Wenn der Wind sich erinnert

Ein Lied ist zu hören

Vielleicht im Auto, nachts auf einer einsamen Landstraße oder auch in der Stadt, die nur beleuchtet von den alten Natrium-Dampflampen ihr weich oranges Licht auf die Straßen wirft.

Die Straße glänzt vom Regen, als hätte jemand flüssiges Licht über sie gegossen. Vielleicht kommt die Musik aus einem offenen Fenster. Vielleicht aus einem Restaurant, an dem du vorbeigehst. Und doch trifft es dich von einem Moment zum anderen, als hätte es genau auf dich gewartet.

Ein paar Töne, eine Harmonie, eine Stimme die genau jene Worte singt, die für dich eine längst vergessen Zeit wieder lebendig werden lässt.

Mehr braucht es nicht und etwas reißt auf.

Und dann bist du nicht mehr hier, nicht mehr im Jetzt.

Du fällst zurück- Nicht langsam, auch nicht geordnet. Sondern abrupt – so als hätte jemand eine Tür in dir geöffnet, die du längst vergessen hast.

Plötzlich ist alles wieder da

Der Geruch von warmen Asphalt nach einem Sommerregen. Das Salz in der Luft am Meer, wenn der Wind dir ins Gesicht schlägt und du nicht weißt, ob es Morgen oder Abend ist. Das Knacken von Kies unter den nackten Füßen irgendwo in Griechenland oder Italien, wo Zeit keine Uhr mehr braucht, wo Zeit ihre Ordnung verliert. Der Geschmack einer Frucht die du noch nie gegessen hast, zu süß, zu reif, auf irgendeiner Straße, deren Namen du nie behalten hast. Ein fremder Satz in einer Sprache, die du nicht verstehst – aber in diesem Moment trotzdem etwas in dir öffnet, als hätte dein Inneres sie schon immer gekannt.

Und da ist die Erinnerung an das Flugzeug, das auf den Bermudas oder irgendwo anders, wo die Welt plötzlich dichter wird.

Der erste Atemzug außerhalb der Kabine – warm, feucht, schwer von Blüten, Salz und Erde. Der Duft der nicht beschreibt, sondern behauptet: Du bist woanders. Du bist angekommen in etwas Neuem, das sich gleichzeitig seltsam vertraut anfühlt – das sofort sagt: Du bist woanders. Du bist noch hier gewesen. Sei willkommen.

Oder jeder andere Ort, den du in deiner Jugendzeit oder sonst irgendwann das erste Mal betreten hast. Alles gespeichert. Nicht verloren. Nur verschoben. Verschüttet unter dem Jetzt.

Und dann hörst du diese eine Musik

Nicht irgendeine, sondern genau die, die du damals gehört hast.

Ein Sommerabend. Die Fenster offen, Stimmen draußen. Lachen, das sich mit dem Wind mischt. Und du stehst dazwischen, halb in der Szene, halb daneben und du hast das Gefühl, als würdest du dich selber beobachten.

Die Welt riecht nach Neuem, nach Grillfeuer, nach Haut, nach Möglichkeit die noch keine Richtung kennt.

Irgendwo in der Ferne rollt ein Gewitter durch die engen Täler, du spürst, hörst wie es näherkommt, lauter wird, von deinen Gefühlen Besitz ergreift.

Die Luft verändert sich, wird schwer, elektrisch, beinahe unruhig Lebendig. Und bevor es regnet, ist da dieses kurze innehalten der Welt – als würde selbst der Himmel zuhören, bevor er antwortet. Und alles in dir weiß schon in diesem Moment: Da ist etwas. Ein Mensch. Ein Blick. Ein Satz, der nicht gesagt wurde. Eine Richtung, die offen war. 

Es hätte gereicht. Ein Schritt. Ein einfaches „Ich komme mit“.

Oder ein „Bleib hier“.

