Zwischen Gänseblümchen und Galaxien – Vom kleinen Irrsinn des Alltags

Langsam scheint der Frühling wirklich seine Schwingen über das Land zu legen. Es ist zwar kühl, aber die Sonne beginnt auf Drehzahlen zu kommen. Einfach wunderschön dabei zuzusehen, wie die kleinen Gänseblümchen in den bereits massiv beackerten Gärten der Reihenhaussiedlungen sprießen.

Die ganz harten Hobbygärtner kennen natürlich keine Gnade und meucheln alles dahin, was der Rasen an Flora hergibt. Ich warte mit dem Rasenmähen bis in die erste oder zweite Maiwoche. Es darf ruhig ein bisschen wilder aussehen, also Natürlicher.

Die Sonne mit ihrem Talent die trüben Gedanken zu verblasen legt allerdings durch ihre Photonen auch den ganzen Irrsinn der heutigen Zeit in den Fokus. Aber ich will heute nicht darauf eingehen, nicht auf die täglichen Aufregungen, nicht auf den endlosen Strom aus Empörung, Meinung und Gegenmeinung. Ich will über etwas Amüsantes schreiben. Etwas das harmlos beginnt und wahrscheinlich doch sehr schnell dorthin führt, wo es eigentlich immer endet: in die Absurdität des Menschlichen.

Irrsinn der Zeit

Denn alles hängt zusammen. Der Mensch, der sich morgens mit Selbstoptimierung, kaltem Wasser und fünf Routinen in den Tag zwingt, ist derselbe Mensch, der mittags in einem Gruppenchat schreibt, dass er „gleich kurz“ antwortet, und abends in einer Telefonwarteschleife langsam seelisch und in seine Einzelteile gefällt. 

Es ist dieselbe Spezies, die sich mit großer Ernsthaftigkeit in Achtsamkeit übt und gleichzeitig nicht einmal in der Lage ist, eine einfache Frage ohne Nebel, Ausweichbewegungen und drei Emojis zu beantworten.

Vielleicht ist das der eigentliche Witz unserer Zeit: Wir leben in einer Epoche, die sich für hochentwickelt hält, aber an den einfachsten Formen des Zusammenlebens scheitert. 

Wir haben Künstliche Intelligenz, aber keine natürliche Gelassenheit. Wir haben permanente Erreichbarkeit, aber kaum noch echte Gegenwart. Wir haben Kommunikationsmittel im Überfluss und sind doch erstaunlich schlecht darin, einander klar, direkt und ohne theatrale Umwege zu begegnen.

Gruppenchat als Labor des Wahnsinns

Besonders schön zeigt sich das im digitalen Alltag. Der Gruppenchat ist dabei ein kleines Wunderwerk der Zivilisationskritik.

Dort beginnt alles unschuldig: eine Frage, ein Termin, eine schnelle Abstimmung. Doch innerhalb weniger Minuten verwandelt sich die Sache in ein soziales Minenfeld, eines, bei dem selbst die Kompetenz der deutschen Minenräumer scheitern muss.

Einer antwortet drei Sekunden zu spät. Einer antwortet gar nicht. Einer schreibt „Passt bei mir“, meint aber etwas völlig anderes, weil er nebenbei auf irgendeiner Pornoseite chattet. Einer schickt ein Daumen-Hoch-Emoji, obwohl er lieber ein Mittelfinger-Emoji mit Nachdruck schicken würde. Und dazwischen sitzt wie immer irgendjemand, der alles zu organisieren versucht und dabei langsam aber sicher den Glauben an die Menschheit verliert.

Natürlich könnte man sagen, das sein nur ein Nebenschauplatz. Doch genau darin liegt das Komische. Das Kleine verrät oft mehr als das Große. In den unscheinbaren Gewohnheiten des Alltags zeigt sich, wie fragil unser Verhältnis zur Ordnung geworden ist. Wir tun so, als hätte wir alles im Griff, aber in Wahrheit verbringen wir erstaunlich viel Zeit damit, Missverständnisse zu verwalten und belanglose Dinge künstlich wichtig zu machen.

Selbstoptimierung als Ersatzreligion

Dazu kommt die seltsame neue Religion der Selbstoptimierung. Was bedeutet das eigentlich?

Früher wollte der Mensch vielleicht einfach leben. Heute will er „funktionieren“, performen“ und sich selber durch das Leben blenden um zu zeigen, wie toll er ist, wie wichtig und gelassen und dabei kapiert er nicht, dass er, wenn er auf der Straße unterwegs ist und denkt, alle schauen auf ihn, sich niemand für ihn interessiert, einfach deswegen, weil es schon zu viele von den Leuten gibt, die sich viel zu wichtig nehmen.

