Hinter den Fenstern
Ich stehe auf einer Dachterrasse in München und schaue über die Stadt. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen der Kopf nichts Besonderes vorhat. Unter mir Dächer, Straßen, Balkone, Häuser, dazwischen Bäume, und überall Fenster. Manche dunkel, manche hell, hinter manchen bewegt sich ein Schatten. Von hier oben sieht das alles erstaunlich friedlich aus.
Irgendwann frage ich mich, was wohl gerade hinter all diesen Fenstern passiert.
Vielleicht kocht jemand und probiert zum dritten Mal die Soße. Irgendwo sitzt ein Mensch allein am Tisch und genießt genau das. Zwei haben sich gerade lieb, während ein paar Häuser weiter zwei andere vermutlich darüber nachdenken, warum sie das irgendwann einmal hatten. Ein Kind weigert sich zu schlafen. Jemand telefoniert mit seiner Mutter. Einer sucht seit zehn Minuten seine Brille und trägt sie wahrscheinlich auf dem Kopf.
Und irgendwo, da bin ich ziemlich sicher, wird gestritten.
Vielleicht über etwas Wichtiges. Über Geld, Vertrauen, Angst oder eine Entscheidung, die tatsächlich Folgen haben wird. Vielleicht aber auch darüber, wer die Spülmaschine falsch eingeräumt hat, weshalb die Zahnpasta offen herumliegt oder warum ein Mensch, mit dem man seit zwanzig Jahren zusammenlebt, offenbar noch immer nicht begriffen hat, dass Handtücher einen dafür vorgesehenen Platz besitzen.
Von hier oben kann ich nicht wissen, wer recht hat. Vielleicht beide. Vielleicht keiner. Vielleicht hatte einer vor einer halben Stunde noch recht und hat inzwischen so viel Unsinn gesagt, dass sich die Sache wieder ausgeglichen hat.
Und während ich auf diese vielen Fenster schaue, kommt mir ein Begriff in den Kopf, den wir erstaunlich oft verwenden und erstaunlich selten erklären: gesunder Menschenverstand.
Was soll daran eigentlich gesund sein?
Gesunder Menschenverstand ist eine wunderbare Sache, vor allem der eigene. Den halten die meisten von uns für einigermaßen intakt. Schwierigkeiten bereitet gewöhnlich der gesunde Menschenverstand der anderen.
Wir sagen dann Sätze wie: „Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand.“ Ein bemerkenswerter Satz, weil er jede weitere Diskussion eigentlich für überflüssig erklärt. Wer anderer Meinung ist, hat dann nicht einfach eine andere Auffassung. Er steht bereits unter dem leisen Verdacht, bei der Grundausstattung etwas Entscheidendes nicht mitbekommen zu haben.
Dabei weiß ich gar nicht, ob gesunder Menschenverstand wirklich bedeutet, dass man besonders zuverlässig erkennt, was richtig und was falsch ist. Vielleicht verlangen wir von diesem Begriff viel zu viel. Vielleicht ist er kein innerer Schiedsrichter, der bei jeder komplizierten Lebensfrage eine kleine Fahne hebt und verkündet, wie die Sache zu entscheiden ist.
Vielleicht ist er etwas viel Banaleres.
Zwei Autos stehen sich in einer engen Straße gegenüber. Einer müsste sechs Meter zurücksetzen, der andere vielleicht zwölf. Hinter beiden warten inzwischen weitere Fahrzeuge. Eigentlich gibt es kein großes Problem. Der Rückwärtsgang wurde in beide Autos bereits ab Werk eingebaut.
Trotzdem wartet jeder darauf, dass der andere fährt. Dann wird geschaut. Danach etwas deutlicher geschaut. Fenster gehen herunter, Hände beginnen zu reden, kurz darauf Menschen. Nach wenigen Minuten geht es nicht mehr darum, wer leichter zurücksetzen könnte, sondern um Respekt, Fahrkünste, Erziehung und möglicherweise um die geistige Verfassung des Gegenübers.
Dahinter stehen inzwischen zwölf Menschen, die einfach nur nach Hause wollen. Von außen betrachtet möchte man hingehen und fragen: Seid ihr eigentlich noch ganz dicht?
Und vielleicht beginnt genau dort das, was ich unter gesundem Menschenverstand verstehen möchte.
Es geht ums Prinzip
Vielleicht besteht gesunder Menschenverstand nämlich gar nicht darin, immer die richtige Antwort zu kennen. Vielleicht beginnt er viel früher: bei der Fähigkeit, die Größe der eigenen Reaktion gelegentlich mit der Größe des Problems zu vergleichen.
Das klingt einfach. Ist es aber offenbar nicht.
Wir Menschen besitzen eine erstaunliche Begabung, kleine Probleme aufzublasen, sobald unser Ego mit am Tisch sitzt. Eine Hecke wächst acht Zentimeter zu weit über die Grundstücksgrenze. Das ist zunächst Gartenarbeit. Mit etwas Ehrgeiz kann daraus allerdings ein mehrjähriges Verfahren zur Klärung der Frage werden, wer in dieser Straße eigentlich glaubt, mit wem er es zu tun hat.
Irgendwann fallen dann die gefährlichsten fünf Wörter eines friedlichen Zusammenlebens: „Jetzt geht es ums Prinzip.“
Ab diesem Moment ist die Hecke eigentlich nur noch Statistin. Denn das Prinzip besitzt einen großen Vorteil gegenüber der Vernunft: Es muss nichts mehr lösen. Es muss nur verteidigt werden. Man kann Zeit investieren, Geld, Nerven, Einschreiben, Fotos, Anwälte und bei ausreichender Ausdauer auch Weihnachten. Hauptsache, niemand bekommt am Ende den Eindruck, man habe nachgegeben.
Ich kenne dieses Bedürfnis durchaus auch bei mir. Es wäre schließlich ausgesprochen praktisch, einen Beitrag über gesunden Menschenverstand zu schreiben und dabei festzustellen, dass ausschließlich die anderen ein Problem damit haben. Leider wäre das ungefähr so glaubwürdig wie ein Familienfoto, auf dem nur die anderen älter geworden sind.
