Wenn Worte zum Wahnsinn treiben

Es gibt Wörter, die vollkommen unschuldig sind. Sie stehen im Duden, führen ein unauffälliges Leben und warten darauf, irgendwann in einem vernünftigen Satz gebraucht zu werden. Das Problem beginnt meist erst dann, wenn wir Menschen sie entdecken, ihnen eine Bedeutungsschwere verleihen und beschließen, sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit einzusetzen.

So entstehen Phrasen. Manche von ihnen waren vermutlich sogar einmal gute Gedanken. Vielleicht haben sie in einem bestimmten Zusammenhang etwas treffend beschrieben, jemand fand sie klug, ein anderer übernahm sie, und irgendwann begann ihre große Wanderung durch Büros, Beziehungen, Talkshows, soziale Medien, Ratgeberbücher und Familienfeiern. Dort werden sie seitdem weitergereicht wie eine sprachliche Erbkrankheit.

Das eigentlich Heimtückische ist, dass viele dieser Sätze nicht einmal falsch sind. Gegen offensichtlichen Unsinn kann man sich wehren. Schwieriger wird es bei Aussagen, die irgendwie vernünftig klingen, vielleicht sogar einen wahren Kern besitzen, einem aber zum siebenundvierzigsten Mal mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen präsentiert werden, der gerade eigenhändig die Philosophie erfunden hat. Man hört zu, nickt höflich und spürt, wie im Inneren langsam jemand nach einem Hammer sucht.

Der Klügere gibt nach

Kaum eine Lebensweisheit tritt so friedfertig auf wie „Der Klügere gibt nach“. Zwei Menschen geraten aneinander, einer erkennt, dass die Auseinandersetzung zu nichts führt, beendet sie und bewahrt damit Ruhe und Würde. Das klingt vernünftig, erwachsen und vermutlich auch deshalb so überzeugend, weil niemand anschließend überprüfen kann, ob tatsächlich der Klügere nachgegeben hat.

Problematisch wird es erst, wenn man den Satz nicht nur als Empfehlung für einen einzelnen Streit versteht, sondern als allgemeines Prinzip. Denn wenn der Klügere konsequent nachgibt, setzt sich zwangsläufig derjenige durch, der weniger Bereitschaft zum Nachgeben besitzt. Wiederholt man dieses Verfahren oft genug, entsteht ein erstaunliches gesellschaftliches Auswahlverfahren: Vernünftige Menschen ziehen sich zurück, Hartnäckige bleiben stehen und am Ende gewinnt nicht unbedingt das bessere Argument, sondern derjenige, der schlicht länger nervt.

Vielleicht erklärt das mehr über die Menschheitsgeschichte, als einem lieb sein kann.

Natürlich steckt in dem Spruch etwas Richtiges. Nicht jeder Konflikt verdient unsere Lebenszeit. Es wäre einigermaßen bedenklich, drei Stunden mit einem Menschen darüber zu diskutieren, ob Ananas auf eine Pizza gehört, nur weil man grundsätzlich niemals nachgeben möchte. Klugheit kann durchaus darin bestehen, einen sinnlosen Streit zu verlassen. Sie kann allerdings genauso darin bestehen, bei einer wichtigen Sache keinen Millimeter zurückzuweichen.

Genau dort beginnt das Problem mit solchen Phrasen. Sie nehmen eine situationsabhängige Entscheidung und verwandeln sie in eine allgemeine Wahrheit. Aus „Manchmal ist Nachgeben klug“ wird „Der Klügere gibt nach“, und plötzlich besitzt jeder, der sich durchsetzt, die wunderbare Möglichkeit, den anderen auch noch moralisch unter Druck zu setzen. Wer jetzt nicht nachgibt, muss offenbar der Dümmere sein.

Das ist sprachlich durchaus elegant. Man verliert den Streit und bekommt gleichzeitig bescheinigt, intelligent zu sein. Vermutlich ist das der Grund, warum dieser Satz so lange überlebt hat.

Vielleicht müsste die ehrlichere Version deshalb lauten: Der Klügere weiß, wann er nachgibt. Und wann er dem anderen erklären muss, dass dessen Hartnäckigkeit noch kein Argument ist.

Das triggert mich

Es gab einmal Dinge, die einen störten. Andere nervten. Manche machten wütend, einige waren unangenehm und ganz wenige trafen einen tatsächlich an einer empfindlichen Stelle. Für all diese Zustände besaß die deutsche Sprache erstaunlicherweise ausreichend Wörter. Dann kam „triggern“ – und seitdem scheint ein erheblicher Teil dieses alten Wortschatzes unter Artenschutz zu stehen.

