Jamal Musiala – Was bleibt vom Menschen, wenn der Marktwert schweigt?

Jamal Musiala in a Bayern Munich shirt, looking confidently into the distance, with the quote: “In the end, it’s not what we achieve. It’s who we are when we couldn’t perform.”

Für ein paar Sekunden bleibt nur der Mensch

Es gibt im modernen Fußball kaum noch etwas, das nicht vermessen wird. Laufwege werden aufgezeichnet, Sprints gezählt, Belastungswerte verglichen, Schlaf und Ernährung optimiert. Ein Körper wird beobachtet, trainiert, gepflegt und bis in Bereiche hinein analysiert, von denen ein Fußballtrainer vor dreißig Jahren vermutlich nicht einmal wusste, dass man sie messen kann. Und irgendwann bekommt auch der Mensch selbst eine Zahl. Bei Jamal Musiala bewegt sie sich in einer Größenordnung von weit über hundert Millionen Euro.

Wir haben uns daran gewöhnt. Vielleicht viel zu sehr. Wir sagen, ein Fußballer sei 20, 50 oder 140 Millionen Euro wert, und niemand findet diesen Satz besonders merkwürdig. Wir reden über Menschen wie über Gemälde bei einer Auktion und meinen damit selbstverständlich nicht den Menschen selbst, sondern seine sportliche und wirtschaftliche Bedeutung. Jeder weiß das. Trotzdem bleibt etwas Eigentümliches an dieser Sprache zurück, sobald derjenige, über den wir sprechen, plötzlich nicht mehr funktioniert.

Bei Jamal Musiala waren es nur wenige Sekunden. Sekunden, in denen all diese Zahlen bedeutungslos wurden. Kein Marktwert, keine Tabelle, kein Vertrag und kein kommendes Spiel konnten daran etwas ändern, dass da plötzlich ein 23-jähriger Mann auf einem Fußballplatz stand, dessen Gehirn für einen kurzen Augenblick etwas tat, über das er selbst keine Kontrolle hatte.

Seit ich diese Bilder gesehen und anschließend mehr über die Hintergründe gelesen habe, geht mir eine Frage nicht mehr aus dem Kopf: Was bleibt von einem 140-Millionen-Euro-Fußballer, wenn für ein paar Sekunden nur noch der Mensch übrig bleibt?

Vielleicht ist es genau diese Frage, die mich an Musialas Geschichte mehr interessiert als die medizinische Diagnose oder die Frage, wann er wieder Fußball spielen wird. Denn selbstverständlich wünsche ich ihm, dass die Ärzte die Ursache und die richtige Behandlung finden, dass seine Medikation funktioniert und dass er irgendwann wieder auf dem Platz steht – sofern er selbst dort stehen möchte. Aber das ist seine Geschichte. Mich beschäftigt daneben noch eine andere.

Es ist die Geschichte der Menschen um ihn herum. Des Vereins, seiner Mitspieler, der Fans, der Medien und vielleicht irgendwann auch derjenigen, die anfangen werden, über Verträge, Kaderplanung und Marktwerte nachzudenken. Es ist die Frage, was mit unserer Anteilnahme geschieht, wenn aus einer kurzen Unterbrechung möglicherweise etwas Längeres wird.

Noch gibt es keinen Grund zur Anklage

Im Augenblick gibt es wenig Grund für Pessimismus. Das möchte ich ausdrücklich festhalten, weil es leicht wäre, aus Musialas Erkrankung eine fertige Gesellschaftskritik zu bauen und anschließend nur noch nach Belegen dafür zu suchen. Das wäre nicht nur unfair, sondern auch intellektuell bequem.

Was bisher zu beobachten war, empfinde ich eher als ermutigend. Mitspieler schützten Musiala in einem Moment, in dem er selbst kaum entscheiden konnte, welche Bilder von ihm um die Welt gehen sollten. Fans riefen seinen Namen. Der FC Bayern vermittelte bislang nicht den Eindruck, einen möglichst schnell zu reparierenden Leistungsträger vor sich zu haben, sondern einen jungen Mann, dessen gesundheitliche Situation medizinisch abgeklärt und begleitet werden muss.

Vielleicht haben wir tatsächlich etwas gelernt. Vielleicht ist der Umgang mit Krankheit im Spitzensport heute menschlicher geworden. Vielleicht ist die Zeit vorbei, in der körperliche Leistungsfähigkeit beinahe automatisch mit innerer Stabilität verwechselt wurde. Ich möchte das glauben. Aber Erinnerungen machen vorsichtig.

Die Erinnerung an Sebastian Deisler

Ich erinnere mich an Sebastian Deisler. An einen außergewöhnlich begabten Fußballer, der ebenfalls für Bayern München spielte und dessen Depression vor mehr als zwanzig Jahren auf eine Fußballwelt traf, die mit psychischen Erkrankungen noch sehr viel weniger anzufangen wusste als heute.

Depression war damals keine unbekannte Krankheit. Aber zwischen dem Wissen, dass es sie gibt, und dem Verständnis dafür, was sie mit einem Menschen macht, lag gesellschaftlich noch eine ziemlich große Entfernung. Ein Fußballer durfte sich das Kreuzband reißen. Er durfte mit einer Muskelverletzung ausfallen. Dafür gab es Bilder, Diagnosen, Operationsberichte und irgendwann einen ungefähren Termin für die Rückkehr.

Eine Krankheit, die man nicht auf einem Röntgenbild zeigen konnte und die einen Menschen trotzdem daran hinderte, das zu tun, wofür er scheinbar geschaffen war, passte schlechter in diese Welt.

Deisler war einer der ersten prominenten Fußballer, an denen viele Menschen überhaupt verstanden, dass auch ein Hochleistungssportler an einer psychischen Erkrankung leiden kann. Dass Talent, Geld, Erfolg und öffentliche Bewunderung keinen Schutzschild gegen eine Depression bilden. Dass ein Mensch gleichzeitig privilegiert und krank sein kann.

Heute erscheint uns manches davon selbstverständlich. Damals war es das nicht.