Auch ich kenne Situationen, in denen ich überzeugt war, im Recht zu sein. Und ich kenne diesen merkwürdigen Punkt in einer Diskussion, an dem eine leise Stimme im Kopf bereits fragt, ob die Sache den ganzen Aufwand eigentlich noch wert ist, während eine wesentlich energischere Stimme antwortet: Jetzt erst recht.
Mein erster Reflex ist dann häufig, einen Schritt zurückzugehen und die Sache von möglichst vielen Seiten anzusehen. Was sieht der andere? Was könnte ich übersehen haben? Wie würde ein völlig Unbeteiligter die Situation beurteilen? Das hilft oft. Es schützt allerdings nicht zuverlässig davor, dass das eigene Ego währenddessen schon einmal die Ärmel hochkrempelt.
Vielleicht ist das Ego überhaupt der natürliche Feind des gesunden Menschenverstands. Nicht weil Ego grundsätzlich schlecht wäre. Wir brauchen Selbstbewusstsein, ein Gefühl für unsere Grenzen und die Fähigkeit, für uns einzustehen. Aber irgendwo zwischen „Ich lasse mich nicht über den Tisch ziehen“ und „Ich werde diesen Menschen wegen einer Mülltonne vernichten“ sollte eine kleine Kontrollleuchte aufleuchten, die bei manchen von uns allerdings gelegentlich einen bemerkenswert schlechten Wartungszustand aufweist.
Recht haben und eine Lösung finden
Damit komme ich zu einem Unterschied, der mir immer wichtiger erscheint: Recht haben und ein Problem lösen sind nicht dasselbe.
Manchmal gehören sie zusammen. Manchmal muss man auf seinem Recht bestehen. Es gibt Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch, Betrug und Situationen, in denen Nachgeben nichts mit Vernunft zu tun hätte, sondern nur bedeuten würde, dem Stärkeren das Feld zu überlassen.
Aber erstaunlich viele unserer täglichen Konflikte spielen nicht in dieser Liga. Sie beginnen klein. Ein falscher Ton. Ein Parkplatz. Eine Bemerkung. Eine Verspätung. Etwas wurde nicht weggeräumt. Einer fühlt sich übergangen. Einer glaubt, der andere müsse sich entschuldigen. Der andere findet, dass er überhaupt keinen Grund dazu hat. Und ehe man sich versieht, ist aus einem Problem eine Position geworden.
Ein Problem kann man lösen. Eine Position muss man verteidigen – und genau deshalb sind Positionen in einem Streit manchmal gefährlicher als das Problem selbst.
Und plötzlich lautet die wichtigste Frage nicht mehr: „Wie bekommen wir das vernünftig hin?“, sondern: „Wer gibt zuerst nach?“
Vielleicht wäre vieles einfacher, wenn wir in solchen Momenten für dreißig Sekunden aufhören könnten, gewinnen zu wollen. Nicht immer. Nicht bei allem. Aber wenigstens lange genug, um uns eine ziemlich einfache Frage zu stellen:
Was ist hier eigentlich das ursprüngliche Problem?
Unangenehm wird es in dem Moment, in dem wir feststellen, dass wir darüber längst gar nicht mehr reden. Dann geht es nicht mehr um die Hecke, den Parkplatz, den falschen Ton oder die offene Zahnpastatube. Dann geht es plötzlich um uns selbst.
Denn von diesem Moment an streiten wir nicht mehr über das Problem. Wir verteidigen etwas in uns selbst. Und damit verlassen wir langsam das Gebiet des gesunden Menschenverstands und betreten das wesentlich unübersichtlichere Gelände der menschlichen Psyche.
Wenn aus einer Sache plötzlich eine Kränkung wird
Nehmen wir einen ganz gewöhnlichen Abend. Zwei Menschen sitzen in einer Küche. Einer sagt einen Satz, der wahrscheinlich nicht einmal besonders böse gemeint war. Vielleicht etwas wie: „Du hättest das auch anders machen können.“ Mehr nicht. Der andere hört aber nicht nur diesen Satz. Er hört vielleicht: Du kannst das nicht. Du machst es immer falsch. Ich nehme dich nicht ernst. Ich halte mich für klüger als dich.
Was tatsächlich gesagt wurde und was angekommen ist, können innerhalb weniger Sekunden zwei vollkommen verschiedene Dinge sein. Und schon reden wir nicht mehr über die Sache. Vielleicht ging es ursprünglich darum, dass eine Rechnung zu spät bezahlt wurde. Oder dass jemand vergessen hat, etwas einzukaufen. Vielleicht wurde eine Verabredung verschoben. Eigentlich alles lösbar. Man könnte darüber sprechen, den Fehler korrigieren und anschließend etwas essen.
Stattdessen geschieht etwas wesentlich Menschlicheres. Einer fühlt sich angegriffen und schlägt zurück. Der andere fühlt sich nun seinerseits ungerecht behandelt. Ein zweiter Satz fällt, der etwas schärfer ist als der erste. Dann ein dritter. Nach wenigen Minuten befinden sich beide auf einem Gebiet, das mit der ursprünglichen Rechnung ungefähr so viel zu tun hat wie ein Finanzamt mit einem romantischen Wochenende.
Plötzlich tauchen Wörter wie „immer“ und „nie“ auf. „Du machst das immer.“ „Du hörst mir nie zu.“ Diese beiden Wörter besitzen in Konflikten eine erstaunliche Karriere. Sie sind fast immer falsch und trotzdem ausgesprochen beliebt. Niemand macht immer etwas. Niemand tut nie etwas. Aber „Du hast das gestern schon gemacht“ besitzt einfach nicht dieselbe militärische Wirkung.
Und spätestens jetzt ist aus einem Problem eine Kränkung geworden.
Das Ego merkt sich erstaunlich viel
Kränkungen haben eine unangenehme Eigenschaft: Sie können ausgezeichnet speichern. Ein Mensch kann vergessen, wo er vor zehn Minuten seinen Schlüssel hingelegt hat, aber eine Bemerkung aus dem Sommer 2018 liegt irgendwo im inneren Archiv noch vollständig katalogisiert bereit.
Und sie wird gefunden.
