Der Mann, der die Antwort schon kennt
Friedrich Merz wirkt selten wie ein Mann, der an Friedrich Merz zweifelt. Das ist zunächst keine schlechte Voraussetzung für einen Bundeskanzler. Deutschland braucht keinen Regierungschef, der morgens die Umfragen liest, mittags seine Überzeugungen wechselt und am Abend nicht mehr weiß, weshalb er am Morgen angetreten ist. Führung braucht Standfestigkeit, die Bereitschaft zu unpopulären Entscheidungen und eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen den täglichen Lärm eines politischen Betriebs, der aus jeder ungeschickten Formulierung innerhalb weniger Stunden eine Staatsaffäre herstellen kann.
Bei Merz kommt allerdings etwas hinzu, das schwerer zu greifen ist. Es liegt in seiner Sprache, in seinem Auftreten, in der Art, wie er Probleme beschreibt und anschließend die Lösung präsentiert. Da ist eine eigentümliche Selbstverständlichkeit der eigenen Autorität. Nicht die plumpe Arroganz eines Mannes, der jedem Gesprächspartner zeigen muss, dass er sich für klüger hält. Das wäre zu einfach. Es ist eher die Haltung eines Menschen, bei dem manchmal der Eindruck entsteht, die eigene Analyse sei bereits so weit abgeschlossen, dass es anschließend hauptsächlich darum gehe, andere von ihr zu überzeugen.
Merz beschreibt ein Problem, nennt Zahlen, zieht daraus eine Schlussfolgerung und landet bei einer Forderung. Deutschland müsse wettbewerbsfähiger werden. Es müsse insgesamt mehr geleistet werden. Die Produktivität müsse steigen. Der Krankenstand sei zu hoch. Die Sozialausgaben müssten überprüft, Unternehmen entlastet und Bürokratie abgebaut werden. Vieles davon besitzt einen vernünftigen Kern. Ein alterndes Land mit schwachem Wachstum, Fachkräftemangel und einer Industrie unter zunehmendem internationalen Druck kann solche Fragen nicht einfach ignorieren.
Aber vielleicht beginnt die interessante Geschichte gar nicht bei den Antworten.
Vielleicht beginnt sie bei der Frage, wie Friedrich Merz eigentlich zu seinem Bild dieses Landes kommt.
Und was geschieht, wenn sehr viele Menschen, die in diesem Land leben, ein anderes Bild sehen.
Vielleicht verstehen die Menschen ihn sehr gut
Im Mai 2026 räumte Merz beim Katholikentag ein, dass ihn zunehmend beschäftige, die Menschen offenbar nicht ausreichend zu erreichen und zu überzeugen. Er müsse seine Kommunikation verbessern. Gleichzeitig wolle er nicht zu einem Politiker werden, der sprachlich „rund wie ein Kieselstein“ werde. Das passt zu ihm. Merz möchte Klarheit. Er argumentiert gern mit wirtschaftlichen Lagebeschreibungen, Zahlen und daraus abgeleiteten Konsequenzen. Seine Aussagen sollen nicht klingen, als seien sie nach drei Meinungsumfragen, zwei Fokusgruppen und einer Sitzung der Kommunikationsabteilung so lange abgeschliffen worden, bis niemand mehr etwas dagegen haben kann.
Darin liegt durchaus eine Stärke. Politik ist in den vergangenen Jahren nicht gerade an einem Überangebot klarer Sprache zugrunde gegangen.
Nur könnte Merz sein Kommunikationsproblem möglicherweise falsch verstehen. Vielleicht erreicht er die Menschen nicht deshalb zu wenig, weil er ihnen seine Politik noch nicht gut genug erklärt hat. Vielleicht verstehen sie ihn ausgesprochen gut.
Und sind trotzdem nicht überzeugt.
Nur zwei Monate nach seiner Selbstkritik klang Merz im ZDF-Sommerinterview bereits wieder deutlich sicherer. Viele Menschen würden ihm zustimmen und ihm sagen: Genau so sei es, wie Friedrich Merz es gesagt habe. Auch seine Aussagen über Arbeitsleistung verteidigte er. Er habe nicht behauptet, einzelne Menschen seien faul. Deutschland leiste insgesamt zu wenige Arbeitsstunden und müsse produktiver werden.
Beides kann stimmen. Ein Kanzler kann sehr viele Menschen erreichen und gleichzeitig sehr viele andere verlieren. Interessant ist etwas anderes: In der Politik wird ein Mangel an Zustimmung erstaunlich schnell zu einem Kommunikationsproblem erklärt.