Dann kam Robert Enke

Einige Jahre später bekam diese Erkenntnis eine Dimension, die niemand mehr übersehen konnte.

Robert Enke war Nationaltorwart, Bundesliga-Profi und nach außen ein Mann, der funktionierte. Genau darin liegt bis heute etwas Verstörendes an seiner Geschichte. Denn ein Mensch kann seine Leistung erbringen, seinen Beruf ausüben, vor Zehntausenden Menschen auf dem Platz stehen und trotzdem innerlich in einer Wirklichkeit leben, die kaum jemand sieht.

Am 10. November 2009 nahm sich Robert Enke das Leben.

Man sollte mit einem solchen Ereignis vorsichtig umgehen. Es eignet sich nicht für Dramaturgie und schon gar nicht als emotionaler Effekt in einem Text. Aber man darf auch nicht so tun, als hätte sein Tod für den Fußball und für die gesellschaftliche Wahrnehmung psychischer Erkrankungen nichts verändert.

Enke zwang eine Welt zum Hinsehen, die sehr gut darin war, körperliche Leistung zu beurteilen und viel schlechter darin, menschliches Leiden zu erkennen. Plötzlich reichte die alte Gleichung nicht mehr: Wer spielt, funktioniert. Wer funktioniert, dem geht es gut.

Vielleicht war genau diese Gleichung schon immer falsch.

Deisler hatte gezeigt, dass ein außergewöhnlicher Fußballer krank werden kann. Enke zeigte auf die grausamste denkbare Weise, dass selbst sichtbares Funktionieren nichts darüber aussagt, wie es einem Menschen tatsächlich geht.

Seitdem hat sich vieles verändert. Vereine beschäftigen Psychologen. Über Depressionen wird anders gesprochen. Spieler können psychische Probleme öffentlich machen, ohne automatisch als schwach zu gelten. Auch neurologische Erkrankungen sind heute besser bekannt und gesellschaftlich weniger von Angst und Unwissen geprägt.

Das ist Fortschritt, und den sollte man nicht kleinreden.

Aber ich frage mich, wie tief er reicht.

Wissen ist noch keine Menschlichkeit

Vielleicht haben wir gelernt, die richtigen Wörter zu benutzen. Vielleicht wissen wir inzwischen, dass eine Depression keine Willensschwäche ist und dass ein neurologischer Aussetzer nichts damit zu tun hat, ob jemand stark genug ist. Aber Wissen und Menschlichkeit sind nicht dasselbe.

Man kann sehr genau wissen, dass ein Mensch nichts für seine Erkrankung kann, und ihn trotzdem irgendwann als Belastung empfinden. Man kann Verständnis für eine Depression haben und sich gleichzeitig darüber ärgern, dass ein Kollege schon wieder fehlt. Man kann einem Menschen mit einer neurologischen Erkrankung von Herzen gute Besserung wünschen und einige Monate später fragen, ob mit ihm beruflich überhaupt noch zu planen sei.

Aufklärung beseitigt Vorurteile nicht automatisch. Manchmal gibt sie ihnen lediglich eine höflichere Sprache.

Vielleicht kommt mein Misstrauen daher. Ich möchte dem FC Bayern nichts unterstellen, was nicht geschehen ist. Ich möchte auch den Fans keine Reaktion vorwerfen, die es bislang nicht gibt. Im Gegenteil: Ich hoffe, dass alles, was wir derzeit an Unterstützung und Fürsorge sehen, genau so gemeint ist und genau so bleibt.

Aber ich frage mich, wie belastbar diese Menschlichkeit ist.

Was geschieht, wenn aus Tagen Wochen werden? Was geschieht, wenn Medikamente verändert werden müssen und niemand sagen kann, ob die nächste Einstellung funktioniert? Was geschieht, wenn ein entscheidendes Spiel verloren geht und ausgerechnet der Spieler fehlt, der es vielleicht hätte entscheiden können?

Irgendwann könnte dann ein Wort auftauchen, das vollkommen vernünftig klingt: Planungssicherheit.

Ein Trainer braucht sie. Ein Sportvorstand braucht sie. Ein Verein, der mit Hunderten Millionen Euro wirtschaftet, braucht sie selbstverständlich auch. Niemand wird dadurch zu einem schlechten Menschen.

Und trotzdem könnte genau dort etwas beginnen.

Aus Jamal Musiala wird dann vielleicht zunächst ein Spieler, dessen Rückkehr ungewiss ist. Danach einer, mit dem nur eingeschränkt geplant werden kann. Später womöglich ein wirtschaftliches Risiko. Jeder einzelne Schritt lässt sich sachlich begründen, und vielleicht ist sogar jeder einzelne notwendig.

Nur befindet sich irgendwo zwischen diesen vollkommen vernünftigen Sätzen noch immer derselbe 23-jährige Mann.

Entmenschlichung beginnt selten mit einem bösen Satz. Sie beginnt häufig mit einem vernünftigen Satz, in dem der Mensch irgendwann nicht mehr vorkommt.

Noch sind wir dort nicht. Vielleicht werden wir dort niemals ankommen. Ich hoffe es sehr.

Aber gerade deshalb möchte ich jetzt hinschauen.

Eine Krankheit trägt einen Namen. Aber sie führt bei jedem Menschen ein anderes Leben.

Ich kenne Epilepsie nicht aus Lehrbüchern. Ich kenne sie aus meinem persönlichen Umfeld, und vielleicht ist gerade dass der Grund, warum mich schnelle Gewissheiten bei solchen Themen eher misstrauisch machen.

Ein guter Freund von mir lebt seit Jahren mit Epilepsie. Die Ärzte haben ihn medikamentös so gut eingestellt, dass die Krankheit in seinem Alltag kaum noch sichtbar ist. Im Grunde lebt er seit langer Zeit anfallsfrei. Wenn man ihm begegnet, würde man vermutlich überhaupt nicht auf die Idee kommen, dass diese Erkrankung zu seinem Leben gehört.