Heute kann einen beinahe alles triggern. Eine Bemerkung triggert. Ein Verhalten triggert. Eine politische Meinung triggert. Die Stimme eines Menschen triggert, sein Gesicht möglicherweise auch, und wenn jemand die Zahnpastatube in der Mitte ausdrückt, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch dafür eine Selbsthilfegruppe gegründet wird.

Dabei liegt der Reiz des Wortes auf der Hand. „Das nervt mich“ klingt gewöhnlich. „Das triggert mich“ besitzt dagegen eine gewisse Gravitation. Plötzlich steht nicht mehr einfach jemand vor einem, der etwas nicht leiden kann. Da geschieht etwas. Tief innen. Etwas wurde ausgelöst. Der andere hat nicht lediglich einen blöden Satz gesagt, sondern offenbar einen Schalter betätigt, von dessen Existenz bis eben möglicherweise nicht einmal der Schalter selbst wusste.

Getriggert sein ist inzwischen fast die physikalische Ausdrucksform von Empörtsein.Irgendetwas trifft auf einen Menschen, irgendwo klickt es – und die Reaktion setzt ein. Häufig gehört dazu ein ganz bestimmter Gesichtsausdruck. Der sieht ungefähr so aus, als hätte jemand sehr lange in völliger Dunkelheit ausgeharrt und bekäme dann mitgeteilt: Mit dem Licht wird das leider nichts mehr. Der Schalter ist kaputt.

Kein Licht für Empörte.

Besonders interessant wird das Getriggertsein allerdings dort, wo aus einem persönlichen Gefühl plötzlich eine gesellschaftliche Rechtsordnung abgeleitet wird. Jemand sagt etwas. Ein anderer fühlt sich davon verletzt, provoziert oder empört. Bis hierher ist alles völlig normal. Menschen haben Gefühle, Meinungen und unterschiedliche Empfindlichkeiten. Merkwürdig wird es erst, wenn anschließend unausgesprochen die neue Regel gilt: Weil ich mich verletzt fühle, musst du jetzt auf etwas verzichten.

Auf deine Meinung vielleicht. Auf bestimmte Wörter. Auf einen Witz. Auf das Recht, mir zu widersprechen. Im ungünstigsten Fall sogar auf das Recht, dich gegen meine moralische Bewertung deiner Person zu wehren.

Das Empörtsein bekommt damit gelegentlich eine erstaunliche Beförderung. Aus einem Gefühl wird ein Argument, aus dem Argument ein moralischer Anspruch und aus dem moralischen Anspruch schließlich eine Art vorübergehende Notstandsverordnung für die Kommunikation.

Natürlich bedeutet Meinungsfreiheit nicht, dass niemand widersprechen darf. Wer etwas sagt, muss damit rechnen, dass andere es kritisieren, ablehnen oder ziemlich bescheuert finden. Das gilt allerdings in beide Richtungen. Auch Empörung ist keine Eintrittskarte in einen Raum, in dem nur noch die Rechte des Empörten gelten.

Gerade in sozialen Medien entsteht trotzdem gelegentlich der Eindruck, manche Menschen würden nicht einfach auf einen Satz reagieren, sondern gegen das personifizierte Böse antreten. Die Wortwahl wird größer, die moralische Fallhöhe gewaltiger und aus einer ungeschickten Bemerkung entwickelt sich innerhalb weniger Kommentare eine Schlacht um die Zukunft der Menschheit.

Man liest das und erwartet eigentlich nur noch, dass am Horizont gleichzeitig Sauron und Thanos erscheinen.

Beide natürlich auf derselben Seite.

Und ihnen gegenüber steht ein einzelner Account mit 283 Followern und der festen Überzeugung, dass jetzt wirklich Haltung gezeigt werden muss.

Das ist deshalb so komisch, weil die Größe der moralischen Inszenierung gelegentlich in einem bemerkenswerten Verhältnis zur Größe des ursprünglichen Problems steht. Aus einem Satz wird ein gesellschaftlicher Abgrund, aus einer Meinungsverschiedenheit eine existenzielle Bedrohung und aus einem schlecht gewählten Wort beinahe der Untergang der Zivilisation.

