Irgendjemand muss schließlich schuld sein
Der Mensch hatte es früher nicht leicht. Es donnerte, ohne dass jemand wusste, warum. Der Himmel wurde plötzlich schwarz, obwohl eigentlich Mittagszeit war. Der Boden begann zu wackeln, Berge spuckten Feuer, Krankheiten kamen aus dem Nichts, und hin und wieder erschien nachts am Himmel ein leuchtender Schweif, der dort gestern ganz sicher noch nicht gewesen war.
Google war noch nicht erfunden. Die Wetter-App ebenfalls nicht.
Und selbst wenn jemand die örtliche Gottheit angerufen hätte, wäre vermutlich nur der Priester rangegangen.
Also tat der Mensch etwas ausgesprochen Menschliches: Er suchte nach Erklärungen. Wo Wissen fehlte, entstanden Geschichten. Hinter dem Donner stand plötzlich jemand, der offenbar schlechte Laune hatte. Die Sonne fuhr über den Himmel, weil sie irgendwie dorthin gelangen musste. Das Meer war nicht einfach ein ungeheurer Haufen Salzwasser mit gelegentlich unangenehmem Wellengang, sondern das Reich einer höheren Macht, bei der man sich besser nicht unbeliebt machte.
Aus heutiger Sicht kann man darüber leicht lächeln. Man sollte nur nicht vergessen, dass wir dabei mit einigen tausend Jahren Wissensvorsprung auf der Tribüne sitzen.
Wer vor dreitausend Jahren einen Blitz sah, konnte nichts über Ladungstrennung in Gewitterwolken nachlesen. Wer nachts die Milchstraße betrachtete, wusste nicht, dass er auf einen kleinen Ausschnitt einer Galaxie mit Hunderten Milliarden Sternen blickte. Und wer eine Sonnenfinsternis erlebte, hatte möglicherweise andere Sorgen, als darüber nachzudenken, ob Mond- und Erdbahn geometrisch gerade etwas Interessantes miteinander veranstalteten.
Die Welt musste trotzdem irgendwie erklärt werden. Also bekam sie Geschichten.
Und was für welche.
Die Menschheit entdeckt den Himmel
Fast überall entstanden Mythen über Wesen, die oben lebten, vom Himmel herabstiegen, Blitze schleuderten, Feuer brachten, Menschen erschufen, ihnen Wissen vermittelten, sie bestraften, retteten, verführten oder ihnen aus Gründen, die vermutlich nur Götter verstehen, das Leben ausgesprochen kompliziert machten.
Das ist keineswegs lächerlich. Mythen waren nie bloß primitive Naturkunde für Menschen ohne Taschenrechner. Sie halfen dabei, Erfahrungen zu ordnen, Ängste zu erklären, Herkunft zu erzählen und der Welt Bedeutung zu geben. Selbst psychologische Betrachtungen von Mythologie weisen darauf hin, dass solche Erzählungen Naturvorgänge nicht lediglich beschreiben, sondern zugleich ausdrücken, wie Menschen diese Vorgänge erleben.
Und natürlich erzählten die Menschen einander diese Geschichten weiter. Das sollte man nicht unterschätzen.
Wer schon einmal erlebt hat, was nach drei Tagen aus einer vollkommen harmlosen Geschichte im Freundeskreis werden kann, darf sich ungefähr vorstellen, welche Möglichkeiten mehrere Jahrhunderte mündlicher Überlieferung bieten.
Aus einem ungewöhnlichen Licht am Himmel kann einiges werden.
Man braucht nur Zeit.
Sehr viel Zeit.
Und einen guten Erzähler.
Dann kamen die Außerirdischen
Irgendwann änderte sich unsere Welt. Wir bauten Flugzeuge, Raketen und Satelliten. Wir verstanden immer besser, was dort oben tatsächlich geschieht. Gleichzeitig wurde das Universum nicht kleiner, sondern geradezu unverschämt größer.
Plötzlich war die Vorstellung fremden Lebens keine Geschichte mehr, für die man zwingend einen Tempel benötigte. Sie wurde zu einer völlig legitimen wissenschaftlichen Frage.
Wenn wir zu anderen Welten fliegen können – oder zumindest versuchen, dorthin zu gelangen –, warum sollte dann nicht irgendwo eine andere Zivilisation auf dieselbe Idee gekommen sein?
Bis hierhin ist alles wunderbar.
Dann geschah allerdings etwas Bemerkenswertes.
Einige unserer alten Götter bekamen neue Berufe.
Aus dem Himmelswesen wurde ein Raumfahrer. Aus dem göttlichen Wagen ein Fluggerät. Ein Strahlenkranz konnte plötzlich verdächtig nach einem Helm aussehen. Feuer, Rauch und Donner bei der Erscheinung eines Gottes erinnerten mit etwas Wohlwollen an einen Raketenstart, und alte Texte wurden noch einmal gelesen – diesmal nicht mit den Augen eines Religionshistorikers, sondern ungefähr so, als hätte ein sehr früher Fluglotse einen Zwischenfall protokolliert.
Die moderne Prä-Astronautik machte diese Gedanken besonders populär. Erich von Dänikens 1968 erschienenes Buch Erinnerungen an die Zukunft – international als Chariots of the Gods? bekannt – trug entscheidend dazu bei, die Vorstellung eines außerirdischen Einflusses auf frühe Kulturen einem Massenpublikum bekannt zu machen. Typische Deutungen beziehen sich bis heute auf religiöse Texte, Darstellungen, monumentale Bauwerke und andere Zeugnisse alter Kulturen.
