Jeden Tag, wenn ich durch das Netz scrolle, haben ich kurz das Gefühl…
Jeden Tag, wenn ich durch das Netz scrolle, da habe ich kurz das Gefühl, in einer halbwegs zivilisierten Welt unterwegs zu sein. DSVGO-Banner springen mir entgegen, überall wird von Datenschutz, Transparenz und „Ihre Privatsphäre ist uns wichtig“ gefaselt. Und dann klicke ich auf „Akzeptieren“ – also auf den Knopf, der so gestaltet, dass ich ihn schon aus Reflex treffe – und lande in der immer gleichen Mischung aus Reklame, Halb-Wahrheiten und billigem Clickbait, die sich als Information verkleidet.
Clickbait, Dark Patterns und die neue Bauernfängerei
Wir tun so, als wäre das Internet ein Marktplatz der Ideen. In Wahrheit ist es ein Basar der Aufmerksamkeitshehler. Webseitenbetreiber, PR-Budenschmieden, Werbeagenturen – alle wissen ganz genau, dass niemand, aber wirklich niemand freiwillig ihre Anzeigen sehen will.
Also greifen sie zu dem, was man früher Bauernfängerei nannte und heute „Dark Patterns und „Conversion-Optimierung“. Überschriften, die schreien: „Nur heute!“, „Ärzte hassen diesen Trick!2, „Regierung verheimlicht ihnen diese Wahrheit“ – und dahinter sitzen keine mutigen Enthüllungsjournalisten, sondern Teams, die A/B testen, welche Formulierungen den Klick noch ein kleines Prozentchen oder wie wir in Wien sagen, a Prozenterl, nach oben schiebt.
Wir sind müde – und genau das nutzen sie aus
Und das wirklich Beunruhigende: Es funktioniert. Nicht weil wir alle so dumm sind, sondern weil wir müde sind. Müde von Krisen, Nachrichten, Dauerlärm. Also klicken wird auf das Versprechen einer einfachen Antwort. Auf die „sensationelle Studie“, die unsere Meinung bestätigt. Auf den „Skandal“, der genau die richtigen Feindbilder bedient. Wir tun es im Halbbewusstsein, zwischen zwei E-Mails oder im Bus.
Und während wir glauben, „nur mal schnell zu schauen“, füttern wir die Maschine mit Daten darüber, was uns triggert, welche Überschriften uns wütend machen, welche Angst uns zuverlässig bei der Stange hält.
Die Werbeindustrie hat uns längst nicht mehr als Menschen im Blick, sondern als Profile: Alter, Geschlecht, Wohnort, politischer Geschmack, heimliche Ängste, sexuelle Vorlieben, Urlaubswünsche. Daraus baut man Zielgruppen, auf die man dann psychologische Munition abfeuert. Dass ein Großteil dieser Werbung in der Flut sowieso untergeht, ist dabei im Grunde egal. Es reicht, wenn ein winziger Bruchteil davon hängenbleibt. Ein paar tausende Menschen, die ein Produkt kaufen, wenn ein winziger Bruchteil hängen bleibt.
Ein paar tausende Menschen, die ein Produkt kaufen, eine Verschwörungstheorie weiterleiten, einen „Meinungsartikel“ teilen, der in Wahrheit nur eine gesponserte Kampagne ist.
Die KI als Müllfilter – und gleichzeitig Müllfabrik
Und nun kommt die KI ins Spiel – unsere große Hoffnung, unser neuer Mond, unser vermeintliches Rettungsseil. Sie wird „Fake News“ erkennen“, heißt es. „Sie wird Clickbait filtern, sie wird Wahrheit und Lüge trennen.“
Theoretisch kann sie das: Algorithmen können Schlagzeilen analysieren, Quellen prüfen, Bilder gegen Datenbanken abgleichen, Muster in Desinformationskampagnen erkennen. KI kann den Müll schneller sortieren als wie „Jetzt weiterlesen“ sagen können
Aber dieselbe Technologie sitzt auch auf der anderen Seite des Tisches. KI schreibt schon heute Texte, die klingen wie echte Artikel, produziert Bilder, die aussehen wie Fotodokumente, und generiert Videos von Menschen, die Dinge sagen, die sie nie gesagt haben.
Sie lernt, welche Emotionen Klicks bringen, welche Formulierungen Wut maximiert, welche Lüge glaubwürdig genug ist, um sich zu verbreiten, aber wild genug, um im Gedächtnis zu bleiben. Wir bauen also nicht nur einen Müllfilter, wir bauen gleichzeitig die perfekte Müllfabrik.
Wir sind nicht nur Opfer, wir sind Teil des Problems
Und genau hier wird unsere eigene Rolle unangenehm sichtbar. Denn ohne unsere Klicks, unsere Likes, unser fragloses Weiterleiten wäre das alles ökonomisch tot. Wir sind nicht nur die Opfer, wir sind die Fußsoldaten.
Wir beschweren und über „die Medien“, teilen aber jeden noch so dummen Screenshot, weil er so gut in unsere Weltsicht passt. Wir lachen über Verschwörer, klicken aber genauso gierig auf deren Schlagzeilen, weil es uns kurz das Gefühl gibt, Teil eines Geheimnisses zu sein.