Man müsse besser erklären.
Mehr vermitteln.
Die Menschen stärker mitnehmen.
Die Zusammenhänge deutlicher machen.
Das klingt vernünftig. Es enthält aber eine ziemlich große Voraussetzung: dass die politische Entscheidung im Kern bereits richtig ist und lediglich ihre Vermittlung nicht funktioniert. Vielleicht liegt der Fehler jedoch manchmal nicht zwischen Sender und Empfänger. Vielleicht liegt er bereits in der Nachricht.
Erklären ist nicht dasselbe wie Zuhören
Das ist keine semantische Kleinigkeit. Es entscheidet darüber, wie ein Regierungschef mit Widerstand umgeht.
Wer glaubt, die richtige Lösung gefunden zu haben und nur noch nicht verstanden worden zu sein, wird ausführlicher erklären. Wer dagegen in der Ablehnung seiner Politik möglicherweise eine Information erkennt, wird irgendwann seine Ausgangsannahmen überprüfen.
Genau an diesem Punkt wird die Biografie von Friedrich Merz interessant.
Er ist kein Mann, den politische Niederlagen leicht aus der Bahn werfen. Angela Merkel verdrängte ihn einst aus dem Zentrum der Unionspolitik. Merz zog sich zurück, machte außerhalb des Bundestages Karriere und kehrte Jahre später zurück. Er wollte CDU-Vorsitzender werden und verlor. Er versuchte es erneut und verlor wieder. Dann versuchte er es ein drittes Mal und gewann. Schließlich wurde er Kanzlerkandidat und Bundeskanzler.
Man muss Merz nicht mögen, um darin eine bemerkenswerte Beharrlichkeit zu erkennen. Wahrscheinlich gehört genau diese Eigenschaft zu den Gründen, weshalb er heute dort sitzt, wo er sitzt.
Aber nahezu jede menschliche Stärke besitzt einen Punkt, an dem sie ihre Richtung verändern kann.
Wer sich von Widerständen nicht beirren lässt, besitzt Durchhaltevermögen. Wer sich von Widerständen überhaupt nicht mehr beirren lässt, könnte irgendwann Schwierigkeiten bekommen, zwischen einem Hindernis und einem Warnschild zu unterscheiden.
Bei einem Bundeskanzler ist dieser Unterschied nicht ganz unwichtig.
Denn demokratische Führung besteht nicht darin, recht zu haben und anschließend genügend Menschen davon zu überzeugen. Sie besteht auch darin, immer wieder zu überprüfen, ob die eigene Vorstellung von Wirklichkeit noch mit jener der Menschen zusammenpasst, die man regiert. Und genau dort beginnt für Merz ein Problem, das weit über seine Person hinausgeht.
Zwei Deutschlands, die sich gegenseitig nicht mehr verstehen
Politik besitzt eine eigene Vorstellung davon, wann etwas gelungen ist. Ein Gesetz wurde beschlossen. Ein Sondervermögen wurde eingerichtet. Eine Strategie verabschiedet. Ein Förderprogramm aufgelegt. Eine Kommission hat ihre Arbeit aufgenommen. Ein Maßnahmenpaket wurde vereinbart. Für Ministerien, Parteien und Koalitionen sind das tatsächliche Ergebnisse. Monate oder Jahre politischer Arbeit können darin stecken. Für den Bürger beginnt das Ergebnis häufig erst viel später.
Das Infrastrukturprogramm ist noch keine funktionierende Brücke. Die Digitalstrategie ist noch kein Behördengang, der in zehn Minuten erledigt ist. Das Wohnungsbauprogramm ist noch keine Wohnung, die sich eine Familie leisten kann. Der angekündigte Bürokratieabbau ist noch kein Formular weniger. Und eine positive Wachstumsprognose ist noch lange nicht das Gefühl, am Ende des Monats finanziell wieder etwas freier atmen zu können.
Genau zwischen diesen beiden Wirklichkeiten entsteht ein gefährlicher Raum.
Ein Mensch hört, Deutschland sei auf einem guten Weg, und wartet morgens auf einen ausgefallenen Zug. Er hört von Entlastungen und sieht seine Miete. Er hört von Digitalisierung und schickt einer Behörde Unterlagen per Post. Er hört, die Wirtschaft müsse wettbewerbsfähiger werden, und erfährt gleichzeitig, dass in seinem Unternehmen Stellen gestrichen werden. Keine dieser persönlichen Erfahrungen beweist für sich genommen, dass die Regierung falschliegt. Aber irgendwann ergibt sich aus vielen solchen Erfahrungen eine eigene Wirklichkeit.