Das Problem ist dabei nicht politisches Engagement, Sensibilität oder der Wunsch nach respektvoller Sprache. All das kann sinnvoll und notwendig sein. Problematisch wird es, wenn die eigene Empfindlichkeit zum allgemeinen Maßstab erklärt wird und aus „Ich möchte nicht, dass du so mit mir sprichst“ ein „Niemand darf so sprechen“ entsteht. Zwischen beiden Sätzen liegen nur wenige Wörter, aber eine ziemlich große Vorstellung davon, wer eigentlich über Sprache bestimmen darf.

Der Wahnsinn beginnt also nicht beim Empörtsein. Jeder darf sich empören. Es wäre eine ausgesprochen trostlose Welt, wenn uns nichts mehr aufregen würde. Der Wahnsinn beginnt dort, wo das eigene Gefühl automatisch als Beweis dafür verstanden wird, dass der andere im Unrecht sein muss.

Früher musste man vielleicht noch erklären: „Mich ärgert das, weil …“ Oder: „Damit verbinde ich etwas, das mir unangenehm ist.“ Das war lästig, denn anschließend bestand die Gefahr, dass der andere nachfragte, man selbst nachdenken musste und am Ende womöglich sogar ein Gespräch entstand. „Das triggert mich“ ist da wesentlich effizienter. Es informiert über einen Zustand und liefert gleichzeitig eine gewisse Empfehlung, das betreffende Gelände nicht weiter zu betreten.

Besonders schön wird es, wenn der Begriff auf Menschen trifft, die selbst bereits vollständig mit der modernen Kommunikationsausstattung versehen sind. Dann triggert Aussage A Person B, die Reaktion von Person B verletzt wiederum die Grenzen von Person A, worauf Person C darauf hinweist, dass hier gerade sehr viel passiert. Spätestens jetzt fehlt eigentlich nur noch jemand, der erklärt, alle Beteiligten müssten das erst einmal für sich einordnen.

Und vermutlich triggert genau dieser Satz dann den Nächsten.

Vielleicht wäre es deshalb gelegentlich hilfreich, zu den alten Wörtern zurückzukehren. Man darf genervt sein. Man darf etwas bescheuert finden. Man darf wütend, traurig, gekränkt, irritiert oder schlicht schlecht gelaunt sein. Nicht jede emotionale Regung braucht einen Begriff, der klingt, als hätte jemand im Inneren einen roten Alarmknopf gedrückt.

Manchmal nervt etwas einfach.

Und erstaunlicherweise überlebt der Mensch sogar das.

Du musst loslassen

Es gibt Sätze, die gewinnen allein dadurch an Bedeutung, dass man sie langsam ausspricht. „Du musst loslassen“ gehört zweifellos dazu. Idealerweise erfolgt die Übergabe mit leicht geneigtem Kopf, gedämpfter Stimme und diesem besonderen Gesichtsausdruck, der dem Gegenüber mitteilt: Ich habe das Leben verstanden. Du offenbar noch nicht, aber ich helfe dir jetzt ein wenig.

Was genau losgelassen werden soll, bleibt häufig offen. Die Vergangenheit vielleicht. Eine Beziehung. Enttäuschungen. Erwartungen. Schuldgefühle. Kontrolle. Eine Erinnerung. Manchmal vermutlich auch der Wunsch, eine konkrete Antwort auf eine konkrete Frage zu bekommen. Das Praktische an „Du musst loslassen“ ist nämlich, dass der Satz fast überall passt und trotzdem erstaunlich selten verpflichtet, zu erklären, was damit eigentlich gemeint ist.

Jemand wurde verlassen? Du musst loslassen. Jemand ärgert sich seit Monaten über eine Ungerechtigkeit? Loslassen. Eine Freundschaft ist zerbrochen? Loslassen. Ein Projekt funktioniert nicht? Loslassen. Der Nachbar hat zum dritten Mal die Mülltonne vor die eigene Einfahrt gestellt? Vermutlich ebenfalls loslassen. Irgendwann stellt sich die Frage, ob wir Probleme noch lösen sollen oder ob es inzwischen genügt, sie möglichst würdevoll aus der Hand gleiten zu lassen.

Besonders wirkungsvoll wird die Weisheit, wenn gleichzeitig die tröstende Pranke auf der eigenen Schulter landet. Diese warme, verständnisvolle Hand, die durch sanften Druck mitteilt: Ich bin bei dir. Ich verstehe dich. Ich kenne den Weg. Genau in diesem Moment könnte ich tatsächlich intensiv über das Loslassen nachdenken, allerdings möglicherweise in einer etwas anderen Interpretation.