Und damit begann eine der erstaunlichsten Umschulungsmaßnahmen der Kulturgeschichte. Früher kam ein Gott vom Himmel. Heute wissen wir es besser. Heute war es ein Außerirdischer. Der Fortschritt ist unverkennbar.
Ein Stein, ein Rätsel und sehr viel Fantasie
Das eigentlich Faszinierende beginnt nämlich immer dort, wo wir etwas nicht genau wissen.
Da steht beispielsweise ein Stein. Ein sehr alter Stein. Vielleicht sogar ein ziemlich großer Stein.
Wir wissen, wer ungefähr in dieser Gegend gelebt hat. Wir können sein Alter bestimmen. Wir kennen möglicherweise das Werkzeug, das damals verwendet wurde. Vielleicht verstehen wir sogar ziemlich gut, wie man ihn bewegt haben könnte.
Aber eine Kleinigkeit bleibt ungeklärt.
Und damit ist die Tür offen. Nicht nur einen Spalt. Scheunentor.
Denn plötzlich lautet die Frage nicht mehr nur: „Wie haben die Menschen damals diesen Stein bewegt?“
Nun lautet sie:
„Konnten sie ihn überhaupt bewegen?“
Das Fragezeichen ist dabei eines der leistungsfähigsten Werkzeuge der gesamten Prä-Astronautik. Es behauptet nichts.
Es fragt nur.
Könnten fremde Besucher geholfen haben?
Ist es denkbar, dass verlorenes Wissen dahintersteckt?
Warum berichten auch andere Kulturen von Wesen aus dem Himmel?
Kann das alles wirklich Zufall sein? Natürlich kann es. Aber das klingt nicht besonders aufregend.
Stellen wir uns einmal eine Fernsehdokumentation vor. Sonnenuntergang. Langsame Kamerafahrt über uraltes Mauerwerk. Im Hintergrund ein tiefer Ton, der zuverlässig ankündigt, dass gleich etwas ungeheuer Bedeutendes passieren wird.
Dann die Stimme:
„Doch wie konnten Menschen vor Tausenden von Jahren einen Stein von solcher Größe bewegen?“
Pause. Noch etwas Musik.
„Oder hatten sie Hilfe … aus einer anderen Welt?“
Jetzt müsste eigentlich jemand aus dem Off sagen:
„Oder sehr viele Arbeiter.“
Aber dieser Mensch wird für solche Dokumentationen auffallend selten gebucht.
Das Problem mit dem Nichtwissen
Dabei steckt hinter all dem etwas, das ich ausgesprochen sympathisch finde. Menschen mögen keine Lücken.
Wir möchten wissen, warum etwas geschieht. Wer etwas gebaut hat. Was eine Darstellung bedeutet. Warum ein Volk eine bestimmte Geschichte erzählte. Wir hätten gern Anfang, Ursache und Ende, möglichst noch ordentlich nummeriert und mit Bedienungsanleitung.
Die Vergangenheit besitzt allerdings die schlechte Angewohnheit, uns diese Gefälligkeit zu verweigern.
Menschen sterben. Sprachen verschwinden. Bibliotheken verbrennen. Gegenstände überleben ihre Gebrauchsanweisung. Bräuche verlieren ihre Bedeutung. Irgendwann findet jemand eine merkwürdige Figur im Boden, betrachtet sie eine Weile und fragt:
„Was zum Teufel war das?“
Eine vollkommen berechtigte Frage.
Die ehrliche Antwort lautet manchmal:
„Wir wissen es nicht.“
Und genau diese drei Wörter besitzen eine erstaunliche Wirkung.
Für Wissenschaftler sind sie ein Arbeitsauftrag.
Für Geschichtenerzähler sind sie eine Einladung.
Für manche Prä-Astronautiker sind sie offenbar eine freie Parkfläche für ein Raumschiff.
Und bevor wir uns darüber allzu sehr amüsieren, sollten wir uns eines merken: Der Wunsch, die Lücke zu füllen, ist zutiefst menschlich. Nur womit man sie füllt, darüber lässt sich reden. Und genau das werden wir tun.
Denn inzwischen warten bereits Pyramiden, Wüstenlinien, merkwürdige Helme, fliegende Götter und eine stattliche Anzahl großer Steine auf uns.
Die Außerirdischen haben offenbar einiges zu tun gehabt.
Wenn ein Rätsel plötzlich einen Raumanzug trägt
Es gibt einen Punkt, an dem aus einer offenen Frage eine Geschichte wird. Bis dahin ist alles noch harmlos. Man findet eine Darstellung. Eine Figur mit etwas auf dem Kopf. Vielleicht ein Helm. Vielleicht eine Krone. Vielleicht eine Frisur, für die sich der damalige Hofstylist heute nicht mehr verantworten muss.
Dann kommt jemand und sagt:
„Sieht das nicht aus wie ein Raumanzug?“
Und damit haben wir ein Problem. Denn ja. Manchmal sieht es tatsächlich ein bisschen so aus.
Das Gehirn liebt Ähnlichkeiten. Es erkennt Gesichter in Wolken, Tiere in Felsen und manchmal offenbar NASA-Ausrüstung in antiken Reliefs. Sobald man aber einmal die Idee „Astronaut“ im Kopf hat, wird es schwierig, die Figur wieder einfach nur als Figur zu sehen.
Plötzlich ist der Helm ein Helm. Der Schlauch ein Atemsystem. Der Sitz eine Steuerkonsole.
Und irgendeine ornamentale Verzierung bekommt mit etwas gutem Willen die Funktion eines Schubreglers. Man muss nur lange genug hinsehen.
Oder kurz genug.
Die Pyramide – offenbar ein interstellarer Klassiker
Pyramiden haben in diesem Zusammenhang einen besonderen Vorteil.