Eigentlich sprechen wir gerade über Dienstag. Das Ego öffnet jedoch einen Aktenschrank und erklärt, dass man, wenn wir schon dabei seien, durchaus noch über Weihnachten 2021, den Urlaub in Italien und diesen einen Satz bei der Geburtstagsfeier von Tante Marianne reden könne. Dann beginnt etwas, das ich immer wieder faszinierend finde. Man sammelt Beweise. Nicht für eine Lösung, sondern für die eigene Position.
Man sucht nicht mehr nach dem Punkt, an dem beide vielleicht einen Anteil haben könnten. Man sucht nach Material, das bestätigt, dass man selbst vernünftig gehandelt hat und der andere offenbar seit Jahren an einem sehr grundlegenden Defekt leidet. Und natürlich macht der andere genau dasselbe.
Damit stehen irgendwann zwei Menschen vor zwei sorgfältig aufgebauten Beweisgebäuden und wundern sich, warum niemand mehr die Tür findet. Vielleicht ist einer der häufigsten Fehler im menschlichen Zusammenleben genau dieser: Wir verwechseln unsere Erinnerung an einen Konflikt mit einer neutralen Aufzeichnung des Konflikts.
Das ist sie nicht. Wir erinnern uns auch an das Gefühl. Und Gefühle besitzen ihre eigene Art, Protokolle zu schreiben.
Freud hätte wahrscheinlich nicht lange über die Rechnung gesprochen
Wenn man Sigmund Freud gedanklich an diesen Küchentisch setzen würde, hätte er sich vermutlich ziemlich schnell nicht mehr für die verspätete Rechnung interessiert. Nicht weil sie unwichtig wäre, sondern weil er vermutlich wissen wollte, warum zwei erwachsene Menschen aus einer lösbaren Sache innerhalb weniger Minuten etwas gebaut haben, das plötzlich ihre ganze Beziehung betrifft.
Freud ging davon aus, dass unser Verhalten keineswegs ausschließlich von dem gesteuert wird, was wir bewusst denken und beschließen. Unter der sichtbaren Oberfläche arbeiten Bedürfnisse, Ängste, Aggressionen, Wünsche, alte Erfahrungen und innere Konflikte weiter, auch wenn wir selbst sie nicht jederzeit erkennen.
Er hätte unseren beiden Streitenden vielleicht zugehört und sich irgendwann gefragt, ob sie tatsächlich über diesen Abend sprechen oder ob da längst etwas anderes mitredet. Vielleicht das Gefühl, nie ernst genommen zu werden. Vielleicht die Angst, nicht zu genügen. Vielleicht ein altes Bedürfnis nach Anerkennung. Vielleicht einfach die Kränkung, dass der andere einen Fehler entdeckt hat, den man selbst am liebsten übersehen hätte.
Und dann kommt etwas ins Spiel, das für unser Thema beinahe maßgeschneidert ist: die Rationalisierung. Wir Menschen sind nämlich ausgesprochen talentiert darin, einem Gefühl nachträglich eine vernünftige Begründung zu schenken.
Kaum jemand sagt: „Ich weiß, dass diese Sache vollkommen belanglos ist, aber ich bin gerade gekränkt und deshalb werde ich jetzt eine Stunde lang vollkommen überreagieren.“ Das wäre immerhin bemerkenswert selbstkritisch.
Stattdessen sagen wir: „So kann man mit mir nicht umgehen.“ Oder: „Irgendwann muss man Grenzen setzen.“ Oder mein persönlicher Favorit: „Es geht ums Prinzip.“ Das klingt erheblich würdevoller.
Die Kränkung bekommt einen Anzug, das Ego eine Aktentasche und plötzlich sieht das Ganze aus wie eine sachliche Grundsatzdebatte.
Die vielleicht unangenehmste Möglichkeit
Was Freud uns bei diesem Gedankenexperiment zuflüstern könnte, gefällt dem Ego vermutlich nicht besonders. Vielleicht wissen wir selbst nicht immer genau, warum uns etwas so sehr aufregt.
Das ist eine ziemlich unangenehme Vorstellung. Wir halten uns ja gern für die zuständige Behörde im eigenen Kopf. Dort wird geprüft, bewertet, entschieden und anschließend eine vernünftige Reaktion freigegeben. Vielleicht ist diese Behörde aber weniger ordentlich organisiert, als wir glauben.
Manchmal kommt die Entscheidung zuerst. Die Begründung wird nachgereicht.
Jemand schneidet uns im Straßenverkehr. Sofort ist klar: Idiot. Vielleicht hat er uns übersehen. Vielleicht hat er gerade einen Fehler gemacht. Vielleicht ist tatsächlich ein Idiot am Steuer. Alles möglich. Aber wir wissen es innerhalb einer halben Sekunde.
Bemerkenswert.
Über Menschen, die wir mögen, urteilen wir großzügiger. Über uns selbst sowieso. Wenn ich jemanden im Verkehr übersehe, war die Situation unübersichtlich. Wenn der andere mich übersieht, besitzt er offenbar weder Rückspiegel noch Charakter.
Darin steckt eine kleine menschliche Meisterleistung: Wir beurteilen unser eigenes Verhalten nach den Umständen und das Verhalten anderer gern nach deren Persönlichkeit. Ich war gestresst. Er ist rücksichtslos. Ich hatte einen schlechten Tag. Sie ist unerträglich. Ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Er hat endlich sein wahres Gesicht gezeigt.
Der gesunde Menschenverstand müsste eigentlich irgendwann vorsichtig die Hand heben und fragen, ob wir möglicherweise mit zweierlei Maß messen. Leider sitzt er in solchen Momenten häufig ziemlich weit hinten.
Nachgeben ist manchmal erschreckend schwer
Dann gibt es noch diese eigentümliche Verbindung zwischen Kränkung und Gesichtsverlust. Stellen wir uns vor, zwei Nachbarn streiten über einen Baum. Ein Ast ragt über den Zaun. Der eine möchte, dass er gekürzt wird. Der andere sagt zunächst nein. Es wird diskutiert. Nicht besonders schlimm.
Dann fällt ein unfreundlicher Satz. Jetzt wird es schwieriger.