Und die lässt sich nicht wegkommunizieren. Am Anfang denkt der Bürger vielleicht nur: Davon merke ich nichts. Später denkt er: Die wissen offenbar nicht, wie es hier draußen aussieht. Und irgendwann kommt der gefährlichste Gedanke von allen: Die erzählen mir sowieso nur noch irgendetwas. Ab diesem Moment hat Politik nicht mehr nur ein Kommunikationsproblem. Sie hat ein Vertrauensproblem.
Dann wird sogar eine richtige Aussage verdächtig. Eine tatsächlich sinnvolle Reform klingt wie die nächste Zumutung. „Entlastung“ wird zu einem Wort, bei dem man vorsichtshalber nachschaut, wer diesmal belastet wird. Und der Satz „Wir sind auf einem guten Weg“ erzeugt nicht Zuversicht, sondern die Frage, warum sich dieser gute Weg im eigenen Leben so erstaunlich schlecht anfühlt.
Das ist nicht allein Friedrich Merz anzulasten. Dieses Misstrauen ist älter als seine Kanzlerschaft. Er hat es geerbt.
Aber jetzt gehört es zu seinem Amt.
Wenn die Zumutung erstaunlich schnell beim Bürger landet
Besonders deutlich wird die Distanz zwischen politischer Diagnose und gesellschaftlicher Wahrnehmung bei Merz‘ wirtschaftspolitischer Sprache.
Deutschland müsse wieder leistungsfähiger werden. Die Produktivität müsse steigen. Es müsse insgesamt mehr gearbeitet werden. Die Zahl der Krankheitstage sei zu hoch. Der Sozialstaat müsse effizienter werden. Unternehmen müssten von Steuern, Energiepreisen und Bürokratie entlastet werden.
Auch hier wäre reflexhafte Empörung zu einfach. Deutschland hat ein Produktivitätsproblem. Die Bevölkerung altert. Das Arbeitskräfteangebot wird knapper. Sozialversicherungen geraten unter Druck. Unternehmen konkurrieren mit Standorten, an denen Energie, Steuern oder Regulierung teilweise günstiger sind. Ein Bundeskanzler muss darüber reden dürfen.
Bemerkenswert ist vielmehr, wie schnell die Analyse konkret wird, sobald sie den Bürger erreicht.
Wie lange arbeitet er?
Wie häufig ist er krank?
Wann geht er in Rente?
Welche staatliche Leistung bekommt er?
Wie viel mehr könnte er leisten?
Bei der anderen Seite der Gleichung wird die Sprache erstaunlich schnell abstrakter.
Welche politischen Entscheidungen haben Deutschland wirtschaftlich geschwächt? Welche Unternehmensführungen haben Entwicklungen verschlafen? Welche Technologien wurden trotz hervorragender Forschung nicht industriell genutzt? Welche Infrastruktur wurde über Jahrzehnte vernachlässigt? Welche Abhängigkeiten wurden geschaffen, obwohl ihre Risiken bekannt waren? Welche Zukunftsindustrien wurden anderen überlassen, während Deutschland anschließend Milliarden ausgab, um verlorene Fähigkeiten wieder zurückzuholen?
Friedrich Merz trägt für vieles davon keine persönliche Verantwortung. Ein großer Teil geschah, als andere Bundeskanzler regierten. Manches waren Entscheidungen von Unternehmen und nicht des Staates. Anderes entstand durch internationale Veränderungen, die keine Bundesregierung kontrollieren konnte.
Aber wenn ein Kanzler von den Menschen neue Anstrengungen verlangt, darf man ihn fragen, ob er die alten Versäumnisse mit derselben Härte untersucht.
Denn sonst entsteht ein ziemlich unangenehmer Eindruck: Jahrzehntelang werden auf den oberen Etagen Entscheidungen getroffen, und wenn das Gebäude schließlich Risse bekommt, soll im Erdgeschoss länger gearbeitet werden.
Die AfD ist nicht nur ein Gegner
Noch deutlicher wird das Problem an einer Partei, vor der Friedrich Merz immer wieder warnt: der AfD.