Da könnte ich – natürlich nur in Gedanken – diesen Arm greifen, ihn von seiner muskulären Einheit befreien, die Pfanne leer zurücklassend, den Arm einfach ausreißen und dem Typen damit zwischen die Beine dreschen. Das wäre weder therapeutisch besonders wertvoll noch gesellschaftlich ausgesprochen anschlussfähig. Immerhin hätte danach aber einer von uns definitiv etwas losgelassen.

Natürlich steckt in der Phrase ein vernünftiger Gedanke. Menschen können sich an Vergangenes klammern, an Kränkungen, gescheiterte Beziehungen, unerfüllte Erwartungen oder Situationen, die längst nicht mehr veränderbar sind. Irgendwann kann es tatsächlich gesünder sein, nicht jeden alten Schmerz täglich neu zu polieren. Aber genau deshalb müsste eigentlich die entscheidende Frage folgen: Warum soll ich loslassen?

Und an dieser Stelle bekommt manche Lebensweisheit plötzlich Atemnot. Denn jetzt müsste aus einer Phrase ein Argument werden.

Vielleicht muss etwas tatsächlich losgelassen werden. Vielleicht aber auch aufgearbeitet, geklärt, ausgesprochen oder verändert. Vielleicht muss man kämpfen. Vielleicht warten. Vielleicht akzeptieren. Vielleicht einen Anwalt anrufen. Die Wirklichkeit besitzt bedauerlicherweise die lästige Eigenschaft, komplizierter zu sein als ein Wandtattoo.

Vor allem ist Loslassen keineswegs automatisch ein Zeichen von Reife. Manchmal ist es schlicht Aufgeben. Umgekehrt ist Festhalten nicht automatisch krankhaft, blockierend oder rückwärtsgewandt. Fast alles, was Menschen langfristig schaffen, setzt voraus, dass irgendwann jemand eben nicht losgelassen hat: eine Idee, eine Freundschaft, ein Versprechen, ein Projekt, eine Hoffnung oder die Überzeugung, dass etwas besser werden kann.

Auch menschliche Beziehungen würden einigermaßen merkwürdig aussehen, wenn bei jeder Schwierigkeit sofort die philosophisch korrekte Lösung im Loslassen bestünde. Manche Beziehungen überleben gerade deshalb, weil Menschen festhalten, miteinander reden, sich streiten, Fehler verzeihen und nicht beim ersten größeren Problem die emotionale Notausgangstür benutzen.

Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht im Loslassen, sondern in der Vorstellung, dass eine komplexe Entscheidung durch ein einziges Wort erledigt werden könnte. „Loslassen“ klingt nach Klarheit, Entwicklung und innerer Ruhe. Tatsächlich kann niemand einem anderen diese Entscheidung abnehmen, ohne die Umstände zu kennen. Und sobald man nach dem Warum fragt, zeigt sich sehr schnell, ob hinter dem Satz wirklich ein Gedanke steckt oder nur eine Phrase mit gutem Marketing.

Dann gibt es noch jene Menschen, die den Satz besonders gerne verteilen, obwohl sie selbst auf bemerkenswerte Weise vom Loslassen verschont geblieben sind. Sie erinnern sich an einen Streit von 2009, können sämtliche Verfehlungen ihres ehemaligen Partners chronologisch und unter Angabe ungefährer Uhrzeiten rekonstruieren und wissen bis heute, was Tante Ingrid Weihnachten 2016 beim Nachtisch gesagt hat. Sobald man selbst jedoch länger als drei Tage an einer Sache hängt, erscheint plötzlich der Dalai Lama aus dem Reihenhaus und erklärt, man müsse lernen loszulassen.

Vielleicht ist das eines der zuverlässigsten Prinzipien moderner Lebensberatung: Viele Ratschläge funktionieren ausgezeichnet, solange sie ausschließlich für andere Menschen gedacht sind.

Eine ehrliche Version der Phrase müsste daher vermutlich lauten: Du musst herausfinden, was du loslassen solltest, was du verändern kannst und woran es sich zu halten lohnt.

Das wäre wesentlich vernünftiger. Leider eignet es sich überhaupt nicht für ein Wandtattoo, klingt nicht nach Erleuchtung und niemand kann einem dabei bedeutungsvoll die Pranke auf die Schulter legen.