Am nächsten Tag erzählt einer seiner Frau davon. Der andere einem Bekannten. Vielleicht weiß inzwischen noch ein dritter Nachbar Bescheid. Und plötzlich besitzt das Nachgeben Publikum. Das verändert erstaunlich viel.
Gestern hätte man den Ast noch einfach absägen können. Heute sähe es möglicherweise so aus, als hätte der andere gewonnen. Dass es überhaupt einen Gewinner geben muss, hat zwar niemand beschlossen. Aber irgendwo im Verlauf eines Konflikts entsteht häufig diese merkwürdige Punktetafel.
Einer gibt nach: 0:1. Einer entschuldigt sich: 0:2. Einer sagt sogar: „Du hattest recht.“ Saison beendet.
Dabei ist dieser Satz eigentlich vollkommen harmlos. „Du hattest recht“ enthält keine bekannte toxische Substanz. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass ein erwachsener Mensch nach dem Aussprechen spontan seine gesellschaftliche Stellung verliert. Trotzdem kostet er manchmal erstaunlich viel Überwindung.
Vielleicht weil wir einen Fehler nicht nur als Fehler erleben. Vielleicht erleben wir ihn als Aussage über uns selbst. Und dann verteidigen wir nicht mehr die Sache, sondern unser Bild von uns.
Intelligenz hilft dabei nur bedingt
Das bringt mich zu einem anderen Punkt, der mir wichtig ist. Dummes Verhalten ist nicht dasselbe wie mangelnde Intelligenz. Im Gegenteil. Sehr kluge Menschen können sich ausgesprochen beeindruckend dumm verhalten.
Manchmal haben sie sogar einen Vorteil: Sie können ihr Verhalten erheblich besser begründen. Ein intelligenter Mensch besitzt mehr Argumente, mehr sprachliche Möglichkeiten und häufig auch mehr Ausdauer, um eine Position zu verteidigen, die längst nicht mehr besonders sinnvoll ist.
Der einfache Streit lautet dann vielleicht: „Ich will, dass die Hecke wegkommt.“ Die akademische Variante benötigt zunächst drei Gutachten, zwei historische Grundstückspläne und einen Vortrag über die grundsätzliche Bedeutung nachbarschaftlicher Grenzachtung seit dem Westfälischen Frieden. Das Ergebnis bleibt dasselbe.
Intelligenz schützt uns nicht automatisch vor Unsinn. Sie kann Unsinn gelegentlich nur eleganter formulieren.
Und vielleicht gehört gerade das zu den Dingen, die wir beim gesunden Menschenverstand gern übersehen. Wir verbinden ihn mit Klugheit. Dabei braucht man möglicherweise viel weniger Intelligenz als vielmehr die Fähigkeit, sich selbst gelegentlich zu misstrauen.
Die schwierigste Frage stellt man sich selbst
Ich versuche bei Konflikten meistens, die Sache aus möglichst vielen Richtungen zu betrachten. Nicht nur meine eigene Position, sondern auch die des anderen. Was könnte ihn zu dieser Reaktion gebracht haben? Was habe ich vielleicht übersehen? Wie würde die Situation aussehen, wenn ich auf seiner Seite stünde? Was würde ein völlig Unbeteiligter sehen?
Ich stelle mir ein Problem gern wie eine Kugel vor. Wenn ich nur von vorne darauf schaue, sehe ich eben nur vorne. Die Rückseite verschwindet deshalb nicht.
Diese Art zu denken hilft mir oft. Sie ist vermutlich auch ein Teil dessen, was ich unter Empathie verstehe. Nicht automatisch gutzuheißen, was der andere macht, sondern zumindest zu versuchen, zu verstehen, warum er es macht.
Nur entsteht dabei ein neues Problem. Ich muss dieselbe Bewegung auch bei mir selbst machen. Und das ist erheblich unbequemer.
Denn es ist relativ einfach, die Uneinsichtigkeit eines anderen Menschen zu erkennen. Die eigene besitzt leider den Vorteil, von innen betrachtet ausgesprochen vernünftig auszusehen.
Vielleicht besteht gesunder Menschenverstand deshalb nicht nur darin, eine Situation von möglichst vielen Seiten anzusehen. Vielleicht gehört eine Perspektive unbedingt dazu, die wir besonders gern vergessen: die auf uns selbst.
Nicht nur: Was hat der andere schon wieder falsch gemacht? Sondern auch: Was genau verteidige ich hier gerade eigentlich? Eine Sache? Eine Grenze? Eine berechtigte Position? Oder nur die Vorstellung, dass ich unmöglich derjenige sein kann, der gerade Unsinn redet?
Denn spätestens bei dieser Frage wird das Terrain wirklich schwierig. Das Ego hört nämlich durchaus gern zu, solange es um die Fehler der anderen geht.
Wenn zwei Menschen gar nicht dasselbe wollen
Stellen wir uns einen Streit zwischen zwei Nachbarn vor. Nichts Weltbewegendes. Einer stellt regelmäßig sein Fahrrad so im gemeinsamen Hausflur ab, dass der andere mit seinen Einkaufstaschen schlecht vorbeikommt. Der bittet ihn freundlich, es zwanzig Zentimeter weiter nach links zu stellen. Platz wäre da. Niemand müsste auf etwas verzichten. Das Fahrrad wäre weiterhin trocken, der andere käme vorbei, und wahrscheinlich könnte man die gesamte Angelegenheit lösen, bevor eine durchschnittliche Kaffeemaschine ihren ersten vernünftigen Espresso produziert hat.
Der Fahrradbesitzer sagt trotzdem nein.
Also erklärt man es noch einmal. Vielleicht hat er nicht verstanden, worum es geht. Man zeigt ihm, wo das Problem liegt. Man schlägt sogar einen anderen Platz vor. Er hätte keinerlei Nachteil. Trotzdem steht das Fahrrad am nächsten Morgen wieder genau dort. Vielleicht sogar ein kleines bisschen weiter rechts.
Jetzt beginnt für einen lösungsorientierten Menschen eine ausgesprochen verwirrende Phase. Er sucht nach der Lösung für ein Problem, das längst keines mehr ist. Denn möglicherweise möchte der andere gar keine Lösung.