Sie sehen beeindruckend aus. Sehr beeindruckend. Und sie sind alt. Das reicht eigentlich schon.
Denn je größer ein Bauwerk und je weiter es zeitlich von uns entfernt ist, desto größer scheint bei manchen Menschen die Versuchung zu werden, unseren Vorfahren zunächst einmal sämtliche Fähigkeiten abzusprechen.
„Das konnten die damals doch gar nicht.“
Ein erstaunlich beliebter Satz. Warum eigentlich nicht?
Menschen vor viertausend Jahren waren keine geistig etwas langsameren Vorserienmodelle des Homo sapiens. Sie besaßen dasselbe grundlegende Gehirn wie wir, konnten beobachten, rechnen, planen, organisieren und aus Fehlern lernen.
Sie hatten keine Hydraulikbagger. Das stimmt. Dafür hatten sie viele Menschen. Zeit. Erfahrung. Handwerk.
Und wahrscheinlich jemanden, der irgendwann sagte:
„Wenn wir den Stein da hochbekommen, gebe ich eine Runde aus.“
Großprojekte funktionieren seitdem ähnlich.
Natürlich bleiben Fragen. Wie genau bestimmte Arbeitsabläufe organisiert wurden. Welche Rampenkonstruktionen verwendet wurden. Wie einzelne schwere Bauteile transportiert oder positioniert wurden. Archäologie arbeitet an solchen Fragen, verändert Modelle, verwirft Hypothesen und findet neue Hinweise.
Das ist Wissenschaft. Etwas unbefriedigend vielleicht, weil niemand dramatisch „Unglaublich!“ ruft. Aber Wissenschaft hat noch nie behauptet, für jede Fernsehnacht ein Finale liefern zu müssen.
Die außerirdische Variante ist eleganter. Man nimmt das Problem. Man nimmt das fehlende Detail. Und irgendwo dazwischen landet ein Raumschiff.
Ein kleiner Einwand aus der Logistikabteilung
Nehmen wir also kurz an, Außerirdische hätten tatsächlich beim Bau großer Monumente geholfen.
Nicht, weil es Beweise dafür gäbe. Nur zum Spaß. Wir sprechen dann von einer Zivilisation, die offenbar in der Lage war, zwischen Sternen zu reisen. Schon das ist nicht ganz trivial.
Selbst unser nächster Nachbarstern befindet sich in einer Entfernung, die man sich sinnvoll kaum vorstellen kann. Wer solche Distanzen bewältigt, dürfte in Technikfragen nicht völlig unbedarft sein. Und diese Wesen kommen nun auf die Erde.
Was machen sie?
Steine schleppen.
Sehr große Steine.
Vielleicht standen sie irgendwann irgendwo in Ägypten, sahen sich die Baustelle an und sagten:
„Also gut, Leute. Wir haben zwar die interstellare Raumfahrt gemeistert, aber heute machen wir erst einmal Mauerwerk.“
Man würde gern wissen, wie die Expeditionsberichte aussahen.
Tag 47: Weitere 280 Kalksteinblöcke bewegt. Einheimische zufrieden. Hyperraumantrieb weiterhin ungenutzt.
Vielleicht hatten sie einfach Freude daran.
Andere bauen Modelleisenbahnen.
Nazca – damit man Peru auch von oben findet
Dann wären da die berühmten Linien von Nazca.
Große Geoglyphen in der peruanischen Wüste, manche davon geometrisch, andere zeigen Tiere und Figuren. Vom Boden aus wirken viele Strukturen wenig spektakulär, aus größerer Höhe dagegen beeindruckend.
Und damit war das nächste Raumschiff praktisch schon im Anflug.
Warum sollte jemand riesige Linien anlegen, wenn man sie vom Boden aus kaum vollständig überblicken kann?Eine interessante Frage.
Aus interessanten Fragen werden manchmal wissenschaftliche Untersuchungen. Und manchmal Startbahnen für außerirdische Fluggeräte.Wobei sich mir ein kleines technisches Problem stellt. Wenn ein außerirdisches Fahrzeug interstellare Entfernungen bewältigen kann, sollte es vermutlich auch mit der Navigation über Peru zurechtkommen.
Aber vielleicht unterschätze ich die Schwierigkeiten.
„Wir haben das Sonnensystem gefunden.“
„Sehr gut.“
„Die Erde auch.“
„Perfekt.“
„Peru allerdings … schwierig.“
Also malten die Menschen Linien in die Wüste. Endlich konnte gelandet werden. Es ist eine schöne Geschichte.
Nur reicht eine schöne Geschichte leider noch nicht als Beweis.
Die erstaunliche Karriere des Wortes „unmöglich“
In entsprechenden Dokumentationen begegnet einem noch ein anderes Wort erstaunlich häufig:
unmöglich.
„Mit den damaligen Mitteln unmöglich.“
„Diese Präzision war unmöglich.“
„Ein Transport dieser Größenordnung war unmöglich.“
Dieses Wort besitzt Kraft. Wenn etwas unmöglich war und trotzdem vor uns steht, muss schließlich etwas Außergewöhnliches passiert sein.
Nur hat „unmöglich“ einen kleinen Haken.
Es bedeutet gelegentlich:
„Ich weiß gerade nicht, wie es gemacht wurde.“
Das ist nicht dasselbe.
Ich weiß beispielsweise nicht, wie man eine Geige baut. Trotzdem vermute ich zunächst nicht, dass Stradivari Unterstützung vom Orion erhalten hat.
Menschen entwickeln Verfahren, die anderen Menschen fremd sind. Handwerker beherrschen Techniken, für die sie Jahrzehnte Erfahrung benötigen. Manche dieser Techniken gehen verloren. Andere hinterlassen kaum schriftliche Zeugnisse.