Und jetzt noch einmal, bis Sie uns hassen

Manche Sätze machen nicht deshalb wahnsinnig, weil sie besonders dumm wären. Sie machen wahnsinnig, weil man ihnen nicht entkommen kann. Beim ersten Mal nimmt man sie kaum wahr. Beim fünften erkennt man sie wieder. Beim zehnten kennt man den Text. Beim zwanzigsten könnte man die Lippen synchron mitbewegen, obwohl man das Produkt weder besitzt noch besitzen möchte und inzwischen eine emotionale Beziehung zu seiner Fernbedienung entwickelt hat.

Werbung nennt das vermutlich Wiedererkennung. Der Betroffene nennt es irgendwann Belästigung mit Budget.

Besonders schön wird es, wenn zur Wiederholung noch inhaltlicher Unsinn kommt. Da schwärmt beispielsweise ein Reiseanbieter davon, wie beeindruckend es sei, aus der Reiseflughöhe auf einen berühmten japanischen Berg zu blicken. Kurz darauf befindet sich das Flugzeug offenbar auf knapp 2.000 Metern Höhe – also ungefähr dort, wo der knapp 3.800 Meter hohe Berg noch lange nicht zu Ende ist. Trotzdem soll sich das Ganze offenbar weiterhin in jener majestätischen Sphäre abspielen, die man uns gerade als Reiseflughöhe verkauft hat.

Irgendwann sitzt man nicht mehr vor der Werbung, sondern vor einer kleinen privaten Untersuchungskommission. Wie hoch ist der Berg? Wie hoch fliegt dieses Flugzeug gerade? Was genau versteht die Werbeagentur unter Reiseflughöhe? Hat während der Produktion irgendwann jemand Google benutzt? Und wenn ja: Wurde diese Person anschließend aus kreativen Gründen aus dem Gebäude entfernt?

Das eigentlich Beunruhigende ist nämlich nicht der Fehler selbst. Menschen machen Fehler. Auch Werbetexter. Beunruhigend ist die Vorstellung der gesamten Strecke, die so ein Satz zurückgelegt haben muss. Jemand hat ihn geschrieben. Jemand hat ihn gelesen. Jemand hat ihn freigegeben. Andere haben ihn gesprochen, aufgenommen, geschnitten und produziert. Schließlich hat wahrscheinlich noch jemand mit verschränkten Armen vor einem Bildschirm gestanden und gesagt: „Ja. Genau so.“

Und danach wird das Ganze zwanzigmal am Tag ausgestrahlt.

Damit erhält der Irrtum etwas Monumentales. Er ist nicht mehr einfach falsch. Er ist professionell produziert falsch.

Eine andere Form der Dauerberieselung besteht darin, einen prominenten Menschen so lange mit einem Produkt zu verbinden, bis man bei dessen Anblick kaum noch an seine eigentliche Karriere denkt. Da erscheint beispielsweise ein ehemaliger Rennfahrer und erklärt einem wieder und wieder, wo man sein Auto verkaufen sollte. Irgendwann fragt man sich zwangsläufig, ob dieser Mann tatsächlich Werbung macht oder aufgrund einer sehr ungewöhnlichen Bewährungsauflage verpflichtet wurde, der deutschen Bevölkerung persönlich den Gebrauchtwagenhandel zu erklären.

Das Faszinierende daran ist die kommunikative Logik. Offenbar lautet sie: Wenn ein Mensch unsere Botschaft nach dem siebten Mal noch nicht überzeugend findet, erzählen wir sie ihm eben weitere 300-mal. Irgendwann wird er schon einsehen, wie brillant sie ist.

Diese Methode wäre auch im privaten Leben interessant. Man könnte seinem Partner morgens wiederholt mitteilen, dass der Müll heruntergebracht werden müsse, und denselben Hinweis nachmittags erneut ausstrahlen. Sollte die gewünschte Verhaltensänderung weiterhin ausbleiben, engagiert man einen ehemaligen Rennfahrer.

In Beziehungen würde ein solches Verhalten vermutlich relativ schnell als problematisch gelten. In der Werbung heißt es Mediaplanung.

Natürlich muss Werbung wiederholt werden. Niemand wird sich an eine Marke erinnern, deren Spot einmal an einem Dienstagmorgen um 4.17 Uhr gezeigt wurde und danach für immer verschwand. Das Problem beginnt dort, wo aus Wiederholung keine Vertrautheit mehr entsteht, sondern Aggression. Dann kennt man die Marke tatsächlich ausgezeichnet. Man würde sie sogar unter 500 anderen sofort erkennen. Hauptsächlich deshalb, weil beim Anblick des Logos der Blutdruck steigt.