Seine beiden Söhne, Zwillinge, wurden ebenfalls in jungen Jahren zu Epileptikern. Bei ihnen sieht dieselbe Welt vollkommen anders aus. Dort reden wir nicht über eine Diagnose, die irgendwo im Hintergrund des Lebens existiert. Dort reden wir über viele Anfälle, über Verletzungen, über Unsicherheit und über einen Alltag, der sich immer wieder nach einer Krankheit richten muss, die keine Rücksicht darauf nimmt, was man für diesen Tag geplant hatte.

Einer der beiden wurde nach einem Anfall in einer U-Bahn-Station ausgeraubt.

Vielleicht sagt gerade dieser Unterschied mehr über Epilepsie aus als jede kurze medizinische Definition. Ein und derselbe Oberbegriff kann für den einen Menschen bedeuten, dass die Krankheit über Jahre kaum noch in Erscheinung tritt. Für einen anderen kann sie das gesamte Leben mitbestimmen. Und genau deshalb halte ich es für gefährlich, aus wenigen öffentlichen Informationen über Jamal Musiala bereits eine fertige Geschichte zu bauen.

Eine Krankheit trägt einen Namen. Aber sie führt bei jedem Menschen ein anderes Leben.

Musiala selbst hat von kurz auftretenden Absencen gesprochen, die auf eine neurologische Dysfunktion zurückzuführen seien. Absencen können im Zusammenhang mit epileptischen Erkrankungen auftreten. Mehr wissen wir Außenstehenden im Grunde nicht mit der Sicherheit, die nötig wäre, um daraus irgendeine konkrete Prognose abzuleiten.

Das klingt vielleicht unbefriedigend. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der auf fast jede offene Frage innerhalb weniger Minuten eine Antwort folgen soll. Am besten eindeutig, schnell und verwertbar. Was hat er? Wie schlimm ist es? Wann kommt er zurück? Kann er weiter Fußball spielen? Wie hoch ist das Risiko? Was bedeutet das für Bayern?

Aber vielleicht ist genau dieses Bedürfnis nach sofortiger Gewissheit ein Teil des Problems.

Krankheit ist nicht immer ordentlich. Sie ist nicht immer planbar. Sie liefert nicht immer eine klare Diagnose mit einem Datum daneben, an dem alles wieder so ist wie vorher. Manchmal ist sie ein Zustand, in dem Menschen und Ärzte Schritt für Schritt herausfinden müssen, was funktioniert und was nicht.

Vielleicht muss Musialas Medikation nur angepasst werden und die Situation stabilisiert sich wieder. Vielleicht braucht es mehrere Versuche. Vielleicht begleitet ihn diese Erkrankung lange, ohne seine Karriere wesentlich zu beeinträchtigen. Vielleicht wird sie irgendwann doch zu einer größeren Belastung.

Ich weiß es nicht. Und inzwischen halte ich diesen Satz für wichtiger, als er zunächst klingt.

Ich weiß es nicht.

In öffentlichen Debatten scheint er fast aus der Mode gekommen zu sein. Wer nichts weiß, soll wenigstens eine Meinung haben. Wer keine Gewissheit besitzt, soll eine Wahrscheinlichkeit formulieren. Wer eine Entwicklung nicht kennt, soll sie trotzdem möglichst früh bewerten.

Dabei steckt in diesem Satz manchmal mehr Respekt als in hundert vermeintlich sicheren Antworten.

Respekt vor einer Krankheit, deren Verlauf wir nicht kennen. Respekt vor Ärzten, die mehr wissen als wir. Und vor allem Respekt vor einem Menschen, dessen Körper und Gehirn kein öffentliches Gut sind, nur weil er vor Millionen Zuschauern Fußball spielt.

Der Körper ist kein Vertragspartner

Vielleicht liegt eine der größten Zumutungen von Krankheit darin, dass sie sich nicht an die Regeln hält, nach denen wir unser Leben organisieren.

Ein Profifußballverein kann Verträge planen, Transfers vorbereiten, Trainingsbelastungen berechnen und ganze Saisons strategisch durchdenken. Er kann einen Spieler medizinisch überwachen, seine Belastungswerte messen, Ernährung und Regeneration optimieren. Alles wird darauf ausgerichtet, Unsicherheit möglichst klein zu machen.

Und dann kommt der menschliche Körper.  Er unterschreibt keinen Vertrag. Er kennt keinen Spielplan. Er hat kein Interesse daran, ob am Samstag ein Spitzenspiel stattfindet oder drei Tage später Champions League gespielt wird.

Vielleicht ist gerade Musiala ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür, weil sein gesamter Beruf auf einer außergewöhnlichen Beherrschung des eigenen Körpers beruht. Wer ihm beim Fußball zusieht, erlebt einen Menschen, der Bewegungen ausführen kann, die bei anderen beinahe unmöglich wirken. Er kontrolliert den Ball in Situationen, in denen die meisten von uns vermutlich schon Schwierigkeiten hätten, auf den Beinen zu bleiben.

Und dann gibt es diese wenigen Sekunden, in denen ausgerechnet die Kontrolle verloren geht. Nicht weil er zu wenig trainiert hätte. Nicht weil er sich nicht genug konzentriert. Nicht weil ihm der Wille fehlt. Sondern weil ein menschlicher Körper manchmal seine eigenen Regeln besitzt.

Vielleicht ist das für jeden Kranken schwer. Für einen Hochleistungssportler muss diese Erfahrung jedoch eine besondere Härte besitzen. Sein Körper ist nicht nur sein Zuhause. Er ist gleichzeitig sein Beruf, sein Werkzeug, seine wirtschaftliche Grundlage und ein wesentlicher Teil seiner öffentlichen Identität.

Was bedeutet es für einen 23-jährigen Mann, wenn ausgerechnet dieses Werkzeug plötzlich nicht mehr vollkommen verlässlich erscheint?

Ich kann darauf keine Antwort geben. Und ich möchte Musiala auch keine Angst zuschreiben, über die er selbst nicht gesprochen hat.

Aber ich kann mir vorstellen, welche Frage sich irgendwann in einen Gedanken schleichen könnte: Was geschieht, wenn mein Körper nicht mehr das tut, was mein Leben von ihm verlangt?