Und natürlich gibt es Leistungen früher Kulturen, vor denen man mit Recht staunen kann.
Vielleicht sollten wir genau das häufiger tun.
Staunen.
Ohne sofort jemanden aus dem Weltall einzuladen.
Die große Kunst des „Kann es sein?“
Nun kommen wir zu einer meiner Lieblingsformulierungen.
„Kann es sein …?“
Natürlich kann es sein. Fast alles kann sein. Kann es sein, dass ein außerirdischer Besucher vor fünftausend Jahren einer ägyptischen Familie beim Abendessen begegnet ist?
Ja. Im rein logischen Sinn kann es sein.
Kann es sein, dass derselbe Besucher anschließend einen Esel erschreckt, eine Sandale verloren und den Rest des Abends mit schlechtem Gewissen in seinem Raumschiff verbracht hat?
Ebenfalls nicht logisch ausgeschlossen. Wir besitzen nur keinerlei Hinweis darauf. Und genau dort beginnt das Problem. Eine Möglichkeit ist noch keine Wahrscheinlichkeit. Eine Wahrscheinlichkeit ist noch kein Beweis. Und ein Fragezeichen ist keine archäologische Methode.
Im Fernsehen funktioniert es trotzdem hervorragend.
„Könnten die Götter Besucher aus dem All gewesen sein?“
„Könnten antike Kulturen über Technologien verfügt haben, deren Ursprung nicht auf der Erde lag?“
„Könnten bestimmte Bauwerke Botschaften an fremde Zivilisationen darstellen?“
Drei Fragen später sitzt man auf dem Sofa und hat beinahe vergessen, dass bisher niemand auch nur eine einzige davon beantwortet hat.
Das ist erzählerisch durchaus geschickt. Ich sage das ausdrücklich mit Anerkennung. Ein guter Erzähler kann aus einer offenen Tür einen ganzen Flughafen bauen.
Und dann dieser eine Satz
Besonders gern fällt irgendwann:
„Die Wissenschaft hat dafür bis heute keine Erklärung.“
Das klingt hervorragend.
Man hört förmlich, wie im Hintergrund ein Gong ertönt. Nur kann dieser Satz sehr Unterschiedliches bedeuten. Er kann bedeuten: Wir wissen es tatsächlich nicht.
Er kann aber auch bedeuten: Es gibt mehrere plausible Erklärungen, nur keine endgültig bewiesene.
Oder:
Wir kennen den grundsätzlichen Mechanismus, aber bestimmte Details sind offen.
Oder gelegentlich: Die Wissenschaft hat durchaus eine Erklärung, nur passt sie nicht besonders gut in diese Sendung.
„Forscher diskutieren seit Jahren mehrere mögliche Verfahren des Steintransports“ besitzt eben nicht dieselbe Wucht wie:
„Bis heute steht die Wissenschaft vor einem Rätsel.“
Da geht der Werbeblock gleich viel eleganter hinein.
Vielleicht waren unsere Vorfahren einfach ziemlich gut
Unter all diesen Geschichten steckt manchmal eine Vorstellung, die ich fast schade finde. Dass frühere Menschen bestimmte Dinge gar nicht selbst geschafft haben könnten. Als müsste außergewöhnliche Leistung zwangsläufig außergewöhnliche Hilfe bedeuten. Dabei ist das Gegenteil viel interessanter. Menschen haben seit sehr langer Zeit gewaltige Dinge geschaffen.
Ohne Computer. Ohne Dieselmotor. Ohne Laser. Ohne YouTube-Tutorial.
Sie beobachteten, experimentierten, rechneten, bauten Modelle, verbesserten Werkzeuge, entwickelten Arbeitsteilung und gaben Wissen über Generationen weiter. Manche ihrer Bauwerke stehen noch heute. Von meinen letzten drei Druckern kann ich das nicht behaupten.
Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich weniger fragen, welche Außerirdischen unseren Vorfahren geholfen haben.
Und häufiger: Wie verdammt gut waren diese Menschen eigentlich?
Das ist keine weniger aufregende Frage.
Im Gegenteil. Nur leider kommt dabei meistens kein Raumschiff vor.
Noch nicht.
Wenn aus Mythologie plötzlich Technik wird
Mythen haben einen großen Vorteil. Sie erklären sich nicht vollständig. Das ist für Literatur wunderbar und für Prä-Astronautik nahezu ideal.
Denn überall dort, wo ein alter Text bildhaft, überhöht oder symbolisch erzählt, beginnt das große Übersetzungsbüro der Neuzeit. Feuer wird zu Antrieb. Donner wird zu Triebwerkslärm. Ein Wagen wird zum Fluggerät. Ein Gott, der vom Himmel herabsteigt, braucht eigentlich nur noch einen Helm, und schon ist die Sache erstaunlich weit fortgeschritten.
Man könnte fast meinen, die antiken Autoren hätten sich ausgesprochen ungeschickt ausgedrückt. Vielleicht hätten sie einfach schreiben sollen:
„Achtung. Metapher.“
Das hätte uns einiges erspart.
Der göttliche Fuhrpark
Himmelswagen gehören zu den beliebtesten Kandidaten. Das ist auch verständlich. Wenn ein Text von einem Wagen erzählt, der durch den Himmel fährt, klingt das aus heutiger Sicht nun einmal verdächtig technisch.
Nur stellt sich eine kleine Frage. Wie sollte ein Mensch vor zweitausend oder dreitausend Jahren etwas beschreiben, das sich durch den Himmel bewegt?
Vielleicht mit Begriffen, die er kannte. Ein Wagen beispielsweise.