Die Abgrenzung der Union zu einer in Teilen rechtsextremen Partei ist eine politische Entscheidung, die sich demokratisch begründen lässt. Merz warnt vor ihren Positionen, ihren wirtschaftlichen Folgen und einer möglichen Regierungsbeteiligung. Gleichzeitig ist die AfD unter seiner Kanzlerschaft nicht verschwunden. Sie ist in Umfragen zeitweise stärker geworden.
Das müsste einen Regierungschef interessieren. Nicht nur als Problem des politischen Gegners. Sondern als Information.
Denn eine Brandmauer beantwortet lediglich die Frage, mit wem man nicht zusammenarbeitet. Sie beantwortet nicht, weshalb Millionen Menschen auf der anderen Seite dieser Mauer stehen.
Natürlich gibt es überzeugte Rechtsextreme, deren Weltbild sich nicht durch bessere Wirtschaftspolitik auflösen wird. Natürlich instrumentalisiert die AfD reale Probleme, überzeichnet sie und bietet teilweise Lösungen an, die einer ernsthaften Prüfung nicht standhalten. Aber daraus folgt nicht, dass jedes Problem, von dem sie profitiert, erfunden wäre.
Wenn Menschen wegen Migration, Wohnraum, wirtschaftlichem Abstieg, staatlicher Handlungsfähigkeit oder ihrer persönlichen Zukunft verunsichert sind, kann demokratische Politik diese Sorgen nicht dadurch beseitigen, dass sie vor der Partei warnt, die daraus Stimmen gewinnt.
Sie muss die Ursachen bearbeiten. Vielleicht ist die AfD deshalb für Merz nicht nur ein Gegner. Vielleicht ist sie auch ein Messinstrument.
Nicht dafür, dass ihre politischen Antworten richtig wären. Sondern dafür, wie groß die Entfernung zwischen einem Teil der Bevölkerung und dem demokratischen politischen Betrieb inzwischen geworden ist.
Wer dieses Messinstrument lediglich beschimpft, verändert den Messwert nicht.
Merz ist nicht der Anfang dieser Geschichte
An diesem Punkt wäre es bequem, Friedrich Merz zum Schuldigen zu erklären. Das wäre falsch. Er hat die maroden Brücken nicht gebaut. Er hat Deutschlands Rückstand bei der Digitalisierung nicht über Jahrzehnte verursacht. Er hat die Solarindustrie nicht allein verloren gehen lassen. Er hat die Abhängigkeit von russischem Gas nicht begründet. Er hat den Wohnraummangel nicht erfunden, die demografische Entwicklung nicht verursacht und auch nicht sämtliche strategischen Fehler deutscher Unternehmen getroffen.
Merz hat ein Land übernommen, dessen gegenwärtige Schwierigkeiten sich über Jahrzehnte übereinandergeschoben haben.
Gerade deshalb ist er interessant. Denn Friedrich Merz wollte dieses Amt. Sehr lange sogar. Sein politischer Weg erzählt von einem Mann, der überzeugt davon war, Deutschland führen zu können, und der schließlich die Gelegenheit dazu bekam. Damit darf man von ihm mehr verlangen als eine zutreffende Beschreibung dessen, was seine Vorgänger versäumt haben.
Er muss zeigen, ob er anders denkt.
Ob er nicht nur Bestehendes effizienter machen, sondern Neues aufbauen kann.
Ob er nicht nur von Leistung spricht, sondern eine Vorstellung davon besitzt, wofür diese Leistung erbracht werden soll.
Ob er Zukunftstechnologien erkennt, bevor Deutschland von ihnen abhängig geworden ist.
Ob er bereit ist, etablierte wirtschaftliche Interessen genauso herauszufordern wie Arbeitnehmer und Sozialleistungsempfänger.
Ob er Vertrauen nicht nur durch bessere Kommunikation zurückgewinnen will, sondern durch einen Staat, dessen Funktionieren wieder im Alltag spürbar wird.
Und vor allem muss er zeigen, ob er die Möglichkeit zulässt, dass manche seiner Antworten nicht deshalb auf Widerstand stoßen, weil die Menschen sie noch nicht verstanden haben. Sondern weil möglicherweise die Frage falsch gestellt war.