Und damit erreichen manche Kampagnen eine kommunikative Meisterleistung, die vermutlich in keinem Briefing vorgesehen war: maximale Markenbekanntheit bei gleichzeitig wachsendem Wunsch, niemals Kunde zu werden.

Noch ärgerlicher wird Dauerwerbung, wenn sie den Zuschauer für geistig anspruchslos hält. Künstliche Dialoge, die kein Mensch jemals führen würde. Menschen, die wegen eines Waschmittels Gesichtsausdrücke entwickeln, als sei ihnen gerade die Existenz außerirdischen Lebens bestätigt worden. Familien, deren größtes gemeinsames Abenteuer offenbar darin besteht, einen neuen Mobilfunktarif abzuschließen. Dazu bedeutungsschwere Stimmen, die aus einem Joghurt eine Lebensentscheidung und aus einer Pauschalreise eine spirituelle Transformation machen.

Man sitzt davor und denkt irgendwann nicht mehr über das Produkt nach. Man denkt über die Menschen nach, die beschlossen haben, dass andere Menschen genau auf diese Weise angesprochen werden möchten.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum manche Werbung so wütend macht. Sie nervt nicht nur. Sie konfrontiert einen ständig mit der Tatsache, dass irgendwo Kommunikationsprofis beschlossen haben, dieser Satz sei gut, diese Geschichte glaubwürdig und die siebenundzwanzigste Wiederholung vermutlich genau das, was jetzt noch gefehlt hat.

Vielleicht ist das überhaupt eines der Grundprinzipien schlechter Kommunikation: Wenn eine Aussage nicht stark genug ist, wird sie nicht verbessert. Sie wird wiederholt.

Dabei gäbe es eine erstaunlich einfache Alternative: etwas Interessantes sagen. Dann müsste man es vielleicht nicht zwanzigmal am Tag wiederholen.

Aber möglicherweise ist dieser Gedanke zu radikal.

Wir sollten ihn erst einmal testen.

Am besten zwanzigmal.

Das ist deine Wahrheit

Es gibt Sätze, die klingen zunächst ausgesprochen tolerant. „Das ist deine Wahrheit“ gehört dazu. Man hört ihn und denkt im ersten Moment: Wie schön. Hier respektiert jemand die Perspektive eines anderen Menschen, ohne sie ihm wegzunehmen. Ein kleines sprachliches Friedensabkommen. Jeder bekommt seine Wahrheit, nimmt sie mit nach Hause und niemand muss sich mehr streiten.

Das Problem beginnt ungefähr dort, wo man sich fragt, wie viele Wahrheiten die Wirklichkeit eigentlich gleichzeitig verträgt.

Natürlich kann jeder Mensch eine eigene Wahrnehmung haben. Zwei Menschen können denselben Streit völlig unterschiedlich erinnern. Einer war überzeugt, ruhig geblieben zu sein, während der andere noch Jahre später davon berichtet, dass bereits die Zimmerpflanze Deckung gesucht habe. Erinnerung ist subjektiv, Wahrnehmung ist subjektiv, Gefühle sowieso. All das gehört zum Menschsein.

Aber deshalb besitzt noch lange nicht jeder Mensch seine eigene Wahrheit.

Wenn ich behaupte, der Eiffelturm stehe in Augsburg, ist das nicht meine Wahrheit. Es ist falsch. Möglicherweise sehr selbstbewusst falsch, vielleicht sogar emotional tief empfunden falsch, aber Paris wird deswegen den Eiffelturm nicht vermissen.

Die Wirklichkeit besitzt diese unangenehme Eigenschaft, sich nicht besonders für unsere persönlichen Überzeugungen zu interessieren.

Genau deshalb ist „Das ist deine Wahrheit“ manchmal so wunderbar praktisch. Der Satz erlaubt es, eine Diskussion zu beenden, ohne entscheiden zu müssen, ob jemand recht hat. Du hast deine Wahrheit, ich habe meine, und irgendwo zwischen uns liegt die Wirklichkeit und fragt sich vermutlich, warum sie überhaupt noch gekommen ist.

Besonders schön wird es, wenn beide Seiten dieses Verfahren beherrschen. Dann kann eine Unterhaltung ungefähr so aussehen: „Du hast gestern gesagt, du würdest um sieben kommen.“ – „Das ist deine Wahrnehmung.“ – „Ich habe deine Nachricht.“ – „Das ist deine Interpretation.“ – „Da steht: Ich komme um sieben.“ – „Das ist deine Wahrheit.“

Ab diesem Punkt braucht man eigentlich keinen Gesprächspartner mehr. Ein gut erzogener Nebel würde denselben Zweck erfüllen.