Das wäre jedenfalls naheliegender, als von einem turbinengetriebenen Mehrzweckfluggerät mit vertikalem Startsystem zu schreiben. Wenn ein Mensch etwas Unbekanntes beschreibt, greift er auf Bekanntes zurück. Das tun wir heute noch.
Wir sagen, ein Computer habe einen „Desktop“.
Obwohl dort kein Schreibtisch steht.
Wir sprechen von „Fenstern“.
Obwohl niemand hindurchsehen kann. Und wenn wir eine Datei „in den Papierkorb“ werfen, kommt anschließend auch kein Müllwagen.
Vielleicht sollten wir antiken Menschen dieselbe sprachliche Freiheit zugestehen. Aber natürlich klingt „bildhafte Beschreibung“ deutlich weniger spannend als „technischer Augenzeugenbericht“.
Der Helm, der keiner sein muss
Besonders schön wird es bei Darstellungen. Man sieht eine Figur mit einem runden Gegenstand um den Kopf.
Helm. Logisch. Vielleicht. Oder Heiligenschein. Oder Schmuck. Oder eine stilisierte Kopfbedeckung. Oder einfach die künstlerische Konvention einer Kultur, deren Symbolsprache wir heute nur teilweise verstehen.
Das Problem beginnt immer dann, wenn eine Ähnlichkeit zur Identität erklärt wird.
Sieht aus wie. Also ist es. Nach dieser Methode wäre eine Kokosnuss ein ziemlich überzeugender haariger Planet.
Und mein Toaster mit etwas gutem Willen eine kleine Tempelanlage. Es ist erstaunlich, wie schnell unser Gehirn aus Formen Bedeutung macht. Noch erstaunlicher ist nur, wie ungern es die Bedeutung anschließend wieder hergibt.
Der antike Astronaut – jetzt auch mit Bedienfeld
Besonders gern werden alte Reliefs oder Darstellungen herangezogen, auf denen Figuren in ungewöhnlichen Haltungen erscheinen.
Da sitzt jemand. Vor ihm befinden sich Formen. Hinter ihm ebenfalls.
Und irgendwo verläuft eine Linie. Schon wird aus der Linie ein Schlauch.
Aus einer Verzierung ein Schalter. Aus einem Ornament ein Kontrollinstrument.
Und plötzlich sitzt der Mann nicht mehr in einer religiösen Darstellung. Er sitzt im Cockpit. Das funktioniert erstaunlich gut.
Vor allem dann, wenn man vorher gesagt bekommt, was man sehen soll. Das ist übrigens ein kleiner Trick, den unser Gehirn hervorragend beherrscht.
Wenn jemand sagt:
„Schauen Sie genau hin. Dort befindet sich der Steuerknüppel.“
dann findet man erstaunlich oft etwas, das wie ein Steuerknüppel aussieht.
Hätte derselbe Mensch vorher gesagt:
„Dort erkennen Sie eine zeremonielle Blume“,
wäre vermutlich auch die Blume plötzlich ziemlich überzeugend.
Unser Gehirn ist hilfsbereit. Manchmal zu hilfsbereit.
Die Götter bekommen neue Ausweise
Das Faszinierende an vielen modernen Deutungen ist, dass die Götter nicht verschwinden. Sie werden umbenannt.
Aus göttlichen Wesen werden fremde Intelligenzen.
Aus göttlichen Kräften werden Technologien.
Aus Wundern werden technische Vorgänge.
Das wirkt auf den ersten Blick moderner. Vielleicht sogar vernünftiger. Denn ein Außerirdischer ist immerhin keine übernatürliche Gestalt. Er wäre biologisch. Technologisch. Materiell.
Also gewissermaßen ein Gott mit naturwissenschaftlicher Personalakte. Nur löst das die eigentliche Frage nicht. Es verschiebt sie.
Wer früher sagte:
„Die Götter brachten den Menschen Wissen“,
sagt heute vielleicht:
„Außerirdische brachten den Menschen Wissen.“
Das klingt technischer. Aber der Satz bleibt im Kern derselbe. Nur der Himmelbewohner hat die Abteilung gewechselt.
Und warum eigentlich immer wir?
Hier lohnt sich ein kleiner Umweg. Nehmen wir an, irgendwo im Universum existiert tatsächlich eine technisch weit überlegene Zivilisation.
Durchaus möglich. Nehmen wir weiter an, sie beherrscht interstellare Reisen.
Schon beeindruckender.
Und nun nehmen wir an, sie fliegt ausgerechnet zur Erde. Auch möglich.
Dann trifft sie hier Menschen, die gerade anfangen, Monumente zu bauen, Landwirtschaft zu organisieren und ihre ersten großen Städte zu entwickeln.
Was geschieht? Offenbar sind die Besucher begeistert. Sie helfen beim Bauen. Sie geben astronomisches Wissen weiter. Sie beeinflussen Religionen. Sie hinterlassen Hinweise.
Und danach verschwinden sie wieder. Keine Telefonnummer. Keine Adresse. Kein „Wir melden uns“.
Nicht einmal ein schlecht lesbarer Zettel unter einem Stein. Das ist schade.
Vor allem für eine Zivilisation, die angeblich einen der wichtigsten Kontakte der Menschheitsgeschichte hergestellt hat.
Vielleicht waren sie schüchtern.
Der kosmische Mittelpunkt ist erstaunlich schwer abzuschaffen
Hinter manchen dieser Vorstellungen steckt etwas, das ich fast noch interessanter finde als die Theorien selbst. Wir Menschen mögen den Gedanken, wichtig zu sein. Sehr wichtig.