Denn Deutschland hat seine wirtschaftliche Stärke nicht innerhalb eines Jahres verloren. Es hat seine Infrastruktur nicht innerhalb einer Legislaturperiode vernachlässigt. Es hat industrielle Fähigkeiten nicht an einem Nachmittag abgegeben. Ein Land verliert sich nicht mit einem großen Knall. Es geschieht leiser. Eine verschobene Investition hier, eine verschwundene Fabrik dort, eine Reform, die später kommen soll, eine Technologie, deren Bedeutung man unterschätzt, eine Brücke, die noch ein paar Jahre halten wird, und eine politische Entscheidung, deren Rechnung erst die nächste Regierung bezahlen muss.
Friedrich Merz ist nicht der Anfang dieser Geschichte. Ob er ihr Ende sein kann, ist noch offen. Aber wenn unter einem neuen Kanzler mit neuer Sprache am Ende dieselben alten Reflexe weiterarbeiten – bestehende Strukturen schützen, Zukunft zu spät erkennen, den Bürgern mehr Anstrengung abverlangen und anschließend erklären, Deutschland befinde sich nun auf dem richtigen Weg –, dann wäre Friedrich Merz nicht der Architekt des deutschen Niedergangs.
Er wäre etwas anderes.
Eine weitere Figur darin.
Das Land, das seine Zukunft erfand und anschließend einkaufte
Es gibt Geschichten, die im Nachhinein so absurd wirken, dass man nach einem komplizierten Grund sucht, weil die einfache Erklärung kaum befriedigen kann. Die deutsche Solarindustrie gehört dazu.
Deutschland hatte zu Beginn dieses Jahrhunderts beinahe alles, was ein Land benötigt, um aus einer neuen Technologie eine industrielle Erfolgsgeschichte zu machen. Hervorragende Forschung, Ingenieure, Maschinenbauer, Kapital, einen wachsenden Heimatmarkt, politische Förderung und Unternehmen, die international zu den führenden Herstellern gehörten. Photovoltaik war nicht irgendeine exotische Idee aus einem Labor, von der niemand wissen konnte, ob sie jemals eine wirtschaftliche Rolle spielen würde. Deutschland trieb ihren Ausbau mit Milliarden voran und half entscheidend dabei, Solarstrom vom Nischenprodukt zu einer der wichtigsten Technologien der zukünftigen Energieversorgung zu machen.
Um das Jahr 2010 existierte in Deutschland und Europa noch eine weitgehend vollständige Photovoltaik-Wertschöpfungskette. Silizium, Wafer, Solarzellen, Module, Produktionsmaschinen, Wechselrichter, Forschung und Installation waren vorhanden. Heute beherrscht China bei nahezu allen zentralen Produktionsstufen den mit Abstand größten Teil des Weltmarktes; bei Wafern lag der chinesische Anteil 2023 bei rund 96 Prozent. Fraunhofer ISE beschreibt ziemlich eindeutig, dass Deutschland seine einst führende Rolle verlor, während China mit gezielter Industriepolitik, enormer Skalierung, günstigen Finanzierungsbedingungen und einer immer effizienteren Massenproduktion Fertigungskapazitäten aufbaute, die andere Hersteller zunehmend unter Druck setzten.
Deutschland hat die Photovoltaik also nicht verschlafen.
Das wäre beinahe beruhigender.
Wir waren früh dran.
Wir verstanden ihre Bedeutung.
Wir entwickelten sie.
Wir bezahlten ihre Markteinführung.
Und anschließend kauften wir einen immer größeren Teil der Technik dort, wo andere aus ihr eine Industrie gemacht hatten.
Darin steckt möglicherweise mehr über das wirtschaftspolitische Denken dieses Landes als in hundert Regierungserklärungen.
Billig ist nicht immer günstig
Natürlich wäre es falsch, daraus eine Geschichte zu machen, in der inkompetente deutsche Politiker eines Morgens beschlossen, die Solarindustrie nach China zu verschenken. So funktioniert wirtschaftlicher Strukturwandel nicht. Chinesische Unternehmen produzierten zunehmend billiger, bauten gewaltige Kapazitäten auf und wurden technisch wie organisatorisch immer besser. Hinzu kamen günstige Finanzierung, politische Unterstützung und eine Industriepolitik, die sehr genau wusste, welche Wertschöpfung sie im eigenen Land aufbauen wollte. Gleichzeitig fielen die Preise für Solarmodule dramatisch. Für Verbraucher und für den weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien war das zunächst sogar erfreulich.
Wenn ein chinesisches Modul deutlich weniger kostet als ein deutsches und dieselbe Menge Strom erzeugt, erscheint die Entscheidung vollkommen logisch.
Man kauft das billigere.
