicht ist das ungerecht gegenüber manchen in dieser Partei. Es gibt dort sicher Menschen, die sozialer denken, differenzierter sprechen, menschlicher handeln wollen. Aber die prägende Lautstärke kommt gerade oft von denen, die Härte mit Klarheit verwechseln und Zukunft mit Rückgriff.
Die Union wirkt in diesen Momenten wie eine alte Sprachmaschine, die auf jede Krise dieselben Antworten ausspuckt: mehr arbeiten, härter sanktionieren, stärker kontrollieren, weniger Sozialstaat, mehr Eigenverantwortung.
Aber dieses Land steckt nicht im Jahr 1985 fest.
Es steckt in einer Zeit, in der Pflege explodiert, Mieten drücken, Arbeit sich verändert, psychische Krankheiten zunehmen, Verwaltungen ächzen, Schulen kämpfen, Infrastruktur bröckelt, Digitalisierung hinterherläuft und immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass die Zukunft ihnen nicht entgegenkommt, sondern auf sie zufährt.
Darauf mit Parolen aus dem letzten Jahrhundert zu antworten, ist kein Konservatismus.
Es ist politische Ideenarmut mit Krawatte.
Und ja, ich schreibe das nicht aus sicherer Entfernung.
Ich kenne dieses Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Nicht als politische Metapher, sondern als Zustand. Wenn zu viele Dinge gleichzeitig einprasseln. Wenn Geld, Zukunft, Verantwortung, Behörden, Krankheit, Alter, Verlust und die tägliche Erschöpfung nicht mehr nacheinander kommen, sondern übereinander. Wenn man morgens nicht aufsteht, weil alles gut ist, sondern weil Liegenbleiben auch keine Lösung wäre.
Aus dieser Lage heraus wird politische Kälte unerträglich.
Weil man dann nicht nur eine Rede hört. Nicht nur einen Satz. Nicht nur eine Parole über mehr Leistung, weniger Sozialstaat, härtere Sanktionen, mehr Eigenverantwortung.
Man hört: Sie meinen mich. Oder Menschen wie mich.
Menschen, die längst kämpfen. Menschen, die längst tragen. Menschen, die längst mehr geben, als sie eigentlich können. Menschen, die nicht am Rand stehen, weil sie nichts leisten wollen, sondern weil sie zu viel tragen, zu wenig Luft bekommen und trotzdem jeden Tag weiter müssen.
Das ist der Punkt, an dem Wut entsteht. Nicht als Laune. Sondern als Erkenntnis.
Vielleicht ist das meine größte Angst: Nicht, dass dieses Land keine klugen Menschen mehr hätte. Nicht, dass niemand mehr wüsste, was zu tun wäre. Sondern dass die Kräfte, die noch etwas aufbauen könnten, inzwischen so viel Energie darauf verwenden müssen, Schlimmeres zu verhindern.
Man kann ein Land nicht erneuern, wenn man gleichzeitig jeden Tag seine Brandmauern neu mauern muss.
Man kann keine Zukunft entwerfen, wenn die politische Debatte ständig wieder in die Kellerräume des letzten Jahrhunderts gezerrt wird.
Und man kann Menschen nicht dauerhaft um Vertrauen bitten, während sie erleben, dass ihre Sorgen zwar verwaltet, aber selten wirklich verstanden werden.
Vielleicht ist das Verzweifelte daran: Man sucht nach anderen.
Nach Menschen, die nicht nur zerstören wollen. Nicht nur zurückdrehen. Nicht nur schreien. Nicht nur Schuldige markieren. Nicht nur mit kalten Gesichtern erklären, warum unten noch mehr ausgehalten werden muss.
Man sucht nach Menschen, die dieses Land wirklich weiterbringen wollen.
Nicht als Parole. Nicht als Wahlplakat. Nicht als Talkshow-Satz. Sondern praktisch, menschlich, modern, anständig. Menschen, die begreifen, dass Zukunft nicht entsteht, wenn man Schwache demütigt, Arme verdächtigt, Kranke verwaltet und Überforderte belehrt.
Zukunft entsteht dort, wo ein Land seine Menschen nicht als Last behandelt, sondern als Grund, überhaupt Politik zu machen. Und genau hier wird es gefährlich. Denn Wut bleibt nicht leer. Wut sucht eine Adresse.
Wenn demokratische Politik Menschen mit berechtigter Wut nicht ernst nimmt, dann finden sich andere, die diese Wut einsammeln. Sie stellen sich daneben, zeigen auf eine Tür und sagen: Dort ist der Ausgang.
Die AfD zeigt seit Jahren auf diese Tür.
Sie tut so, als würde sie den Erniedrigten ihre Würde zurückgeben. Als würde sie den Überforderten Ordnung schenken. Als würde sie denen, die nicht mehr können, endlich eine Sprache geben. Aber hinter dieser Tür wartet keine Zukunft. Dort steht nur die Vergangenheit mit neuem Mikrofon.
Die AfD ist keine soziale Antwort auf die Wut der Schwachen. Sie ist ein Rückfall in autoritäre und ausgrenzende Denkmuster, gegen die die Bundesrepublik nach der Erfahrung von 1933 gerade gebaut wurde.