Früher standen wir im Mittelpunkt der Schöpfung. Dann stellte sich heraus, dass die Erde nicht einmal im Mittelpunkt des Sonnensystems steht.
Schade.
Später erfuhren wir, dass die Sonne nur ein Stern unter sehr vielen ist.
Noch schlechter.
Dann kam die Erkenntnis, dass unsere Galaxie ebenfalls nicht gerade Einzelstück ist. Inzwischen wissen wir, dass das Universum eine Größe besitzt, bei der der menschliche Größenwahn eigentlich leise den Raum verlassen müsste.
Tut er aber nicht. Vielleicht sind wir nicht der Mittelpunkt des Universums. Aber vielleicht kommen wenigstens die Außerirdischen wegen uns vorbei. Das wäre doch etwas. Es wäre vermutlich eine der größten kosmischen Kränkungen, wenn hoch entwickelte Zivilisationen tatsächlich existierten und uns einfach ignorierten.
„Erde?“
„Ja.“
„Schon besucht?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Nichts Besonderes.“
Das möchte niemand hören.
Der Mensch liebt Geschichten mit Absicht
Ein weiterer Punkt macht Götter- und Außerirdischen-Erzählungen so attraktiv. Sie geben Ereignissen Absicht. Eine Naturkatastrophe ist dann nicht einfach eine Naturkatastrophe. Ein ungewöhnliches Bauwerk ist nicht nur das Ergebnis menschlicher Arbeit. Eine seltsame Darstellung ist nicht bloß seltsam.
Hinter allem steckt jemand.
Jemand wollte etwas.
Jemand hat etwas geplant.
Jemand hat etwas hinterlassen.
Das ist psychologisch ausgesprochen angenehm. Zufall dagegen ist ein miserabler Geschichtenerzähler.
Er hat keine Motive.
Keine Dramaturgie.
Keinen Bösewicht.
Und leider sehr selten eine Fortsetzung.
Das wunderbare Geschäft mit den Möglichkeiten
Vielleicht erklärt das auch, warum es für praktisch jeden Mythos mehrere völlig unterschiedliche Deutungen gibt.
Ein Gott kann eine Naturkraft sein. Ein historischer Herrscher. Eine symbolische Figur. Eine Erinnerung an eine Katastrophe. Eine astronomische Allegorie. Ein Außerirdischer.
Oder, wenn der Abend lang genug dauert, alles gleichzeitig.
Das ist der große Vorteil offener Überlieferungen. Sie besitzen Platz. Sehr viel Platz. Und wer erzählerisches Talent hat, kann darin nahezu jede Theorie möblieren.
Man nimmt ein paar bekannte Motive.
Himmel.
Feuer.
Licht.
Wissen.
Wesen.
Dann verbindet man sie. Ein bisschen Musik darunter. Und irgendwann steht mitten im Wohnzimmer ein Raumschiff. Niemand weiß mehr genau, wer es hereingetragen hat. Aber da steht es nun.
Vielleicht ist die langweilige Antwort manchmal die schönere
Dabei verlieren wir gelegentlich etwas aus dem Blick. Mythen müssen nicht technische Berichte sein, um faszinierend zu sein. Im Gegenteil.
Vielleicht erzählt ein Himmelswagen gerade deshalb so viel über eine Kultur, weil er kein Fahrzeug war. Vielleicht zeigt eine Götterfigur nicht einen Raumfahrer, sondern die Vorstellung eines Menschen davon, wie Macht, Himmel oder Unsterblichkeit aussehen könnten. Vielleicht ist eine Geschichte über Wesen, die Wissen bringen, viel interessanter als menschliche Erinnerung an Lernen, Kultur und Veränderung als jede technische Umdeutung.
Denn wenn wir aus jedem Gott einen Außerirdischen machen, passiert etwas Merkwürdiges.
Wir erklären das Geheimnis nicht. Wir tauschen nur die Kulisse. Aus Mythologie wird Science-Fiction. Und das darf man selbstverständlich spannend finden.
Ich tue es sogar. Nur sollten wir vielleicht hin und wieder daran denken, welche Abteilung gerade zuständig ist.
Geschichte.
Archäologie.
Religion.
Literatur.
Oder eben Science-Fiction.
Die Übergänge sind manchmal fließend.
Aber irgendwo sollte noch ein Schild stehen. Sonst landet am Ende Thor im Raumanzug, Zeus bekommt einen Raketenführerschein und Anubis arbeitet für die Bodenstation. Und spätestens dann sollten wir vielleicht kurz überprüfen, ob wir nicht eine Ausfahrt verpasst haben.
Wenn die Erde plötzlich eine Kante bekommt
Bis hierhin könnte man sagen: gut. Alte Mythen. Große Steine. Seltsame Darstellungen. Ein paar Himmelswagen.
Dazu Außerirdische, die offenbar einen erstaunlich ausgeprägten Sinn für Monumentalarchitektur besaßen.
Alles noch im Bereich menschlicher Fantasie. Dann kommt die flache Erde. Und plötzlich merkt man, dass Fantasie nicht immer in den Himmel blickt. Manchmal schaut sie auch sehr entschlossen auf den Boden.
Die Theorie, die immer neue Möbel braucht
Das Faszinierende an Flat-Earth-Erzählungen ist nicht einmal die Vorstellung selbst. Die Vorstellung einer flachen Erde ist historisch alt. Das Problem beginnt eher bei der Gegenwart.
Denn wir leben in einer Zeit mit Satelliten, Raumfahrt, globaler Navigation, Geodäsie, internationalen Flugrouten, Erdbeobachtung und einer ziemlich großen Zahl von Menschen, deren Berufsleben ausgesprochen unpraktisch würde, wenn unser Planet heimlich eine Scheibe wäre.