Vielleicht liegt hier eine weitere Besonderheit des Hochleistungssports. Ein Büroangestellter kann mit vielen Erkrankungen seinen Beruf weiter ausüben, manchmal mit Anpassungen, manchmal mit Einschränkungen. Ein Fußballer auf Weltklasseniveau bewegt sich dagegen in einem Bereich, in dem Sekundenbruchteile, Wahrnehmung, Reaktion und absolute körperliche Verlässlichkeit über seine Leistung entscheiden.

Deshalb wäre es naiv, so zu tun, als gäbe es neben der menschlichen nicht auch eine sportliche und wirtschaftliche Frage.

Es gibt sie. Aber die Reihenfolge ist entscheidend.

Erst kommt der Mensch. Dann die Krankheit. Und irgendwann, sehr viel später, darf auch wieder über Fußball gesprochen werden.

Vielleicht klingt das selbstverständlich.

Ich bin mir nur nicht sicher, ob Selbstverständlichkeiten in unserer Zeit noch besonders lange selbstverständlich bleiben.

Wenn der Mensch beginnt, sich selbst als Leistung zu betrachten

Vielleicht liegt der größte Druck gar nicht dort, wo man ihn zuerst vermutet. Nicht beim Verein. Nicht bei den Medien. Nicht bei den Fans. Vielleicht beginnt er viel früher und viel stiller. Nämlich in einem Menschen selbst, der sein ganzes Leben gelernt hat, dass Leistung etwas mit Wert zu tun hat.

Ein Spitzensportler wie Jamal Musiala wächst nicht zufällig in diese Welt hinein. Wer mit Anfang zwanzig bereits auf diesem Niveau spielt, hat Jahre hinter sich, in denen fast alles auf Entwicklung, Disziplin, Konkurrenz und Verbesserung ausgerichtet war. Der eigene Körper wird dabei zwangsläufig zu etwas Besonderem. Er ist nicht nur Teil des Lebens, sondern Voraussetzung für fast alles, was dieses Leben beruflich ausmacht.

Vielleicht ist das im Hochleistungssport unvermeidlich. Aber vielleicht liegt darin auch eine Gefahr.

Was geschieht mit einem Menschen, wenn er irgendwann beginnt, sich selbst danach zu beurteilen, ob er funktioniert? Diese Frage beschäftigt mich fast mehr als die mögliche Reaktion eines Vereins.

Denn man kann einem Spieler von außen noch so oft sagen, dass seine Gesundheit wichtiger ist als jedes Spiel. Wenn er selbst das Gefühl entwickelt, seine Mannschaft im Stich zu lassen, seinen Erwartungen nicht gerecht zu werden oder seinen Platz zu verlieren, kann der eigentliche Druck längst in ihm angekommen sein.

Ich weiß nicht, ob Musiala so denkt. Ich möchte ihm solche Gedanken nicht zuschreiben. Aber ich kenne diese Logik aus unserer Gesellschaft gut genug, um sie nicht für unwahrscheinlich zu halten.

Wir sagen Kindern, dass sie sich entfalten sollen, und beginnen sehr früh damit, ihre Leistungen zu bewerten. Wir sagen Erwachsenen, dass Gesundheit das Wichtigste sei, und organisieren gleichzeitig große Teile unseres Lebens danach, ob jemand belastbar, zuverlässig und verfügbar ist.

Ein Mensch kann krank sein. Nur sollte er möglichst bald wieder funktionieren.

Vielleicht ist das überzeichnet. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass genau diese Erwartung längst so tief in uns steckt, dass niemand sie mehr ausdrücklich aussprechen muss.

Der Arbeitgeber muss nicht sagen: Du bist mir zu oft krank. Der Arbeitnehmer weiß es möglicherweise längst selbst. Der Trainer muss nicht sagen: Wir brauchen dich. Der Spieler weiß, dass sein Platz nicht auf ihn wartet.

Und irgendwann geschieht etwas Merkwürdiges: Der Mensch beginnt, die Sprache des Systems selbst zu sprechen.

Er fragt nicht mehr nur: Wie geht es mir?

Er fragt: Wann bin ich wieder einsatzfähig?

Er fragt nicht mehr: Was brauche ich?

Er fragt: Wann kann ich wieder liefern?

Vielleicht ist das die subtilste Form jener Entmenschlichung, über die ich nachdenke. Nicht wenn andere aus einem Menschen einen Bilanzposten machen. Sondern wenn ein Mensch beginnt, sich selbst wie einen Bilanzposten zu betrachten.

Lieben wir den Menschen oder seine Leistung?

Beim Fußball wird diese Frage besonders sichtbar, weil die Zuneigung so groß ist.

Fans lieben Spieler. Sie tragen ihre Namen auf Trikots, hängen ihre Bilder in Kinderzimmer, verteidigen sie in Diskussionen und feiern ihre Tore, als hätten sie selbst etwas dazu beigetragen.

Das ist nicht gespielt. Diese Gefühle sind echt. Und trotzdem frage ich mich manchmal, worauf sie eigentlich gerichtet sind. Lieben wir den Menschen? Oder lieben wir, was er für uns tut?

Ein Fußballer kann innerhalb weniger Wochen vom Liebling zum Ärgernis werden. Ein paar schlechte Spiele, ein verschossener Elfmeter, ein misslungener Wechsel, und plötzlich verändert sich die Sprache.

Dann ist aus dem Genie jemand geworden, der „nicht mehr liefert“.

Vielleicht ist das im Sport unvermeidbar. Leistung wird bewertet. Das gehört zum Wettbewerb. Aber Krankheit ist kein Leistungsabfall. Sie ist auch keine schlechte Form. Sie lässt sich nicht trainieren, wegdiskutieren oder mit mehr Einsatz beheben.

Und genau deshalb könnte Musialas Geschichte irgendwann interessant werden.

Heute ruft man seinen Namen.

Heute wünschen ihm Menschen Gesundheit.

Heute steht sein Menschsein sichtbar vor seiner sportlichen Bedeutung.