Das ist für Menschen, die selbst gern vernünftig zu einer Einigung kommen, erstaunlich schwer zu begreifen. Wir schließen von uns auf andere. Wenn ich einen Konflikt unangenehm finde und beenden möchte, unterstelle ich meinem Gegenüber zunächst dasselbe Interesse. Also erkläre ich besser. Ich formuliere freundlicher. Ich mache einen neuen Vorschlag. Ich versuche herauszufinden, was ihn stört. Vielleicht habe ich etwas übersehen.
Und irgendwann habe ich sieben Lösungen für ein Problem entwickelt, während der andere offenbar damit beschäftigt ist, ein achtes Problem zu erfinden.
Verstehen wollen ist keine schlechte Angewohnheit
Ich kenne diesen Reflex bei mir ziemlich gut. Wenn jemand für mich vollkommen unverständlich reagiert, ist mein erster Gedanke selten: Was für ein Idiot. Mich interessiert zunächst, warum er so reagiert. Vielleicht fehlt mir eine Information. Vielleicht sieht er etwas, das ich nicht sehe. Vielleicht hat meine eigene Art, die Sache zu betrachten, einen blinden Fleck.
Deshalb versuche ich, ein Problem gedanklich wie eine Kugel zu betrachten. Von vorne sieht sie anders aus als von hinten, von oben noch einmal anders, und irgendwo gibt es vielleicht eine Perspektive, aus der eine zunächst absurde Reaktion plötzlich verständlicher wird.
Nehmen wir eine Kassenschlange im Supermarkt. Jemand drängelt sich vor. Mein erster Impuls könnte sein: unverschämt. Dann sehe ich vielleicht, dass die Frau nur eine Packung Windeln in der Hand hält und ein weinendes Kleinkind auf dem Arm trägt. Plötzlich verändert sich dieselbe Handlung. Vielleicht ist sie immer noch vorgedrängelt. Aber ich bewerte sie anders, weil ich mehr von der Situation sehe.
Manchmal fehlt uns tatsächlich nur diese zweite Perspektive. Manchmal allerdings auch nicht.
Manchmal steht der Mensch mit vollkommen freien Händen vor uns, kein Kind weint, kein Notfall wartet, und er drängelt sich einfach vor, weil er der Auffassung ist, dass die Welt mit seiner Ankunft an der Supermarktkasse eine neue Prioritätenordnung erhalten hat.
Auch das kommt vor.
Carl Rogers hätte wahrscheinlich zuerst zugehört
An dieser Stelle würde ich gern Carl Rogers gedanklich dazusetzen. Der amerikanische Psychologe stellte die Fähigkeit, die Welt aus dem inneren Bezugsrahmen eines anderen Menschen wahrzunehmen, ins Zentrum seiner Arbeit. Nicht sofort bewerten, nicht vorschnell erklären, sondern zunächst verstehen, wie eine Situation für den anderen aussieht.
Auf unseren Fahrradstreit übertragen könnte eine an Rogers angelehnte Stimme vielleicht zunächst fragen: Was bedeutet diese Situation eigentlich für beide? Der eine erlebt zwanzig Zentimeter Fahrrad. Der andere erlebt vielleicht eine Vorschrift. Einer hört eine höfliche Bitte, der andere möglicherweise eine Bevormundung. Einer möchte bequem mit seinen Einkaufstaschen vorbeikommen, während der andere längst das Gefühl hat, jemand wolle ihm sagen, was er in seinem eigenen Haus zu tun und zu lassen habe.
Plötzlich wäre zumindest verständlicher, warum zwei Menschen über etwas vollkommen Unterschiedliches reden, obwohl zwischen ihnen nur ein Fahrrad steht.
Das gefällt mir an diesem Gedanken. Empathie verlangt nicht, dass ich die Wirklichkeit des anderen zu meiner eigenen mache. Sie verlangt zunächst nur, anzuerkennen, dass es sie gibt.
Vielleicht würde Rogers sinngemäß sagen: Bevor ihr euch darüber streitet, wer recht hat, versucht wenigstens zu verstehen, was der andere überhaupt hört, wenn ihr miteinander redet.
Das klingt beinahe erschreckend vernünftig. Es besitzt nur eine Voraussetzung: Beide müssen zumindest ein kleines Interesse daran haben, den anderen zu verstehen.
Die Grenze der Empathie
Und hier wird es schwierig. Was passiert, wenn nur einer diese Arbeit leistet? Einer denkt über die Perspektive des anderen nach. Er sucht nach Erklärungen, wägt ab, korrigiert vielleicht sogar die eigene Position. Der andere beschäftigt sich währenddessen ausschließlich mit der Frage, wie er bekommt, was er will.
Dann entsteht keine Verständigung. Es entsteht ein Ungleichgewicht.
Empathie ist nämlich eine wunderbare menschliche Fähigkeit, aber sie ist kein Vertrag, den das Gegenüber automatisch mitunterschreibt. Man kann einen Menschen verstehen und trotzdem feststellen, dass er sich rücksichtslos verhält. Man kann nachvollziehen, woher seine Kränkung kommt, ohne deshalb verpflichtet zu sein, sich von ihm schlecht behandeln zu lassen. Man kann sogar verstehen, warum jemand unbedingt recht behalten möchte, und gleichzeitig zu dem Ergebnis kommen, dass man keine weiteren drei Stunden seines Lebens für die Pflege seines Egos zur Verfügung stellen möchte.
Das ist eine Grenze, die ich selbst wichtig finde. Mein Versuch, möglichst viele Seiten einer Situation zu sehen, darf nicht dazu führen, jede Seite automatisch für gleich vernünftig zu halten.
Manchmal ist eine Perspektive schlicht falsch. Manchmal ist ein Verhalten egoistisch. Manchmal ist jemand intolerant, ignorant oder uneinsichtig. Und manchmal ist ein Arschloch tatsächlich nur ein Arschloch, auch wenn man es von allen Seiten betrachtet. Das klingt weniger versöhnlich als vieles, was man über Empathie liest. Aber vielleicht gehört gerade diese Erkenntnis zu einem vernünftigen Umgang miteinander. Verstehen und Entschuldigen sind zwei vollkommen verschiedene Tätigkeiten.