Der Satz verwandelt nämlich etwas, das ursprünglich sehr sinnvoll ist – nämlich Respekt vor unterschiedlichen Erfahrungen –, gelegentlich in eine Art sprachlichen Fluchttunnel. Sobald Fakten unangenehm werden, verschwinden sie in der persönlichen Perspektive. Niemand muss sich mehr irren. Niemand muss etwas korrigieren. Jeder bekommt einfach seine eigene kleine Wahrheit, möglichst mit Namensschild.

Das hätte enorme Vorteile für das tägliche Leben. Beim Finanzamt könnte man erklären, die dort errechnete Steuerschuld sei eben deren Wahrheit. Der Blitzer vertritt seine Sichtweise über die gefahrene Geschwindigkeit, während man selbst eine deutlich gemütlichere Erinnerung an die Fahrt besitzt. Und sollte die Waage morgens 94 Kilogramm anzeigen, muss man das keineswegs persönlich nehmen. Auch Messgeräte dürfen schließlich ihre Perspektive haben.

Spätestens dort wird deutlich, warum die Unterscheidung wichtig ist. Eine Meinung kann persönlich sein. Ein Gefühl sowieso. Eine Erinnerung kann unsicher sein. Eine Bewertung hängt vom Maßstab ab. Aber eine Tatsache wird nicht dadurch subjektiv, dass sie einem nicht gefällt.

Natürlich wissen die meisten Menschen das. Trotzdem hat sich eine Sprache entwickelt, in der Begriffe wie „Wahrheit“, „Wahrnehmung“, „Gefühl“ und „Meinung“ gelegentlich so fröhlich durcheinanderlaufen, als hätten sie auf einer Firmenfeier beschlossen, künftig einfach die Namensschilder zu tauschen.

Dabei wäre die Lösung verblüffend einfach. Statt „Das ist deine Wahrheit“ könnte man häufig sagen: „So hast du es erlebt.“ Oder: „Das ist deine Sicht darauf.“ Oder sogar: „Ich sehe das anders.“

Das hätte allerdings einen entscheidenden Nachteil.

Man müsste anschließend möglicherweise erklären, warum.

Und da begegnen wir wieder einem alten Bekannten dieses Beitrags: Phrasen sind besonders angenehm, solange niemand nachfragt.

Vielleicht macht mich „Das ist deine Wahrheit“ deshalb weniger wegen des Wortes Wahrheit wahnsinnig als wegen seiner gelegentlichen Funktion. Es klingt offen, tolerant und modern, kann aber gleichzeitig jede ernsthafte Auseinandersetzung in Watte packen. Niemand widerspricht mehr wirklich. Niemand prüft mehr. Man verteilt Perspektiven und geht zufrieden auseinander.

Nur die Wirklichkeit steht weiterhin herum.

Die hat nämlich keine eigene Wahrheit.

Sie hat den unerfreulichen Ehrgeiz, einfach zu sein, wie sie ist.

Und ausgerechnet dieser Satz macht mich jetzt schon wieder wahnsinnig.

Es ist, wie es ist

Manche Phrasen nerven, weil sie zu oft verwendet werden. Andere, weil sie einen komplizierten Gedanken auf drei Wörter reduzieren. Und dann gibt es Sätze, die eine bemerkenswerte Sonderstellung besitzen, weil sie gleichzeitig vollkommen richtig und nahezu vollständig nutzlos sind.

„Es ist, wie es ist“ gehört zweifellos in diese Königsklasse.

Man kann dem Satz nichts vorwerfen. Er ist logisch unangreifbar. Was ist, ist tatsächlich so, wie es ist. Das Problem liegt lediglich darin, dass diese Erkenntnis ungefähr denselben Informationswert besitzt wie die Feststellung, dass ein Montag auf einen Sonntag folgt oder dass ein leerer Kühlschrank vergleichsweise wenig enthält.

Trotzdem wird der Satz mit erstaunlicher Vorliebe genau dann eingesetzt, wenn ein anderer Mensch gerade ein Problem schildert. Eine Beziehung ist zerbrochen, ein Plan gescheitert, jemand wurde ungerecht behandelt, Geld ist verloren, der Chef dreht durch oder das Auto steht mit Motorschaden irgendwo auf der Autobahn. Man erzählt, erklärt, ärgert sich und hofft vielleicht sogar auf einen brauchbaren Gedanken.