Aber was geschieht, wenn sich das Verhältnis verändert? Wenn seine Abwesenheit beginnt, Spiele zu beeinflussen? Wenn andere seinen Platz übernehmen? Wenn irgendwann irgendwo gerechnet wird, wie viel Gehalt einem Spieler gezahlt wird, der nicht regelmäßig auf dem Platz steht?

Dann könnte sich zeigen, ob unsere Zuneigung tatsächlich dem Menschen gilt oder doch sehr viel stärker seiner Leistung, als wir uns eingestehen möchten.

Vielleicht erkennt man Mitgefühl nicht daran, wie eine Gesellschaft einen Kranken empfängt, sondern daran, wie lange sie bereit ist, auf ihn zu warten.

Das ist für mich eine der unbequemsten Fragen dieses ganzen Themas. Denn Warten passt schlecht zu unserer Zeit.

Wir sind daran gewöhnt, dass alles schneller wird. Informationen, Lieferungen, Entscheidungen, Reaktionen. Selbst Geduld wird inzwischen optimiert.

Krankheit lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie braucht manchmal Zeit. Und Zeit ist in einer Leistungsgesellschaft eine merkwürdige Währung. Solange sie nichts kostet, geben wir sie großzügig. Sobald sie Geld, Erfolg oder Bequemlichkeit kostet, wird sie plötzlich knapp.

Vielleicht ist genau deshalb Empathie allein nicht genug.

Empathie kann verschwinden. Würde darf es nicht.

Ich habe in den vergangenen Jahren oft den Eindruck gewonnen, dass wir das Wort Empathie beinahe inflationär verwenden.

Wir fordern sie.

Wir loben sie.

Wir beklagen ihr Fehlen.

Und natürlich ist Empathie wichtig.

Aber Empathie ist ein Gefühl. Gefühle schwanken.

Heute kann uns das Schicksal eines Menschen tief berühren. Morgen lesen wir etwas anderes. Übermorgen beschäftigt uns schon der nächste Mensch, die nächste Krise, das nächste Ereignis. Vielleicht verlangen wir deshalb zu wenig, wenn wir nur Empathie erwarten.

Würde ist etwas anderes. Würde darf nicht davon abhängen, ob wir gerade besonders mitfühlend sind. Sie darf auch nicht davon abhängen, ob ein Mensch Leistung bringt.

Oder gesund ist. Oder nützlich. Oder wirtschaftlich interessant. Ein Mensch verliert seine Würde nicht, weil sein Körper nicht funktioniert.

Er verliert sie auch nicht, wenn andere irgendwann ohne ihn planen müssen.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem sich unsere Gesellschaft tatsächlich messen lassen muss. Nicht daran, ob wir in den ersten Tagen die richtigen Worte finden.

Sondern daran, ob der Mensch noch derselbe bleibt, wenn die Anteilnahme längst weitergezogen ist.

Empathie kann verschwinden. Würde darf es nicht.

Vielleicht ist das am Ende sogar die wichtigere Frage als jede medizinische Prognose.

Nicht nur für Jamal Musiala. Für uns alle.

Die Gesellschaft kennt kaum noch Zwischentöne

Vielleicht führt mich Musialas Geschichte deshalb so weit über den Fußball hinaus, weil ich in ihr etwas erkenne, das mich an unserer Gesellschaft seit einiger Zeit beschäftigt.

Ich habe zunehmend das Gefühl, dass uns die Zwischentöne verloren gehen.

Wir reagieren schnell, oft heftig und immer häufiger endgültig. Ein Mensch wird zum Helden oder zum Problem, zum Opfer oder zum Versager, bewundert oder verachtet. Dazwischen bleibt erstaunlich wenig Raum für Unsicherheit, für Geduld, für das Aushalten eines Zustands, der sich eben nicht innerhalb eines Tages eindeutig bewerten lässt.

Krankheit passt schlecht in eine solche Zeit.

Denn Krankheit ist selten eindeutig. Sie kann sich bessern und wieder verschlechtern. Sie kann sichtbar sein oder vollkommen unsichtbar. Sie kann einen Menschen für Stunden aus seinem Leben reißen und ihn danach scheinbar wieder zurückgeben. Sie kann gut behandelbar sein und trotzdem Angst machen. Sie kann harmloser verlaufen, als zunächst befürchtet, oder komplizierter, als man gehofft hat.

Vor allem aber zwingt sie uns zu etwas, das wir offenbar immer schlechter beherrschen: zu warten, ohne bereits zu urteilen.

Vielleicht ist genau deshalb die erste Welle der Anteilnahme oft so groß. In diesem Augenblick ist alles klar. Ein Mensch braucht Unterstützung, und diese Unterstützung lässt sich zeigen. Mit Worten, Gesten, Nachrichten, Posts, Applaus.

Schwieriger wird es später, wenn die Sache unübersichtlich wird.

Wenn die Krankheit nicht verschwindet. Wenn sie wiederkommt. Wenn aus einer Geschichte, die man kurz emotional begleiten konnte, ein Zustand wird.

Dann beginnt die Geduld zu bröckeln. Und vielleicht zeigt sich dort etwas, das ich persönlich inzwischen sehr pessimistisch betrachte.

Wir leben möglicherweise in einer Zeit, in der Empathie und Gleichgültigkeit näher beieinanderliegen, als wir glauben.

Heute kann ein Schicksal Millionen Menschen bewegen. Morgen ist es aus den Nachrichten verschwunden. Übermorgen wird vielleicht derselbe Mensch, dem man gerade noch alles Gute gewünscht hat, daran gemessen, ob er wieder funktioniert.

Das ist kein Vorwurf an einzelne Menschen. Es ist eher ein Eindruck von einer Gesellschaft, die sich an Geschwindigkeit gewöhnt hat und dadurch vielleicht auch ihre Gefühle beschleunigt.

Anteilnahme kommt schnell. Ungeduld auch.

Wenn aus Mitgefühl Erwartung wird

Vielleicht wäre es naiv zu glauben, dass ein Profifußballer von dieser Entwicklung ausgenommen ist.