Millionen einzelner wirtschaftlich vernünftiger Entscheidungen können jedoch irgendwann zu einem volkswirtschaftlich ziemlich unvernünftigen Ergebnis führen.
Denn mit einer Fabrik verschwindet nicht nur eine Fabrik. Es verschwinden Produktionskenntnisse, Zulieferer, Aufträge für Maschinenbauer, Fachkräfte, Erfahrungen mit industrieller Skalierung und irgendwann möglicherweise auch Teile der Forschung. Die nächste Verbesserung einer Technologie entsteht schließlich nicht ausschließlich im Labor. Sehr viel Wissen entsteht dort, wo täglich Millionen Stück produziert werden und Ingenieure herausfinden müssen, warum eine Maschine zwei Prozent zu viel Ausschuss produziert oder eine neue Zellgeneration schneller gefertigt werden kann.
Wer die Produktion verliert, riskiert deshalb auf lange Sicht mehr als Arbeitsplätze. Er verliert einen Teil seiner Fähigkeit, die nächste Generation einer Technologie mitzubestimmen. Deutschland hat über Jahrzehnte eine Vorstellung von Wirtschaft gepflegt, in der der günstigste Einkauf beinahe automatisch als effizienteste Lösung galt. Für den einzelnen Betrieb oder den einzelnen Verbraucher kann das stimmen. Für ein Land muss es nicht stimmen.
Denn Versorgungssicherheit besitzt keinen besonders sichtbaren Preis, solange die Versorgung sicher ist. Technologische Unabhängigkeit besitzt keinen sichtbaren Preis, solange man die Technologie jederzeit kaufen kann. Eine eigene Lieferkette wirkt teuer, solange die fremde Lieferkette funktioniert.
Erst wenn etwas fehlt, entdecken wir plötzlich seinen Wert. Deutschland wusste bei vielen Dingen ziemlich genau, was sie kosten. Vielleicht wusste es weniger gut, was sie wert sind.
Wir fördern Forschung und wundern uns über fremde Fabriken
Besonders eigenartig wird diese Geschichte, weil Deutschland keineswegs zu wenig forscht. Wir besitzen Fraunhofer-Institute, Max-Planck-Institute, hervorragende Universitäten, hoch spezialisierte Mittelständler und eine Ingenieurstradition, um die uns viele Länder beneiden. Regelmäßig werden neue Materialien, Produktionsverfahren, Maschinen und technologische Lösungen entwickelt.
Politiker besuchen anschließend Labore, setzen Schutzbrillen auf, lassen sich einen Prototyp zeigen und erklären vor Kameras, Deutschland müsse bei Zukunftstechnologien wieder vorne dabei sein. Das Problem beginnt häufig einen Schritt später.
Aus einem Prototyp muss irgendwann eine Fabrik werden.
Aus einer Fabrik müssen zehn Fabriken werden.
Aus einer guten Idee muss ein Produkt entstehen, das hundertmillionenfach hergestellt wird.
Und plötzlich verändert sich die Größenordnung. Ein Forschungsprojekt kostet einige Millionen Euro. Eine industrielle Produktion kann Milliarden verschlingen. Sie kann scheitern. Sie benötigt jahrelangen politischen Atem, Infrastruktur, günstige Energie, verlässliche Rahmenbedingungen, Kapital und einen Markt, der möglicherweise zunächst noch gar nicht existiert.
Genau dort beginnt in Deutschland häufig eine bemerkenswerte politische Scheu vor dem Risiko. Wir lieben Innovation, solange sie in einen Förderbescheid passt. Bei der industriellen Skalierung wird es erheblich nervöser. Das wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn unsere Konkurrenten dieselbe Zurückhaltung hätten. Sie haben sie nur offensichtlich nicht.
Deutschland hat über Jahrzehnte Weltklasse darin entwickelt, Risiken einzelner Unternehmen zu vermeiden – und dabei gelegentlich Risiken für das ganze Land entstehen lassen.
Die Batterie hätte Warnung genug sein müssen
Bei Batteriezellen hätte Deutschland die Solarindustrie eigentlich ständig vor Augen haben müssen.
Kaum eine andere Zukunftstechnologie war für ein Land mit einer der größten Automobilindustrien der Welt so vorhersehbar wichtig. Dass Fahrzeuge zunehmend elektrifiziert werden würden, war keine überraschende Entwicklung des vergangenen Donnerstags. Batterien sind außerdem längst nicht nur für Autos entscheidend. Sie spielen für Energiespeicher, Industrie, Elektronik und zunehmend auch für sicherheitspolitische Anwendungen eine zentrale Rolle.