Wir reden von „kritischem Denken“ und lassen uns im selben Moment von einem Thumbnail mit roter Umrandung und drei Ausrufezeichen an der Nase herumführen.
Die Webseitenbetreiber und Agenturen sind nicht weniger schuldig – im Gegenteil. Sie wissen, dass sie psychologische Schwächen ausnutzen. Sie wissen, dass jede Überschrift, die „Schock“ und „Experten warnen“ kombiniert, noch ein Stückchen mehr Misstrauen in alles säht, was nüchtern daherkommt.
Und sie machen weiter, weil die Kennzahlen stimmen. „Engagement“ nennen sie das. Reichweite. Performance. In einer anderen Sprache würde man es wahrscheinlich Kollateralschaden nennen.
Warum KI uns nicht vor uns selbst retten wird
Wird uns KI aus diesem Sumpf holen? Nur, wenn wir aufhören, sie als magischen Staubsauer für unsere eigene Verantwortung zu betrachten. Eine KI kann markieren, was verdächtig ist. Sie kann Quellen vorschlagen, Fakten einordnen, Warnschilder aufblinken lassen. Sie kann helfen, die übelsten Formen von Betrug und Propaganda schneller zu erkennen und zu blockieren.
Aber sie wird uns nicht abnehmen, „Nein“ zu sagen, wenn wieder eine Schlagzeile exakt unsere Wut bedient. Sie wird uns nicht abnehmen, einen Artikel zu schließen, der mit unserem Bauchgefühl spielt, statt mit unserem Verstand.
Vielleicht ist der ehrlichste Schritt, den wir gehen können, dieser: Wir hören auf, uns als unschuldige Opfer eines bösen Internets zu sehen. Denn wir sind Teil des Problems – als Betreiber, als Werber, als Nutzer. Wir klicken, wir programmieren, wir lassen durchgehen.
Und erst wenn wir bereit sind, uns selbst mit in den Spiegel zu stellen, können wir entscheiden, was KI in dieser Geschichte sein soll.
Werkzeug, um den Nebel zu lichten oder Verstärker für die nächste Welle aus Lärm, Lüge und perfekt optimierten Schrott.
Meine eigene Schwäche im Lärm des Netzes
Ich nehme mich da übrigens nicht aus. Auch ich tappe in diese Fallen, klicke auf Überschriften, von denen ich eigentlich weiß, dass dahinter nur dünner Inhalat wartet.
Auch ich ertappe mich dabei, wie ich im Halbschlaf durch Feeds scrolle, statt bewusst zu entscheiden, was ich lesen will. Manchmal merke ich erst hinterher, wie mir eine Stunde gestohlen wurde, die ich nie jemandem freiwillig geschenkt hätte.
Vielleicht ist das die ehrlichste Schwäche dieser Zeit: nicht, dass wir zu wenig wissen, sondern dass wir zu müde sind, unser Wissen auch anzuwenden. Ich weiß, dass ich aufpassen müsste – und tue es trotzdem oft nicht. Und genau deshalb will ich, dass KI kein weiterer Trick im Werkzeugkasten der Aufmerksamkeitsdiebe wird, sondern ein Werkzeug, das mir hilft, mich selbst wieder zu schützen.
Nicht, weil ich perfekt wäre, sondern weil ich genau weiß, wie leicht ich sonst untergehe in diesem Strom aus Lärm.
Beitragsbild erstellt durch Gemini nach einem Prompt von mir.
Begriffserklärung
CLICKBAIT: Clickbait – Klickköder – sind reißerische Überschriften oder Vorschaubilder, die vor allem eines im Sinn haben. Das der User darauf klickt.
Dafür typisch sind künstlich und manipulativ inszenierte Neugierlücken. Es wird gerade so viel verraten um Neugierig zu machen, aber nicht genug um zu informieren. Dieser doch inzwischen als dreckige Taktik aufgefasste Massnahme findet man nicht nur auf reinen „Ich krall mir dich jetzt Seiten“, sondern immer mehr auch bei sogenannten seriösen Medienprodukten. Es gibt keine Schlagzeilen mehr mit einem aussagekräftigen Inhalt der zum Thema leitet, es gibt fast nur noch die digitalen Koberer, Lockvögel, Kundenfänger.
DARK PATTERNS: Dark Patterns sind genau übersetzt, Dunkle Muster. Das sind manipulativen Design-Tricks in Benutzeroberflächen.
Diese sollen Nutzer zu Handlungen drängen, die sie eigentlich nicht oder nur widerwillig ausführen würden – wie Zusatzkäufe, Abos oder das Teilen von Daten. Beispiele sind hervorgehobene „Alle akzeptieren“ Button bei Cookies, verwirrende Formulierungen, versteckte Abmelde-Optionen oder erzeugen künstlichen Zeitdruck – Nur noch 1 Zimmer verfügbar!“ Das Ziel ist nicht die Nutzerfreundlichkeit, sondern noch mehr Daten, noch mehr Umsatz und noch mehr Kontrolle über das Nutzerverhalten zu bekommen. Dazu vor allem bei Internet-Shops und im E-Commerce, Rabatt-Countdowns, Gamification-Elemente wie Gewinnspiele oder Glücksräder, verwirrende Preisangaben und oft schwer zu erhaltende Informationen, die man benötigt.
Und scheinbar interessiert es niemanden, die User zu schützen.