Im Gegenteil. Bei ihm wirkt sie wahrscheinlich noch stärker, weil so viele Erwartungen an ihm hängen.

Ein Fan wartet auf Tore.

Ein Trainer auf Einsatzfähigkeit.

Ein Verein auf Verlässlichkeit.

Ein Sponsor auf Sichtbarkeit.

Die Medien auf Geschichten.

Und jeder dieser Wünsche ist für sich genommen nachvollziehbar.

Problematisch wird es erst, wenn sich all diese Erwartungen übereinanderschieben und irgendwann schwerer wiegen als der Mensch selbst.

Dann könnte aus Mitgefühl langsam Erwartung werden. Aus Erwartung Ungeduld. Aus Ungeduld Enttäuschung. Und aus Enttäuschung vielleicht irgendwann Abwendung. Es wäre ein leiser Prozess.

Vielleicht würde niemand dabei einen grausamen Satz sagen. Vielleicht würde überhaupt niemand bemerken, dass sich etwas verändert hat.

Und genau das macht mir mehr Sorge als offene Härte. Offene Härte erkennt man. Sie lässt sich benennen.Sie provoziert Widerspruch. Die höfliche Form der Entmenschlichung ist schwieriger zu erkennen, weil sie vernünftig klingt.

Dann heißt es nicht:                       Wir wollen ihn nicht mehr.

Dann heißt es:                                 Wir müssen planen.

Dann heißt es nicht:                       Seine Krankheit stört.

Dann heißt es:                                 Wir müssen Verantwortung übernehmen.

Dann heißt es nicht:                       Er ist uns zu teuer.

Dann heißt es:                                 Wir müssen wirtschaftlich denken.

Jeder einzelne Satz kann richtig sein. Und trotzdem kann in der Summe etwas verloren gehen.

Der Mensch.

Vielleicht sind wir aufgeklärter, aber nicht geduldiger geworden

Das ist vielleicht der Punkt, an dem ich wieder an Deisler und Enke denke. Seitdem hat sich vieles verändert. Die Sprache ist sensibler geworden. Das Wissen größer. Die medizinische und psychologische Betreuung professioneller. Vielleicht haben wir tatsächlich gelernt, Krankheit besser zu verstehen.

Aber Verständnis ist nicht dasselbe wie Geduld. Und Geduld ist vielleicht die eigentliche Prüfung.

Es ist leicht, einen kranken Menschen zu akzeptieren, solange man davon ausgeht, dass er bald wieder gesund wird. Schwieriger wird es, wenn niemand sagen kann, wann. Oder ob alles wieder so wird wie zuvor. Dann zeigt sich, ob unsere Aufklärung wirklich tief reicht oder nur an der Oberfläche geblieben ist.

Wir kennen heute die Namen vieler Krankheiten besser. Ob wir deshalb auch gelernt haben, kranke Menschen besser auszuhalten, ist eine andere Frage.

Vielleicht ist das sogar die zentrale gesellschaftliche Frage dieses ganzen Beitrags. Nicht, ob wir informiert sind.

Sondern ob wir bereit sind, mit dem Nichtfunktionieren anderer Menschen zu leben, ohne daraus sofort ein Urteil über ihren Wert abzuleiten.

Der Wert eines Menschen beginnt dort, wo seine Leistung endet

Vielleicht ist genau deshalb Musiala für mich mehr als eine Sportgeschichte. Er ist im Moment ein junger Mann, dessen Zukunft offen ist. Vielleicht ist sie sportlich überhaupt nicht bedroht. Vielleicht wird er bald wieder spielen. Vielleicht reden wir in wenigen Monaten nur noch über seine Dribblings und Tore. Aber selbst dann bleibt diese Frage bestehen.

Was ist ein Mensch wert, wenn er nichts leisten kann? Nicht auf dem Transfermarkt. Nicht für einen Verein. Nicht für einen Arbeitgeber. Sondern als Mensch. Eigentlich müsste die Antwort selbstverständlich sein. Sein Wert verändert sich nicht.

Und doch scheint unsere Gesellschaft gerade an dieser Selbstverständlichkeit immer wieder zu scheitern.

Wir reden von Produktivität. Von Belastbarkeit. Von Verfügbarkeit. Von Einsatzfähigkeit. Von Kosten. Von Nutzen. All diese Begriffe haben ihre Berechtigung. Aber sie dürfen niemals darüber entscheiden, welchen Wert wir einem Menschen zuschreiben.

Der Wert eines Menschen beginnt nicht dort, wo seine Leistung beginnt. Er endet auch nicht dort, wo seine Leistung endet.

Vielleicht klingt auch das selbstverständlich. Aber gerade die selbstverständlichsten Sätze müssen manchmal wieder ausgesprochen werden.

Vor allem dann, wenn eine Gesellschaft begonnen hat, sie zu vergessen.

Vielleicht zeigt sich jetzt, was unsere Menschlichkeit wirklich wert ist

Je länger ich über Musiala nachdenke, desto weniger interessiert mich die Frage, wann er wieder spielt. Natürlich wird sie irgendwann beantwortet werden müssen. Ein Verein muss wissen, ob und wann einer seiner wichtigsten Spieler zurückkehrt, ein Trainer muss planen können, eine Mannschaft muss sich aufstellen lassen. Aber inzwischen glaube ich, dass die entscheidende Frage eine andere ist. Nicht: Wann funktioniert Musiala wieder? Sondern: Was geschieht mit unserem Blick auf ihn, wenn er es länger nicht tut?

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem mein eigener Pessimismus stärker wird. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass unsere Gesellschaft Gefühle nur noch in großen Ausschlägen beherrscht. Wir sind begeistert oder angewidert, solidarisch oder gleichgültig, voller Anteilnahme oder schon beim nächsten Thema. Dazwischen bleibt immer weniger Raum für das Unspektakuläre, für Geduld, für Unsicherheit, für einen Zustand, der sich nicht sofort einordnen lässt. Krankheit zwingt uns aber genau in diese Zwischenräume. Sie verlangt nicht nur Mitgefühl, sondern die Bereitschaft, einen Menschen auch dann noch als denselben Menschen zu sehen, wenn er nicht nach unserem Zeitplan in sein altes Leben zurückkehrt.