Deutschland besitzt hervorragende Batterieforschung, Chemiekonzerne, Maschinenbauer und eine gewaltige Fahrzeugindustrie.
Trotzdem entstand die entscheidende industrielle Stärke anderswo.
China beherrscht heute große Teile der Lithium-Ionen-Wertschöpfungskette, von Rohstoffverarbeitung und Aktivmaterialien bis zur Zellproduktion. Dieser Vorsprung beruht nicht nur auf niedrigeren Löhnen oder staatlicher Unterstützung. Er beruht inzwischen auch auf enormer Fertigungserfahrung, gigantischen Stückzahlen, integrierten Lieferketten und Produktionsanlagen, die über Jahre hinweg immer effizienter wurden.
Genau darin liegt das eigentliche Problem. Deutschland musste nicht nur erkennen, dass Batterien wichtig werden.Es hätte erkennen müssen, dass mit ihnen ein erheblicher Teil der Wertschöpfung des Automobils wandert.
Beim Verbrennungsmotor bestand deutsche Stärke nie darin, vier Räder an eine Karosserie zu schrauben. Sie lag in jahrzehntelang aufgebautem Wissen über Motoren, Getriebe, Einspritzung, Werkstoffe, Fertigungsmaschinen und ein dichtes Netz hoch spezialisierter Zulieferer. Beim Elektroauto verschiebt sich dieses industrielle Zentrum.
Die Batterie wird wichtiger.
Leistungselektronik wird wichtiger.
Software wird wichtiger.
Halbleiter werden wichtiger.
Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Hat Deutschland früh genug darüber nachgedacht, welche Teile des zukünftigen Automobils es selbst beherrschen muss, oder hat es zu lange versucht, seine führende Stellung aus der Welt des Verbrennungsmotors in eine völlig veränderte technische Zukunft hinüberzuretten?
Eine Regierung kann zehn Jahre lang erfolgreich Arbeitsplätze einer bestehenden Technologie schützen und gleichzeitig dazu beitragen, dass zwanzig Jahre später wesentlich mehr Arbeitsplätze fehlen, weil die nächste Technologie inzwischen anderswo beherrscht wird.
Politische Erfolge besitzen gelegentlich ein erstaunlich spätes Verfallsdatum.
Bei Halbleitern geschah es leiser
Die Halbleiterindustrie erzählt eine ähnliche Geschichte, nur weniger spektakulär.
Europa hatte im Jahr 2000 noch ungefähr 21 Prozent Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion. Heute liegt dieser Anteil nur noch bei rund acht Prozent. Deutschland allein kommt auf ungefähr drei Prozent. Gleichzeitig sind europäische und deutsche Unternehmen weiterhin in wichtigen Bereichen stark, etwa bei Sensoren, Leistungselektronik, Automotive-Chips und Photonik.
Die Geschichte lautet also nicht: Wir können keine Halbleiter. Wir können sehr gute Halbleiter. Aber andere bauten wesentlich mehr Produktionskapazitäten auf. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Es ist wirtschaftlich ein gewaltiger.
Denn moderne Volkswirtschaften funktionieren ohne Halbleiter kaum noch. Autos, Maschinen, Energieanlagen, medizinische Geräte, Telekommunikation, Verteidigung, Rechenzentren und künstliche Intelligenz hängen von ihnen ab. Während der Lieferkettenprobleme nach der Pandemie konnte die deutsche Automobilindustrie erleben, was geschieht, wenn ein Bauteil im Wert von wenigen Euro fehlt und deshalb ein Fahrzeug im Wert von zehntausenden Euro nicht fertiggestellt werden kann.
Plötzlich war der Chip keine kleine Zulieferkomponente mehr. Er war strategische Infrastruktur. Nun investiert Europa Milliarden, um neue Fertigung anzusiedeln. Das kann richtig sein. Es wäre nur interessant zu wissen, wie viel günstiger es gewesen wäre, vorhandene Fähigkeiten gar nicht erst so weit schrumpfen zu lassen.
Medikamente machen aus Wirtschaftspolitik plötzlich Alltag
Noch deutlicher wird das Prinzip bei Arzneimitteln, weil dort die Folgen unmittelbar werden.