Er liest Bücher über Morgenroutinen, hört Podcasts über Fokus, kauft Notizbücher für Klarheit und versucht, sein Inneres mit der Präzision eines Projektplans zu behandeln. Er trägt alle Daten in eine App ein, die Puristen in eine Tabellenkalkulation und schaut wahrscheinlich nie wieder in die Dateien.

Im Grunde ist das Ergebnis nicht Erfüllung, sondern nur eine Erschöpfung mit einem besseren Branding, für das er viel Geld ausgegeben hat.

Digitale Eitelkeiten und die Angst, unsichtbar zu sein

Und dann ist noch diese digitale Eitelkeit. Früher genügte es offenbar, einigermaßen anständig durchs Leben zu kommen. Heute muss man zusätzlich sichtbar, interessant, originell und idealerweise in kurzen Abständen zitierfähig sein. Jeder möchte etwas sagen, jeder möchte etwas darstellen, jeder möchte irgendwo Souren hinterlassen, vergisst dabei aber, es gibt schon so viele Spuren und seine sind einfach nicht sichtbar.

Es ist eine merkwürdige Zeit: Einerseits beklagen sich viele den Verlust von Tiefe, andererseits haben sie keine Geduld mehr für alles, was nicht sofort Aufmerksamkeit erzeugt. Vielleicht ist das der Kern der Sache: Wir leben nicht nur in einer lauten Welt, sondern in einer Welt, in der selbst die Stille schon vermarktet wird.

Gänseblümchen unten, Galaxien oben

Und doch wäre es zu einfach, nur über den Menschen zu lachen. Denn je länger man hinsieht, desto deutlicher wird, dass unsere kleinen Komödien in einem viel größeren Raum stattfinden. Dort gibt es Sterneninseln, Galaxiencluster, schwarze Löcher und gewaltige Leerräume, in denen scheinbar nichts geschieht und doch alles von uns kaum vorstellbaren Kräften durchzogen ist. Gegen diese Dimensionen wirkt unser tägliches Drama zugleich lächerlich und rührend.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum uns das Universum so anzieht. Es zeigt uns, dass Größe nichts mit Lautstärke zu tun hat. Dass Ordnung und Chaos nicht sauber getrennt sind. Dass zwischen Sternenarchipelen und kosmischen Abgründen eine stille Gesetzmäßigkeit herrscht, die wir nur ahnen können. Während wir also mit Terminen, Chats, Meinungen und Selbstbildern hantieren, zieht über uns eine Wirklichkeit ihre Bahnen, die sich nicht um unsere Befindlichkeiten schert.

Zwischen kosmischen Schweigen und unserem täglichen Lärm

Und genau darin liegt eine seltsame Erleichterung. Der Mensch muss nicht alles kontrollieren. Er muss nicht jede Frage sofort beantworten, nicht jedes Missverständnis auflösen, nicht jede Leere mit Bedeutung füllen. Manchmal reicht es schon, die Absurdität zu erkennen. Zu sehen, wie wir uns in kleinen Alltagsritualen verheddern, wie wir Wichtigkeit produzieren, wo kaum welche ist, und wie wir doch immer wieder nach dem Sinn greifen, selbst wenn uns nur ein Schatten davon bleibt.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Zwischen Gruppenchat und Galaxie, zwischen Selbstoptimierung und kosmischen Nichts, zwischen Eitelkeit und Erkenntnis bewegt sich derselbe Mensch. Ein Wesen, das zu viel wissen will, zu wenig Geduld hat und dennoch nicht aufhört zu fragen. Und vielleicht ist gerade das sympathisch an uns. Nicht, dass wir klug sind. Sondern dass wir mit erstaunlicher Beharrlichkeit versuchen, aus dem Chaos einen Zusammenhang zu machen.

Am Ende bleibt also nicht der große Überblick, sondern ein kleines Lachen über die eigene Lage. Wir sind wirklich seltsame Geschöpfe auf einem winzigen Planeten in einer riesigen, gleichgültigen Weite. Wir tippen Nachrichten, organisieren Termine, optimieren Routinen und reden über Bedeutung, während über uns die Sterne schweigen. 

Eine Eigenschaft, die ich vielen Menschen wünsche

Und irgendwo zwischen diesem Schweigen und unserem Geplapper liegt vielleicht genau das, was man das menschliche Komische nennen könnte.

Beitragsbild erstellt von Gemini – Nach einem Prompt von mir.