Vielleicht ist das schwerer geworden, als wir uns eingestehen möchten. Unsere Gesellschaft hat gelernt, vieles schneller zu machen: Kommunikation, Arbeit, Entscheidungen, Aufmerksamkeit, Empörung. Nur der Mensch ist nicht schneller geworden. Sein Körper heilt nicht im Takt sozialer Medien, sein Gehirn hält sich nicht an Spielpläne, seine Angst verschwindet nicht, weil irgendwo ein Termin gesetzt wurde. Und seine Würde darf nicht davon abhängen, wie effizient er in die Erwartungen anderer zurückfindet.

Ich frage mich deshalb, ob wir heute wirklich menschlicher sind als zu Deislers oder Enkes Zeiten oder nur sprachlich vorsichtiger. Vielleicht ist das sogar die unangenehmste Möglichkeit: dass wir die alten Härten nicht überwunden, sondern gelernt haben, sie besser zu formulieren. Dass aus Kälte Fürsorge in Verwaltungssprache wird, aus Ablehnung wirtschaftliche Vernunft und aus Ungeduld Planung. Dann fällt kein böses Wort, niemand muss grausam sein, und trotzdem verschiebt sich etwas. Der Mensch rückt langsam aus der Mitte.

Wenn der Wert eines Menschen von seiner Verfügbarkeit abhängt

Vielleicht ist der moderne Profifußball deshalb ein so guter Spiegel unserer Gesellschaft. Dort wird offen ausgesprochen, was anderswo oft hinter Tabellen, Kennzahlen und Personalentscheidungen verborgen bleibt. Ein Spieler ist wertvoll, solange er verfügbar ist, wichtig, solange er Leistung bringt, begehrt, solange er den Unterschied macht. Das ist die Logik des Sports, und sie lässt sich nicht einfach abschaffen. Gefährlich wird sie nur dann, wenn sie beginnt, sich mit der Logik des Menschseins zu vermischen.

Ein Mensch ist nicht weniger wert, weil er nicht spielen kann. Er ist nicht weniger wert, weil er krank ist, weil andere ohne ihn planen müssen oder weil seine Rückkehr ungewiss ist. Und doch erleben viele Menschen im Alltag genau das Gegenteil. Wer lange krank ist, spürt irgendwann, dass Rücksicht ungeduldig werden kann, dass Verständnis Grenzen bekommt und dass aus einem Menschen in den Köpfen anderer nach und nach eine Fehlzeit, ein Ausfall, eine Belastung oder ein Kostenfaktor werden kann.

Vielleicht ist Musiala deshalb nur die besonders sichtbare Variante eines viel größeren Themas. Ein Fußballstar macht sichtbar, was Millionen Menschen still erleben: die Frage, ob man noch dazugehört, wenn man nicht mehr funktioniert, ob man noch gebraucht wird und ob Mitgefühl bleibt, wenn es etwas kostet. Genau deshalb lässt mich der Satz nicht los, dass Empathie leicht ist, solange sie nichts kostet. Interessant wird sie erst, wenn sie Geduld verlangt.

Geduld mit einem Körper, der nicht gehorcht. Geduld mit einer Psyche, die nicht einfach wieder „normal“ wird. Geduld mit einem Menschen, dessen Weg länger dauert, als es unsere Pläne vorsehen. Vielleicht ist deshalb Empathie allein gar nicht der richtige Maßstab. Empathie ist ein Gefühl, und Gefühle schwanken. Würde aber darf nicht schwanken. Sie darf nicht davon abhängen, ob jemand gesund ist, nützlich, belastbar oder wirtschaftlich interessant.

Vielleicht verlangen wir von unserer Gesellschaft deshalb zu wenig, wenn wir nur Mitgefühl erwarten. Entscheidend ist, ob wir einem Menschen auch dann noch dieselbe Würde zugestehen, wenn die Anteilnahme längst weitergezogen ist und nur noch die praktischen Folgen seiner Krankheit übrig bleiben.

Vielleicht haben wir nur gelernt, Mitgefühl schöner auszudrücken

Ich möchte nicht zynisch sein. Dafür gibt es im Fall Musiala im Moment keinen Anlass. Vieles wirkt menschlich, vorsichtig und angemessen. Der Verein scheint ihn zu schützen, die Fans stehen hinter ihm, die öffentliche Sprache ist weit entfernt von jener Härte, mit der psychische oder neurologische Erkrankungen früher oft behandelt wurden. Aber vielleicht zeigt sich eine Gesellschaft eben nicht in den ersten Tagen, sondern erst später.

Vielleicht zeigt sie sich, wenn die Kameras weitergezogen sind, der nächste Spieltag kommt, die Tabelle enger wird und aus einem Namen langsam ein Fragezeichen wird. Wenn irgendwann jemand beginnt zu rechnen, wann aus „Nimm dir alle Zeit der Welt“ ein „Wie lange dauert das noch?“ wird, aus „Gesundheit geht vor“ ein „Wir brauchen Planungssicherheit“ und aus einem jungen Mann ein Problem, das organisatorisch gelöst werden muss.

Das alles kann geschehen, ohne dass jemand offen herzlos wird. Vielleicht ist gerade das die eigentliche Schwierigkeit. Offene Härte erkennt man. Die höfliche Form der Entmenschlichung klingt oft vernünftig, sachlich und verantwortungsbewusst. Und irgendwann ist der Mensch aus dem Satz verschwunden, ohne dass jemand bewusst beschlossen hätte, ihn daraus zu entfernen.

Vielleicht ist das die gesellschaftliche Entwicklung, die mir am meisten Sorge macht. Nicht, dass wir gar kein Mitgefühl mehr hätten, sondern dass wir es immer schneller verbrauchen. Heute bewegt uns ein Schicksal, morgen beschäftigt uns das nächste. Heute tragen wir einen Menschen emotional durch eine Krise, morgen erwarten wir, dass er wieder funktioniert. Nicht weil wir böse geworden sind, sondern weil wir ungeduldiger, schneller und vielleicht auch oberflächlicher geworden sind.