Und trotzdem funktioniert die Theorie. Zumindest eine Weile. Dann kommt eine Beobachtung, die nicht passt. Also braucht man eine Zusatzannahme. Dann passt die Zusatzannahme nicht. Also kommt die nächste.
Irgendwann ist die Theorie kein Haus mehr. Sie ist ein Möbelhaus. Mit Erweiterungsbau.
Und Parkdeck.
Die größte Verschwörung der Weltgeschichte
Nehmen wir die Idee einmal ernst. Die Erde ist flach. Gut. Dann müssten Raumfahrtagenturen lügen.
Astronomen ebenfalls. Piloten. Fluggesellschaften. Satellitenbetreiber. Meteorologen. Vermessungsingenieure. Seeleute. Kartografen.
Regierungen. Universitäten. Forschungseinrichtungen.
Und vermutlich auch überraschend viele Menschen, die beruflich irgendetwas mit GPS zu tun haben. Das wäre beeindruckend.
Nicht wegen der flachen Erde. Wegen der Organisation. Wir sprechen möglicherweise von der größten und diszipliniertesten Geheimoperation der Menschheitsgeschichte.
Millionen Menschen. Unterschiedliche Staaten. Feindliche Staaten. Konkurrierende Unternehmen. Wissenschaftler, die sich schon über Fußnoten streiten.
Alle dicht. Seit Jahrzehnten. Keiner redet. Keiner vertut sich. Keiner schickt versehentlich eine Rundmail mit dem Betreff:
„Flacherde – streng vertraulich – bitte nicht weiterleiten.“
Das allein wäre beinahe übernatürlich.
Irgendwann wird die einfache Erklärung verdächtig
Genau hier passiert etwas Interessantes. Eine Theorie beginnt vielleicht einmal mit dem Gedanken:
„Ich glaube der offiziellen Erklärung nicht.“
Das kann sogar gesund sein. Zweifel ist wichtig. Wissenschaft lebt davon. Aber Zweifel braucht irgendwann auch die Bereitschaft, etwas anzunehmen, wenn die Belege stark genug sind. Sonst wird aus Zweifel ein Beruf. Dann wird jede Widerlegung zum Beweis.
„Sie widersprechen mir?“
Verdächtig.
„Sie haben Messdaten?“
Noch verdächtiger.
„Sie können es erklären?“
Jetzt wird es wirklich kritisch.
Irgendwann ist die Theorie so gut gegen Realität geschützt, dass kein Gegenargument mehr hineinkommt. Das ist praktisch. Aber nicht besonders erkenntnisfördernd.
Das Problem mit dem Schulwissen
Viele Dinge, die wir heute schon in der Schule lernen, sind eigentlich erstaunlich. Die Erde dreht sich. Sie bewegt sich um die Sonne. Die Sonne wiederum bewegt sich durch die Galaxie.
Wir stehen also niemals still.
Nicht einmal dann, wenn wir auf dem Sofa liegen. Das ist doch fantastisch. Man muss dafür eigentlich nichts hinzuerfinden. Und trotzdem wirkt eine Erklärung manchmal weniger reizvoll, sobald sie verstanden werden soll. Denn Verstehen verlangt gelegentlich Arbeit.
Man muss Begriffe lernen. Zusammenhänge akzeptieren. Vielleicht sogar rechnen. Eine Verschwörung dagegen hat einen entscheidenden Vorteil: Sie erklärt alles sofort.
Warum stimmt die Beobachtung nicht? Vertuschung.
Warum sagen Experten etwas anderes? Sie gehören dazu.
Warum gibt es Beweise? Gefälscht.
Warum fehlen Beweise für die eigene Theorie? Weil sie beseitigt wurden.
Das ist ein erstaunlich geschlossenes System. Es funktioniert ungefähr wie ein Regenschirm, der auch bei Sonnenschein beweist, dass es irgendwo regnen muss.
Ein kleiner Versuch mit einem verlorenen Autoschlüssel
Vielleicht sollten wir diese Methode einmal auf den Alltag übertragen. Gestern Abend lag mein Autoschlüssel auf dem Tisch. Heute Morgen liegt er in der Küche. Ich kann mich nicht erinnern, ihn dort hingelegt zu haben.
Was wissen wir? Der Schlüssel hat seinen Standort verändert.
Was wissen wir nicht? Wie.
Können wir ausschließen, dass eine fremde Intelligenz beteiligt war? Nein.
Können wir beweisen, dass kein außerirdisches Wesen nachts meine Küche betreten hat? Ebenfalls nein.
Warum gibt es keine Kameraaufnahmen? Aha.
Jetzt wird es interessant. Vielleicht wurde die Kamera manipuliert.
Von wem? Das ist noch offen. Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel.
Oder ich habe den Schlüssel einfach dort hingelegt. Auch möglich. Aber dramaturgisch leider ein Totalschaden.
Wir unterschätzen die Macht einer guten Geschichte
Und da sind wir wieder beim Anfang. Menschen erzählen Geschichten. Das tun wir seit sehr langer Zeit.
Wir erzählen Geschichten über Götter. Über Sterne. Über Monster. Über Königreiche. Über Außerirdische. Über geheime Mächte.
Und gelegentlich über Nachbarn, die angeblich seit drei Jahren falsch parken. Eine gute Geschichte besitzt etwas, das eine nüchterne Erklärung nicht immer hat.
Spannung. Absicht. Geheimnis. Einen Täter. Vielleicht sogar einen Soundtrack.