Ignoranz ist nicht immer Unwissenheit
Besonders schwierig finde ich Menschen, die durchaus verstehen könnten, aber nicht verstehen wollen.
Ignoranz wird häufig mit mangelndem Wissen verwechselt. Dabei kann sie viel bequemer sein. Man muss eine andere Perspektive nicht widerlegen, wenn man einfach beschließt, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Ein kleines Beispiel: Zwei Menschen stehen vor einer geöffneten Tür. Einer hält sie auf, weil hinter ihnen noch jemand kommt. Der andere schiebt sich durch, ohne ein Wort, ohne Blick, ohne auch nur den Hauch eines Dankes. Spricht man ihn darauf an, könnte er sagen: „Stimmt, war unhöflich.“ Damit wäre die Sache erledigt.
Er kann aber auch antworten: „Ich habe Sie doch gar nicht darum gebeten, mir die Tür aufzuhalten.“
Das ist einer dieser Sätze, bei denen man für einen kurzen Moment versteht, warum die Menschheit so lange gebraucht hat, um Kanalisation zu erfinden. Denn natürlich stimmt er formal. Niemand hat darum gebeten. Nur war das auch gar nicht der Punkt. Genau dort beginnt Ignoranz interessant zu werden. Nicht als fehlendes Wissen, sondern als Weigerung, die soziale Bedeutung einer Situation überhaupt anzuerkennen.
Ähnlich beim Radfahrer auf einem schmalen Gehweg, obwohl daneben ein problemlos nutzbarer Radweg verläuft. Eine ältere Frau muss ausweichen. Spricht man ihn darauf an, könnte er sagen: „Entschuldigung, habe ich nicht gesehen.“ Sache erledigt.
Er könnte aber auch erklären, warum er selbstverständlich vollkommen berechtigt war, dort zu fahren, weshalb die Frau früher hätte ausweichen können und dass Fußgänger überhaupt ständig im Weg herumstehen.
Dann ist das eigentliche Problem nicht mehr der Gehweg.
Das Problem ist die bemerkenswerte Fähigkeit, jede Information so lange zu bearbeiten, bis sie wieder zur eigenen Position passt.
Uneinsichtigkeit ist deshalb etwas anderes als ein Irrtum. Wer sich irrt, kann etwas Neues erfahren und seine Meinung ändern. Wer uneinsichtig ist, behandelt neue Informationen eher wie unerwünschte Gäste: Man lässt sie am besten gar nicht erst herein.
Und Intoleranz setzt noch einen drauf. Sie sagt nicht nur: Ich sehe die Welt anders als du. Sie sagt: Die Tatsache, dass du sie anders siehst, stört mich bereits.
Damit wird gemeinsamer Boden ziemlich knapp.
Manche Menschen brauchen den Streit
Es gibt schließlich noch eine Möglichkeit, die ich lange schwerer zu verstehen fand als einen normalen Konflikt: Manche Menschen wollen ihn offenbar gar nicht lösen.
Nicht jeder, der streitet, gehört dazu. Das wäre eine ausgesprochen bequeme Diagnose. Sobald jemand anderer Meinung ist, erklären wir ihn zum pathologischen Streithammel und können anschließend wieder beruhigt feststellen, dass der eigene gesunde Menschenverstand hervorragend funktioniert.
Aber es gibt Menschen, für die Konflikte eine Funktion erfüllen. Sie verschaffen Aufmerksamkeit. Sie geben Macht. Sie schaffen Bedeutung. Sie ermöglichen Kontrolle. Manchmal liefern sie sogar Unterhaltung.
Das erkennt man häufig an einem merkwürdigen Muster. Man löst Problem A. Daraufhin erscheint Problem B. Man löst auch B. Nun stellt sich heraus, dass C eigentlich schon immer das wahre Problem gewesen sei. Hat man C geklärt, erfährt man von D, das leider alles wieder verändert.
Irgendwann fühlt man sich wie bei einem Fußballspiel, bei dem der Gegner jedes Mal ein neues Tor aufstellt, sobald der Ball auf das alte zufliegt.
Der vernünftige Mensch macht in dieser Situation häufig einen Fehler: Er spielt weiter. Er denkt, irgendwo müsse es doch diese eine Formulierung, diesen einen Kompromiss, dieses eine Argument geben, bei dem der andere endlich sagt: Gut, so machen wir es.
Vielleicht gibt es diesen Satz aber nicht.
Denn wenn der Konflikt selbst einen Zweck erfüllt, wäre seine Lösung für den anderen gar kein Erfolg. Sie wäre ein Verlust.
Gesunder Menschenverstand kann auch bedeuten, aufzuhören
Das verändert für mich den Begriff noch einmal.
Bis hierher könnte man glauben, gesunder Menschenverstand bedeute vor allem, vernünftig zu sein, zuzuhören, die Perspektive des anderen einzunehmen, das eigene Ego zu überprüfen und nach einer verhältnismäßigen Lösung zu suchen.
Das gehört sicher dazu. Aber vielleicht gehört ebenso dazu, zu erkennen, wann all das nicht mehr funktioniert.
Nicht jede Tür öffnet sich, wenn man nur freundlich genug klopft. Manchmal steht auf der anderen Seite jemand und hält sie absichtlich zu. Dann ist es kein Versagen der Vernunft, irgendwann nicht mehr zu klopfen. Vielleicht ist es sogar Vernunft.
Denn Rücksichtnahme ohne Grenze kann zur Einladung werden. Empathie ohne Grenze kann dazu führen, dass man das Verhalten des anderen besser erklärt, als dieser es jemals selbst könnte. Und Kompromissbereitschaft ohne Grenze endet irgendwann bei einem Kompromiss, bei dem einer alles versteht und der andere alles bekommt.
Das kann nicht gemeint sein.
Wenn wir von den normalen Regeln des Zusammenlebens sprechen, gehören deshalb nicht nur Höflichkeit, Rücksicht und Verständnis dazu. Es gehört auch die Bereitschaft dazu, dieselben Regeln beim anderen anzuerkennen. Niemand muss immer nachgeben. Niemand muss jede andere Meinung teilen. Niemand muss sympathisch sein.