Und vielleicht geht es am Ende gar nicht um Musiala

Vielleicht wird Jamal Musiala bald wieder Fußball spielen. Vielleicht wird diese Geschichte medizinisch viel unspektakulärer enden, als sie sich im Moment anfühlt. Vielleicht wird er in einem Jahr wieder dribbeln, Tore schießen und über einen Marktwert diskutiert werden, der noch höher liegt als heute. Das wäre ihm zu wünschen.

Aber selbst dann bleibt die Frage, die hinter seiner Geschichte sichtbar geworden ist. Was ist ein Mensch wert, wenn er für eine Weile nichts leisten kann, nicht verfügbar ist, nicht planbar ist und anderen Geduld kostet? Eigentlich müsste die Antwort selbstverständlich sein: genauso viel wie vorher. Und doch scheint unsere Gesellschaft gerade an dieser Selbstverständlichkeit immer wieder zu scheitern.

Vielleicht werden wir in den kommenden Monaten also weniger über Musialas Krankheit erfahren als über uns selbst. Darüber, ob unsere Aufklärung mehr ist als bessere Begriffe. Darüber, ob unsere Empathie Bestand hat, wenn sie Zeit, Geld oder Erfolg kostet. Und darüber, ob wir einen Menschen noch als Menschen sehen, wenn er für eine Weile nicht das leisten kann, wofür wir ihn bewundert haben.

Vielleicht ist die Frage deshalb gar nicht mehr, was von einem 140-Millionen-Euro-Fußballer bleibt, wenn für ein paar Sekunden nur noch der Mensch übrig bleibt. Vielleicht ist die größere Frage, was von unserer Menschlichkeit übrig bleibt, wenn dieser Mensch länger nichts leisten kann.

Was am Ende von uns übrig bleibt

Vielleicht habe ich mich bei all diesen Gedanken weit von Musiala entfernt. Vielleicht aber auch nicht. Denn genau das ist es, was mich an seiner Geschichte interessiert: dass sie sich nicht auf Fußball begrenzen lässt. Ein junger Mann erlebt etwas, das sich seiner Kontrolle entzieht, und plötzlich werden an ihm Fragen sichtbar, die viel größer sind als ein Verein, eine Mannschaft oder eine Saison.

Wir reden heute viel über Empathie. Wir wissen mehr über Krankheiten, über psychische Belastungen, über neurologische Störungen und darüber, dass nicht jeder Mensch jederzeit funktionieren kann. Wir haben gelernt, sensibler zu sprechen, vorsichtiger zu urteilen und schneller unsere Anteilnahme zu zeigen. Das alles ist wichtig, und ich möchte es nicht kleinreden.

Trotzdem bleibt bei mir ein Zweifel.

Vielleicht leben wir in einer Zeit, in der Mitgefühl und Gleichgültigkeit viel näher beieinanderliegen, als uns lieb sein kann. Eine Zeit, in der wir uns innerhalb weniger Stunden vollkommen mit einem Menschen identifizieren können und wenige Tage später schon beim nächsten Schicksal angekommen sind. Empathie kann heute gewaltig sein. Aber manchmal wirkt sie erschreckend kurz.

Ich weiß nicht, ob das früher besser war. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht waren Menschen früher härter, unwissender und ungerechter gegenüber Krankheiten, die sie nicht verstanden. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass uns heute etwas anderes verloren geht: der Raum zwischen großer Anteilnahme und völliger Abwendung.

Dieser Raum heißt für mich Geduld.

Es ist die Geduld, einen Menschen nicht sofort wieder in eine Funktion zurückdrängen zu wollen. Ihn nicht danach zu beurteilen, wie schnell er gesund wird. Ihm Zeit zu lassen, ohne diese Zeit irgendwann gegen ihn aufzurechnen. Vielleicht klingt das bescheiden. Aber vielleicht ist es in unserer Zeit schon ein größerer Anspruch, als es zunächst scheint.

Denn irgendwann wird auch im Fall Musiala die erste Anteilnahme leiser werden. Das ist normal. Niemand kann dauerhaft mit derselben Intensität mit jedem Menschen mitfühlen. Dann wird sich zeigen, was unter dieser Empathie liegt. Wenn dort Respekt liegt, ist viel gewonnen. Wenn dort Würde liegt, vielleicht alles.

Vielleicht wird Jamal Musiala in einigen Wochen wieder Fußball spielen. Vielleicht werden aus den heute genannten 140 Millionen irgendwann 160 oder 180 Millionen, und wir werden wieder darüber reden, als ließe sich der Wert dieses jungen Mannes tatsächlich in einer Zahl ausdrücken. Ich würde ihm diese Rückkehr wünschen. Vor allem aber wünsche ich ihm, dass er nie erfahren muss, wie schnell sich die Sprache verändert, wenn aus einem Hoffnungsträger ein Risiko wird.

Und ich wünsche uns, dass wir es ebenfalls nicht erfahren müssen.

Denn vielleicht wird Musialas Geschichte irgendwann weniger darüber erzählen, wie gut die Medizin seine Absencen behandeln konnte, als darüber, wie belastbar unsere Menschlichkeit geworden ist.

Ich bin dabei nicht besonders optimistisch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir in einem Zeitalter leben, das nur noch zwei gesellschaftliche Temperaturen kennt: glühende Empathie und eisige Gleichgültigkeit. Was dazwischen verloren geht, ist nicht das Gefühl. Es ist die Beständigkeit.

Vielleicht ist deshalb die Frage gar nicht mehr, was von einem 140-Millionen-Euro-Fußballer bleibt, wenn für ein paar Sekunden nur noch der Mensch übrig bleibt.

Vielleicht habe ich inzwischen mehr Angst vor der Gegenfrage:

Was bleibt von uns, wenn uns dieser Mensch irgendwann nicht mehr genug leistet?

Beitragsbild erstellt von ChatGPT – Nach einem Prompt von mir

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