So wenig. Und doch alles. Und du bleibst stehen. Weil Zeit immer so tut, als wäre sie mehr als sie ist, als wäre sie eine zweite Chance.

Später. Morgen. Irgendwann.

Und während du wartest, verschiebt sich etwas, leise, unmerklich, endgültig. 

Heute kommen diese Momente zurück, ohne Einladung.

Ein Geruch in einem Flur, der dich plötzlich an einen anderen Ort wirft. Ein Lied im Radio, das dich mitten aus dem Jetzt zieht.  Der Wind, der nach einem Ort schmeckt, den es nur in dir gibt. Ein fremdes Gespräch auf der Straße. Das für einen Sekundenbruchteil vertrauter wirkt als alles, was gerade real ist.

Und jedes Mal passiert dasselbe

Die Gegenwart kippt. Und die Vergangenheit steht plötzlich neben dir, als wäre sie nie gegangen., als hätte sie nie aufgehört zu existieren. Nicht laut, nicht dramatisch. Eher wie ein Atemzug, der zu tief geht.

Und du erinnerst dich nicht nur. Du bist wieder dort. Du siehst das lächelnde Gesicht deines Urlaubsschwarms, schmeckst das erste Mal das Salz im Meer, du fühlst vielleicht das Bedauern einer nicht ergriffenen Möglichkeit. Du erinnerst dich an den einen oder anderen Menschen den du kennengelernt hast.

Der dir seine Welt erklärt, dir Neues zeigt, dessen Worte in dir verblieben sind. Weil sie dir neue Richtungen im Sehen, Denken, Fühlen, nähergebracht haben.

Und in all dem liegt kein reiner Schmerz. Nicht wirklich. Kein reines Bedauern. Es ist etwas dazwischen. Etwas, das sich nicht sauber beantworten lässt. 

Weil es nicht nur um das, was war. Sondern um das, was hätte sein können.

Das andere Leben, nicht weniger real – nur ohne dich in seiner Mitte.

Und vielleicht ist genau das der Punkt. Nicht der Mut den du nicht hattest. Nicht die Entscheidung, die du nicht getroffen hast.

Sondern die Erkenntnis, dass du damals nicht wusstest, wie endgültig ein einziger unbewegter Moment sein kann.

Und trotzdem.

Zwischen all diesen Rückblenden, all diesen Sinnesblitzen, die dich immer wieder in diese Zeiten ziehen, liegt auch etwas anderes.

Etwas Stilleres… Etwas Hartnäckiges.

Die Ahnung, dass das Leben sich nicht nur einmal entscheidet. Dass es wieder solche Abende, Tage, Momente, Menschen geben wird.

Wieder Gerüche und Sinnesempfindungen, die dich aus der Bahn werfen. Wieder ein Blick, der mehr verspricht, als er erklärt. Wieder diese Schwelle, an der alles offen ist – und nichts sicher.

Und dann wirst du wieder dort stehen. Mit all den Erinnerungen im Körper, in der Seele. Mit all den versäumten Bewegungen in dir. Mit all dem, was nie gegangen ist.

Und du wirst spüren, wie alt und vertraut dieses Gefühl ist.

Das Zögern, die Angst, die Schüchternheit. Die leisen Gewohnheiten des Stehenbleibens.

Und vielleicht stellst du dir dieselben Fragen wie früher. Bleibe ich wieder stehen? Oder gehe ich diesmal hindurch.

Nicht weil es sicher ist. Sondern weil du längst weißt, wie sich das andere anfühlt. Und vielleicht wird genau das der Unterscheid sein. 

Und irgendwann läuft wieder ein Lied.

Und du wirst wieder zurücksehen.

Die Frage ist nicht, ob dich die Vergangenheit berührt.

Die Frage ist, ob du diesmal in ihr stehen bleibst – oder sie hinter dir lässt, während du weitergehst.

19.04. – 

Beitragsbild erstellt durch Gemini – Nach einem Prompt von mir.