Aber eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn genügend Menschen zumindest akzeptieren, dass außer ihnen noch andere Menschen darin vorkommen. Eigentlich eine überschaubare Anforderung. Manchmal scheint sie erstaunlich ambitioniert.
Vielleicht liegt ein Teil der Empathie deshalb tatsächlich in einem sehr alten Gedanken, den wir fast zu oft gehört haben, um ihn noch ernst zu nehmen: Der Ton macht die Musik. Nur ist es noch etwas komplizierter. Denn Worte sind selten nur Text. Sie haben Lautstärke, Tonlage und Nachhall – und manchmal streiten zwei Menschen nicht über denselben Satz, sondern über zwei völlig verschiedene Melodien.
Wenn das Offensichtliche plötzlich kompliziert wird
Stellen wir uns zum letzten Mal eine kleine Alltagsszene vor. Ein Büro, irgendwann am Nachmittag. Vier Menschen sitzen zusammen, weil ein Ablauf nicht funktioniert. Eine Information wird von Abteilung A an Abteilung B geschickt, dort ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und anschließend digital an Abteilung A zurückgeschickt.
Einer fragt schließlich: „Warum schicken wir die Information nicht einfach direkt digital weiter?“
Kurze Stille.
Dann sagt jemand: „Weil wir das immer so gemacht haben.“
Ein anderer vermutet Datenschutz. Das ist in Deutschland immer eine sichere Möglichkeit, wenn man einen Vorgang nicht erklären kann. Ein weiterer weist darauf hin, dass man für eine Änderung vermutlich die zuständige Stelle fragen müsse. Wer die zuständige Stelle ist, müsste allerdings zunächst geklärt werden.
Nach zwanzig Minuten ist das ursprüngliche Problem noch vorhanden, besitzt jetzt aber ein Protokoll.
Denn gesunder Menschenverstand scheitert nicht nur an Ego, Kränkung oder mangelnder Empathie. Manchmal scheitert er daran, dass wir uns an Dinge gewöhnt haben. An Regeln, Abläufe und Denkweisen, die irgendwann einmal sinnvoll gewesen sein mögen und inzwischen vor allem deshalb weiterleben, weil niemand mehr fragt, ob sie noch sinnvoll sind.
Dabei sind Regeln keineswegs der Feind der Vernunft. Ohne sie würde das Zusammenleben ziemlich schnell zu einem Feldversuch darüber werden, wie viele Einkaufswagen gleichzeitig durch eine Supermarkttür passen. Regeln schützen, schaffen Verlässlichkeit und verhindern, dass wir jeden Morgen die Grundlagen der Zivilisation neu aushandeln müssen.
Problematisch wird es erst, wenn die Regel wichtiger wird als der Grund, aus dem sie geschaffen wurde. Dann kann etwas vollkommen regelkonform und trotzdem vollkommen unsinnig sein.
Daniel Kahneman hätte vermutlich unserem Kopf misstraut
Damit fehlt uns noch ein dritter Blick auf die Sache. Nach Freud, der unter die sichtbare Oberfläche unserer Motive geschaut hätte, und Rogers, der uns die Perspektive des anderen näherbringt, kommt Daniel Kahneman ins Spiel.
Kahnemans Arbeit beschäftigte sich unter anderem damit, wie Menschen urteilen und Entscheidungen treffen. Vieles davon geschieht erstaunlich schnell. Wir greifen auf Erfahrungen, Muster und gedankliche Abkürzungen zurück. Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Ohne solche Abkürzungen würden wir vermutlich morgens noch vor dem Kleiderschrank stehen, während draußen bereits wieder die Sonne untergeht.
Nur haben Abkürzungen einen Nachteil: Manchmal führen sie in die falsche Straße.
Nehmen wir den Autofahrer aus Teil 2, der uns schneidet. Innerhalb eines Augenblicks steht unser Urteil fest. Rücksichtsloser Idiot. Wir kennen weder den Menschen noch den Grund für sein Verhalten, aber unser Gehirn hat die Akte bereits geschlossen.
Noch interessanter wird es, wenn wir eine Meinung einmal gefasst haben. Dann bemerken wir bevorzugt Dinge, die zu ihr passen. Der Nachbar, den wir inzwischen für rücksichtslos halten, stellt die Mülltonne falsch hin: natürlich. Er grüßt nicht: typisch. Er grüßt ausgesprochen freundlich: wahrscheinlich will er etwas.
Einmal sauber einsortiert, hat ein Mensch bemerkenswert geringe Chancen, seinen Ordner wieder zu verlassen. Eine an Kahnemans Forschung angelehnte Warnung könnte deshalb lauten: Sei besonders vorsichtig mit Urteilen, die sich vollkommen selbstverständlich anfühlen. Gerade weil sie sich selbstverständlich anfühlen, prüfen wir sie häufig nicht mehr.
Das ist für einen Beitrag über gesunden Menschenverstand eine ziemlich gemeine Erkenntnis.
Denn ausgerechnet unser gesunder Menschenverstand könnte uns manchmal erzählen, dass etwas offensichtlich ist, obwohl lediglich unser Kopf sehr schnell mit seiner Arbeit fertig war.
Vielleicht ist Vernunft langsamer als Empörung
Das erklärt möglicherweise auch, warum Konflikte so leicht eskalieren.
Empörung ist schnell. Kränkung ist schnell. Wut ist schnell. Ein Urteil ist schnell.
Der Gedanke „Moment, vielleicht sehe ich das gerade falsch“ ist dagegen ein ausgesprochen gemütliches Tier.
Bis er erscheint, wurden häufig schon drei Nachrichten verschickt, zwei Menschen beleidigt und einer Familiengruppe bei WhatsApp Material für die nächsten sechs Monate geliefert.
Vielleicht braucht gesunder Menschenverstand deshalb gelegentlich etwas, das in unserer Zeit nicht besonders hoch im Kurs steht: Zeit.
Nicht stundenlanges Philosophieren über jede Kleinigkeit. Wenn vor mir ein Blumentopf vom Balkon fällt, möchte ich nicht zunächst sämtliche Perspektiven des Blumentopfes würdigen. Dann wäre eine schnelle Entscheidung ausgesprochen gesund.
