Es sind erst neun Tage im neuen Jahr – und doch fühlt es sich an, als hätten wir bereits die Schwere eines ganzen Jahrzehnts erlebt.
In Crans-Montana, einer Wintersportregion, die für Ruhe und Freizeit steht, wurde in der Silvesternacht ein Raum zur Falle. Menschen verloren ihr Leben durch Flammen, die in Sekunden alles verschlangen, was vorher Alltag war. Vierzig Tote, über hundert Verletzte. Menschen, die feiern wollten, die Zukunft planten, die noch atmen wollten – nun liegend auf dem Boden. Verbrannte Haut, Leiden, Angst zu Sterben oder bereits auf dem Weg in das Paradies. Nicht durch Krieg, nicht durch Politik, sondern durch einen Moment, der alles veränderte. Das ist kein Zufall mehr. Das ist der Preis der Unachtsamkeit.
Zur gleichen Zeit in Venezuela: Ein militärischer Eingriff durch die USA. Präsident Maduro festgenommen, die Lage in der Region eskaliert. Was gestern noch internationale Politik war, ist heute ein Machtspiel mit offenem Ausgang, mit geopolitischen Folgen, die nicht in Wochen, sondern in Jahrzehnten spürbar bleiben werden. Kein Feuer, keine Explosion – aber ein Angriff auf Selbstbestimmung und Stabilität, der genauso viel zerstört wie jede brennende Stadt.
Und dann ist da Russland, das Jahr 2026 nicht friedlicher beginnen lässt als das vergangene endete. Raketen, Drohnen, Bombardements – weiterhin im Osten der Ukraine, weiterhin gegen Städte, gegen Schulen, gegen Menschen, die keine Macht haben, nur das Pech, dort zu leben. Das ist keine Nachrichtenflut mehr. Das ist vielmehr ein globaler Entzug an Empathie.
Wir scrollen vorbei. Wir lesen die Schlagzeilen. Wir kennen die Orte nicht. Und doch sind das Bilder, die uns alle betreffen – weil wir sie nicht als das begreifen, was sie sind: Wirklichkeit. Menschen, die atmen, leiden, sterben. Nicht abstrakt. Eindeutig. Greifbar.
Die Unglücke, die kriegerischen Eskalationen, die politischen Gewaltakte – sie gehören nicht in eine andere Welt. Sie gehören in unsere Wahrnehmung. Und genau da scheint etwas kaputtzugehen.
Wir haben so viele Bilder, so viele Meldungen, so viele Streams. Was wir nicht haben, ist noch genügend Herz, um diese Information in Gefühl zu übersetzen. Wir lesen, wir nicken ab, wir klicken weiter. Und irgendwann merkt niemand mehr, dass er innerlich taub geworden ist.
Das ist die eigentliche Krise: Wir verlieren nicht nur Leben, wir verlieren unsere Fähigkeit zu fühlen. Wir haben ein Überangebot an Daten – aber einen Mangel an realer Anteilnahme.
Ich schreibe das nicht, um zu erklären. Ich schreibe das, weil ich spüre, dass wir uns daran gewöhnen, dass Leid passiert. Nicht irgendwo, sondern jetzt. Nicht anonym, sondern konkret. Nicht in ferner Entfernung, sondern in unserer Zeit.
Und hier stehen wir: mit all diesen Nachrichten, all diesen konfrontierenden Bildern, all dieser Information — und einer Gleichgültigkeit, die gefährlicher ist als jede Waffe.
Was bedeutet das für uns? Was passiert, wenn wir nicht mehr fähig sind, Schmerz als Realität zu begreifen und nicht nur als Nachricht?
Wenn wir diese Fragen nicht stellen, werden wir irgendwann nicht mehr erkennen können, was Menschsein bedeutet.
Wann haben wir aufgehört zu fühlen? Und wie beginnen wir wieder?