Die Wirklichkeit dagegen ist manchmal enttäuschend unspektakulär. Ein Stein wurde von Menschen bewegt. Eine Linie wurde von Menschen gezeichnet. Ein Mythos wurde über Jahrhunderte verändert. Ein Licht am Himmel war ein Planet. Der Schlüssel lag in der Küche.
So verkauft man keine Abenddokumentation.
Und wenn sie morgen wirklich landen?
Aber jetzt wird es fair. Nehmen wir an, wir wachen morgen früh auf. Auf einem Feld steht ein Raumschiff.
Kein Lichtpunkt. Keine verschwommene Aufnahme. Keine acht Sekunden Video aus einem Auto. Ein richtiges Raumschiff.
Tür auf. Außerirdischer raus. Guten Morgen. Dann hätten einige Menschen einen ausgesprochen angenehmen Tag. Prä-Astronautiker würden wahrscheinlich sehr ruhig lächeln. Seit Jahrzehnten verlacht. Und jetzt steht das Ding da. Wir müssten fair sein.
„Gut.“
„Den Punkt bekommt ihr.“
Vielleicht sogar zwei. Dann käme vermutlich jemand und würde fragen:
„Woher wissen wir, dass das wirklich Außerirdische sind?“
Auch vernünftig. Dann jemand anderes:
„Das ist eine Inszenierung.“ Natürlich.
„Von wem?“ „Regierung.“
Welche? „Alle.“
Und spätestens fünf Minuten nach dem ersten Kontakt hätten wir wieder genau dieselbe Situation wie vorher. Die Außerirdischen würden vermutlich sehr langsam zurück in ihr Schiff steigen.
Tür zu. Start. Expeditionsbericht:
Planet interessant. Bewohner schwierig.
Vielleicht lachen die in tausend Jahren über uns
Bevor wir uns jetzt zu bequem zurücklehnen, sollten wir noch einen Gedanken zulassen. Vielleicht sitzen Menschen im Jahr 3026 über unseren heutigen Texten. Vielleicht schauen sie auf unsere Überzeugungen. Auf unsere Theorien. Auf Dinge, bei denen wir uns heute vollkommen sicher fühlen. Und vielleicht fragt ein Schüler:
„Das haben die damals wirklich geglaubt?“
Dann sagt jemand: „Ja.“
„Sie wussten es eben noch nicht besser.“
Das ist gesund. Nicht jede heutige Gewissheit wird falsch sein. Aber manche vielleicht schon. Wissenschaft behauptet auch gar nicht, endgültig zu sein. Sie funktioniert gerade deshalb, weil Erkenntnisse überprüft, verändert und verbessert werden können. Das ist weniger spektakulär als ein Tempel mit verborgenem Sternentor.
Aber langfristig etwas zuverlässiger.
Man darf glauben
Und deshalb möchte ich am Ende niemandem seinen Spaß nehmen. Wer an außerirdische Besucher glaubt, darf das tun. Wer Atlantis sucht, soll suchen. Wer in einer alten Darstellung einen Astronauten erkennt, darf genauer hinsehen. Wer nachts in den Himmel schaut und überzeugt ist, dass wir unmöglich allein sein können, befindet sich mit dieser Frage sogar in sehr guter Gesellschaft.
Man darf staunen. Man darf zweifeln. Man darf spinnen. Man darf Geschichten lieben. Man darf sogar eine Theorie haben, bei der jemand anderes kurz die Augenbraue hebt und leise den Raum verlässt.
Alles gut. Nur zwischen zwei Sätzen sollte noch etwas Platz bleiben.
Zwischen:
„Ich glaube das.“
und:
„Ich weiß das.“
Da passt erstaunlich viel hinein.
Fragen. Belege. Zweifel. Neugier. Manchmal sogar Vernunft.
Und falls doch jemand von Alpha Centauri mitliest
Also gut. Vielleicht waren sie wirklich hier. Vielleicht haben sie Pyramiden gebaut. Vielleicht haben sie Linien in Wüsten hinterlassen. Vielleicht trugen einige Götter tatsächlich Raumanzüge. Vielleicht war mein Autoschlüssel doch nicht meine Schuld.
Ich möchte nichts ausschließen. Man soll schließlich offen bleiben. Aber falls irgendeine außerirdische Zivilisation diesen Beitrag liest, hätte ich eine kleine Bitte. Beim nächsten Besuch: Kein geheimnisvoller Stein. Kein rätselhafter Helm.
Keine Linie im Sand. Keine Botschaft, die man erst nach viertausend Jahren und drei Staffeln einer Dokumentationsserie versteht. Klingelt einfach. Sagt Hallo.
Bringt vielleicht etwas mit. Ein Foto. Eine Sternkarte. Eine Bedienungsanleitung. Irgendetwas.
Und wenn ihr schon einmal da seid, erklärt bitte auch kurz, warum ihr für interstellare Reisen offenbar Millionen Jahre technischer Entwicklung gebraucht habt, dann aber auf der Erde vor allem beim Steine stapeln geholfen haben sollt.
Das interessiert mich wirklich. Bis dahin bleiben uns die Mythen. Die Rätsel. Die Theorien. Die Fragezeichen. Und die wunderbar menschliche Angewohnheit, eine Wissenslücke so lange anzustarren, bis irgendwann ein Raumschiff hineinpasst.
Vielleicht sollten wir darüber nicht zu streng urteilen. Wir Menschen haben schließlich schon deutlich Schlimmeres getan. Und deutlich langweiligere Geschichten erzählt.
Also schauen wir ruhig weiter nach oben. Vielleicht ist da draußen wirklich jemand. Und vielleicht schaut er gerade zurück. Hoffentlich hat er Humor.
Er wird ihn brauchen.
Beitragsbild erstellt durch ChatGPT – Nach einem Prompt von mir


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