Aber bei Konflikten könnte eine kurze Verzögerung Wunder wirken. Nicht sofort antworten. Nicht sofort zurückschlagen. Nicht sofort aus einem Satz eine Charakterdiagnose erstellen.
Zehn Sekunden können erstaunlich lang sein, wenn das Ego gerade eine Rede vorbereitet hat.
Und vielleicht reicht manchmal schon eine einzige Frage: Was weiß ich wirklich – und was glaube ich nur zu wissen?
Der unbeteiligte Dritte
Vielleicht müsste man bei manchen Konflikten einen vollkommen fremden Menschen dazuholen.
Nicht als Richter. Eher als Besucher von einem anderen Planeten.
Man erklärt ihm die Lage: Der Nachbar stellt sein Fahrrad seit drei Wochen fünfzehn Zentimeter zu weit rechts ab. Daraufhin wurden vier Gespräche geführt, zwei Briefe geschrieben, die Hausverwaltung eingeschaltet und inzwischen grüßen sich zwei Familien nicht mehr.
Der Fremde hört sich alles an und fragt irgendwann: „Warum stellt ihr das Fahrrad nicht einfach dort hin?“
Dann zeigen beide auf denselben freien Platz.
Und anschließend erklären sie ihm zwanzig Minuten lang, warum das leider nicht möglich ist.
Dieser unbeteiligte Dritte gefällt mir als Bild für gesunden Menschenverstand. Er kennt unsere Kränkungen nicht. Er weiß nichts von Weihnachten 2021. Er hat keine Ahnung, wer angefangen hat. Er interessiert sich nicht dafür, wer im letzten Sommer zuerst nicht gegrüßt hat.
Er sieht nur das Problem.
Vielleicht ist genau das manchmal der Vorteil des Blicks von außen: Dort ist ein Fahrrad. Dort ist Platz. Was genau machen wir hier eigentlich?
Natürlich ist das Leben komplizierter. Nicht jeder Konflikt lässt sich mit zwanzig Zentimetern lösen. Es gibt Situationen, in denen Interessen tatsächlich unvereinbar sind. Es gibt Ungerechtigkeit, Macht, Verletzungen und Grenzen, die verteidigt werden müssen.
Aber gerade deshalb sollten wir die einfachen Probleme vielleicht nicht künstlich zu schwierigen machen.
Wir haben genug echte.
Und was ist er nun, dieser gesunde Menschenverstand?
Nach all dem bin ich mir ziemlich sicher, dass gesunder Menschenverstand keine innere Stimme ist, die immer weiß, was richtig ist.
Das wäre schön.
Dann müsste man nur gut zuhören.
Aber Freud würde uns vermutlich daran erinnern, dass in uns noch ganz andere Stimmen sprechen. Kränkung, Angst, Stolz, Aggression, alte Erfahrungen und das Bedürfnis, unser Selbstbild zu schützen. Rogers würde uns daran erinnern, dass unsere Wirklichkeit nicht automatisch die Wirklichkeit des anderen ist. Und Kahneman würde uns davor warnen, unsere schnellen Urteile schon deshalb für richtig zu halten, weil sie sich richtig anfühlen.
Vielleicht ist gesunder Menschenverstand deshalb überhaupt kein Besitz.
Vielleicht ist er eine Tätigkeit.
Die Fähigkeit, einen Augenblick Abstand zwischen Reiz und Reaktion zu bringen. Die Größe der eigenen Reaktion mit der Größe des Problems zu vergleichen. Sich zu fragen, was der andere sieht. Sich aber ebenso zu fragen, ob der andere überhaupt an einer Lösung interessiert ist. Nachzugeben, wenn Nachgeben vernünftig ist, und eine Grenze zu ziehen, wenn eine Grenze notwendig wird.
Vor allem aber bedeutet es vielleicht, die Möglichkeit offenzuhalten, dass man selbst gerade derjenige sein könnte, der Unsinn redet.
Das ist vermutlich sein schwierigster Bestandteil.
Denn bei den anderen erkennen wir mangelnden gesunden Menschenverstand meistens ziemlich zuverlässig.
Wieder die Fenster
Ich stehe noch immer auf dieser Dachterrasse und schaue auf München.
Inzwischen sind mehr Fenster hell geworden.
Hinter einem wird wahrscheinlich gegessen. Hinter einem anderen gelacht. Irgendwo sitzt jemand schweigend neben einem Menschen, mit dem er eigentlich reden müsste. Irgendwo wird gerade eine Entschuldigung ausgesprochen. Vielleicht wird sie angenommen. Vielleicht auch nicht. Und mit ziemlicher Sicherheit wird irgendwo noch immer über eine offene Zahnpastatube gestritten.
Von hier oben sieht man nichts davon.
Die Häuser stehen friedlich nebeneinander, obwohl ihre Bewohner das gelegentlich nicht schaffen.
Vielleicht ist das sogar tröstlich. Denn die meisten Konflikte, die sich von innen riesig anfühlen, werden aus ein paar Metern Entfernung erstaunlich klein. Nicht unwichtig. Aber kleiner. Und manchmal genügt genau dieser Abstand, damit aus einer Kränkung wieder eine Bemerkung wird, aus einem Prinzip wieder eine Frage und aus einem Machtkampf wieder ein lösbares Problem.
Vielleicht ist das am Ende der gesunde Menschenverstand: nicht immer zu wissen, was richtig ist, sondern rechtzeitig zu merken, wann man selbst beginnt, das Falsche zu verteidigen.
Wann aus einer Meinung Gewissheit wird. Wann aus einem Fehler eine Frage der Ehre wird. Wann man nicht mehr lösen, sondern gewinnen will.
Und vielleicht sollten wir dann für einen kurzen Moment so tun, als säßen wir nicht mitten im Streit, sondern ein paar Stockwerke höher und schauten von außen darauf.
Manchmal bleibt dann tatsächlich ein ernstes Problem zurück.
Und manchmal nur ein Fahrrad, neben dem noch zwanzig Zentimeter Platz sind.
Beitragsbild erstellt von ChatGPT – nach einem Prompt von mir


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