Sie heilt die Kälte nicht. Sie organisiert sie. Sie nimmt die Wut der Armen, Kranken, Überforderten und Abgehängten nicht, um ihnen ein besseres Leben zu bauen. Sie nimmt sie, um ein anderes Oben und Unten zu errichten. Mit anderen Feindbildern. Mit anderer Härte. Mit einer Ordnung, in der Würde nicht mehr allen gehört, sondern nach Zugehörigkeit verteilt wird.
Das ist keine Alternative. Das ist der nächste Absturz.
Und trotzdem wird diese Partei stärker. Nicht, weil sie gute Antworten hätte. Sondern weil viele Menschen nicht mehr glauben, dass die anderen überhaupt noch zuhören.
Das ist die gefährliche Wahrheit.
Die AfD muss gar nicht automatisch regieren, um das Land zu verändern. Sie kann auch aus der Opposition heraus alles verschieben. Sprache. Themen. Härte. Grenzen. Sie kann demokratische Parteien vor sich hertreiben. Sie kann dazu beitragen, dass die Union immer härter klingen will, um nicht noch mehr Wähler zu verlieren. Sie kann Parlamente blockieren, Debatten vergiften, Mehrheiten erschweren und Vertrauen weiter zersetzen.
Selbst wenn die AfD bei einer kommenden Bundestagswahl stärkste Kraft würde, wäre sie damit nicht automatisch an der Regierung. Deutschland wählt keinen Kanzler durch Zuruf und keine Regierung durch Empörung. Der Kanzler braucht eine Mehrheit im Bundestag. Ohne Partner bleibt auch die stärkste Kraft oft dort, wo sie formal hingehört: in der Opposition.
Aber genau daraus kann ein anderer Schaden entstehen.
Ein politischer Stillstand, in dem die AfD zu stark ist, um ignoriert zu werden, aber zu isoliert, um zu regieren. Eine Republik, in der Mehrheiten nur noch als Notkonstruktionen entstehen. Eine Regierung, die weniger gestaltet als verhindert. Neuwahlen, die vielleicht nur bestätigen, dass das Land nicht weiß, wohin mit sich.
Dann hätten wir keinen Aufbruch. Dann hätten wir einen Stau mit Blaulicht.
Und während oben taktiert wird, stehen unten weiter Menschen mit dem Rücken zur Wand. Das ist der Punkt, der mich wütend macht.
Nicht, dass Politik kompliziert ist. Das ist sie. Nicht, dass Reformen weh tun können. Das können sie. Nicht, dass ein Land rechnen muss. Natürlich muss es das.
Aber ein Land, das nur noch rechnet, ohne zu fühlen, wird kalt.
Und ein Land, das seine Schwachen kalt behandelt, verliert mehr als Geld.
Es verliert Vertrauen. Es verliert Zusammenhalt. Es verliert die Bereitschaft der Menschen, schwierige Wege mitzugehen.
Man kann Menschen viel zumuten, wenn sie spüren, dass die Zumutung gerecht verteilt ist. Man kann ihnen harte Wahrheiten sagen, wenn man sie nicht gleichzeitig verdächtigt. Man kann Reformen verlangen, wenn man vorher verstanden hat, was ihr Leben bereits verlangt.
Aber wer Menschen mit dem Rücken zur Wand noch mehr Druck macht, darf sich nicht wundern, wenn sie irgendwann nicht mehr nach Lösungen suchen, sondern nach einem Ausgang.
Das ist die Warnung.
Nicht die Wut ist das Problem.
Die Verachtung dieser Wut ist das Problem.
Und die politische Verführung dieser Wut ist die Gefahr.
Es reicht nicht, Menschen zu sagen, die AfD sei keine Lösung. Das stimmt, aber es reicht nicht. Wer verhindern will, dass Menschen durch diese falsche Tür gehen, muss ihnen eine echte zeigen.
Eine Politik, die zuhört.
Eine Politik, die Pflege nicht als Privatpech behandelt.
Eine Politik, die Arbeit so organisiert, dass sie Leben trägt und nicht verbraucht.
Eine Politik, die Krankheit nicht als Verdachtsfall ansieht.
Eine Politik, die Wohnen nicht als Marktspiel begreift, während Menschen Angst vor dem nächsten Bescheid haben.
Eine Politik, die Armut nicht demütigt.
Eine Politik, die Zukunft nicht mit alten Parolen beschwört, sondern mit modernen Antworten baut.
Vielleicht klingt das naiv. Aber naiv ist nicht, Menschlichkeit zu verlangen.
Naiv ist zu glauben, ein Land könne dauerhaft funktionieren, wenn Millionen Menschen das Gefühl bekommen, für seine Probleme verantwortlich gemacht zu werden, während sie selbst längst unter ihnen leiden.
Naiv ist zu glauben, man könne die AfD kleinreden, während man die Wut großzieht, von der sie lebt.
Naiv ist zu glauben, soziale Kälte bleibe folgenlos.
Sie bleibt es nicht.
Sie frisst sich durch Küchen, Krankenzimmer, Pflegebetten, Jobcenter, Tafeln, Mietwohnungen, Schulen, Warteschlangen, Kommentarspalten und Wahlkabinen.
Und irgendwann steht ein Land da und fragt, wie es so weit kommen konnte.
Dabei lag die Antwort die ganze Zeit auf dem Tisch.
Zwischen den Rechnungen.
Zwischen den Bescheiden.
Zwischen den Sätzen, die von oben kamen.
Und zwischen den Menschen, die viel zu lange mit dem Rücken zur Wand standen.
Beitragsbild erstellt von ChatGPT – Nach einem Prompt von mir


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