Das Gegenüber hört aufmerksam zu, zieht sein verständnisvollstes Gesicht und sagt schließlich: „Tja. Es ist, wie es ist.“

Danke, Konfuzius.

Ohne diesen Hinweis hätte man möglicherweise angenommen, es sei anders, als es ist.

Besonders perfide ist, dass der Satz nicht einmal eine vernünftige Antwort zulässt. Man kann schlecht erwidern: „Nein, es ist nicht, wie es ist.“ Damit hätte man nicht nur die Diskussion verloren, sondern vermutlich auch die Grundlagen der Logik. Die Phrase setzt sich deshalb einfach hin, verschränkt die Arme und wartet darauf, dass man mit seinem Problem wieder verschwindet.

Dabei gibt es durchaus Situationen, in denen Akzeptanz wichtig ist. Manche Dinge lassen sich nicht mehr ändern. Ein Ereignis ist geschehen, ein Mensch ist gegangen, eine Entscheidung endgültig gefallen. Irgendwann kann es notwendig sein, eine Realität anzunehmen, gegen die weiteres Kämpfen nichts mehr bewirkt.

Nur wäre genau das bereits ein Gedanke.

„Es ist, wie es ist“ erspart ihn.

Und damit sind wir ziemlich genau dort angekommen, wo all die Wörter und Sätze dieses Beitrags miteinander verbunden sind. Der Klügere soll nachgeben, ohne dass geklärt wird, wann Nachgeben tatsächlich klug ist. Wir sind getriggert, ohne immer zu sagen, ob wir verletzt, wütend, genervt oder schlicht anderer Meinung sind. Wir sollen loslassen, ohne zu fragen, ob Festhalten vielleicht gerade das Richtige wäre. Werbung wiederholt eine schwache Botschaft so lange, bis aus mangelnder Überzeugungskraft wenigstens maximale Bekanntheit geworden ist. Und wenn sich zwei Menschen über die Wirklichkeit nicht einigen können, bekommt eben jeder seine eigene Wahrheit.

Die Phrase hat einen ungeheuren Vorteil: Sie spart Arbeit.

Vor allem Denkarbeit.

Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum manche dieser Formulierungen so erfolgreich sind. Ein fertiger Satz ist schnell zur Hand. Er klingt vertraut, häufig sogar vernünftig und erspart uns die Mühe, einen Gedanken jedes Mal neu zu formulieren. Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Sprache lebt schließlich auch davon, dass wir nicht jeden Morgen sämtliche Erkenntnisse der Menschheitsgeschichte neu erfinden müssen.

Problematisch wird es erst, wenn die Abkürzung irgendwann den Weg ersetzt.

Sprache wurde erfunden, damit wir Gedanken miteinander teilen können. Nicht damit wir uns das Denken ersparen. Ein Satz darf vereinfachen, aber er sollte nicht verhindern, dass wir noch wissen, was wir damit eigentlich sagen wollen. Vielleicht wäre deshalb gelegentlich eine kleine Frage hilfreich, bevor die nächste Lebensweisheit den Mund verlässt: Was meine ich damit eigentlich?

Das klingt erschreckend banal. Es könnte trotzdem einiges verändern.

Vielleicht würde der Klügere dann nicht automatisch nachgeben, sondern erst überlegen, ob es sinnvoll ist. Vielleicht würde jemand sagen: „Das macht mich wütend“, statt eine allgemeine Triggerwarnung über die Umgebung zu verhängen. Vielleicht würden wir etwas festhalten, das es verdient, festgehalten zu werden, und etwas loslassen, weil wir einen guten Grund dafür gefunden haben. Vielleicht würde sogar irgendeine Werbeagentur feststellen, dass ein interessanter Satz weniger häufig ausgestrahlt werden muss als ein schlechter.

Und vielleicht könnten wir uns sogar darauf einigen, dass nicht jeder eine eigene Wahrheit braucht. Eine eigene Meinung reicht vollkommen. Davon haben wir ohnehin genug.

Die Moral dieses Beitrags ist deshalb erstaunlich unspektakulär: Benutzen wir Wörter ruhig. Benutzen wir Phrasen, wenn sie passen. Aber benutzen wir gelegentlich auch das, was sich zwischen unseren Ohren befindet, bevor wir sie aussprechen.

Das müsste eigentlich reichen. Aber gut. Es ist, wie es ist.

Und wenn jetzt jemand seine tröstende Pranke auf meine Schulter legt, kann ich für nichts garantieren.

Beitragsbild erstellt von ChatGPR – Nach einem Prompt von mir

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