Generika sollen günstig sein. Das ist ein vernünftiges Ziel. Ein Gesundheitssystem kann nicht für jedes Medikament jeden beliebigen Preis bezahlen. Deshalb wurden Preise gedrückt, Rabattverträge eingeführt und Hersteller zu immer effizienterer Produktion gezwungen.
Die Unternehmen reagierten so, wie Unternehmen reagieren. Sie produzierten dort, wo es billiger war.
Seit ungefähr zwei Jahrzehnten verlagerte sich insbesondere die niedrig profitable Produktion von Generika und Wirkstoffen zunehmend nach China und Indien. Gleichzeitig nahm Europas Anteil an dieser Herstellung deutlich ab und die Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten wuchs. Wenn dort eine Fabrik ausfällt, ein Rohstoff fehlt oder eine Lieferkette stockt, wird aus einer betriebswirtschaftlich vernünftigen Kostenentscheidung plötzlich ein gesundheitspolitisches Problem.
Auch hier ist nicht irgendein einzelner Minister schuld. Das System hat ziemlich genau das produziert, wofür seine Anreize geschaffen wurden. Wenn der Preis das wichtigste Kriterium ist, gewinnt irgendwann der billigste Produzent. Das Problem entsteht erst dann, wenn wir feststellen, dass ein Medikament etwas anderes ist als ein Plastikspielzeug.
Bei lebenswichtigen Produkten besitzt die Frage, ob man sie morgen überhaupt noch bekommt, möglicherweise einen höheren Wert als die letzten zwei Cent Einsparung pro Tablette. Damit sind wir wieder beim gleichen Denkfehler. Wir optimieren Kosten. Und entdecken zu spät den Wert der Fähigkeit, etwas selbst herstellen zu können.
Der Markt funktioniert nicht im luftleeren Raum
An dieser Stelle wird häufig ein beinahe religiöser Satz ausgesprochen: Der Markt werde das schon regeln.
Grundsätzlich kann Wettbewerb außergewöhnlich effizient sein. Unternehmen, die bessere Produkte günstiger herstellen, sollen wachsen. Schlechtere Geschäftsmodelle sollen verschwinden. Niemand braucht einen Staat, der jede erfolglose Fabrik um jeden Preis künstlich am Leben hält.
Nur existiert der Markt nicht außerhalb von Politik. Unternehmen konkurrieren unter unterschiedlichen Energiepreisen, Steuersystemen, Umweltauflagen, Arbeitskosten, Finanzierungsbedingungen, Förderprogrammen und staatlichen Strategien.
Wenn ein deutsches Unternehmen eine Fabrik mit marktüblichen Krediten finanziert, europäische Energiepreise bezahlt und innerhalb weniger Jahre Gewinne erzielen muss, während ein internationaler Konkurrent über günstigere Finanzierung, größere Skalierung, integrierte Lieferketten und eine gezielte nationale Industriepolitik verfügt, dann konkurrieren nicht ausschließlich zwei Unternehmen.
Dann konkurrieren auch zwei wirtschaftspolitische Systeme. Das bedeutet nicht, dass jeder Erfolg chinesischer Unternehmen unfair zustande gekommen wäre. Im Gegenteil: Viele chinesische Hersteller sind inzwischen technologisch hervorragend, extrem effizient und in der Massenproduktion Weltklasse.
Gerade deshalb wäre es töricht, ihren Erfolg ausschließlich mit Subventionen zu erklären. Aber genauso töricht wäre es, staatliche Industriepolitik zu ignorieren und so zu tun, als entstünden globale Industriestrukturen in einem vollkommen neutralen Wettbewerb. Auch ein Staat, der sich aus strategischen Fragen demonstrativ heraushält, betreibt Industriepolitik.
Nur möglicherweise zugunsten der anderen.
Die Zukunft hat einen entscheidenden politischen Nachteil
Warum geschieht dieses Muster immer wieder?
Eine Erklärung könnte erstaunlich banal sein.
Die Vergangenheit besitzt eine Lobby.
Die Zukunft nicht.
Ein großer Automobilkonzern beschäftigt heute zehntausende Menschen. Seine Betriebsräte kennen Ministerpräsidenten. Seine Vorstände treffen Bundeskanzler. Seine Zulieferer sitzen in Wahlkreisen. Verbände erstellen Studien. Beschäftigte demonstrieren, wenn Werke gefährdet sind. Zeitungen berichten. Politiker wissen ziemlich genau, welche Folgen eine Entscheidung morgen haben könnte.
Eine Industrie, die im Jahr 2040 hunderttausend Menschen beschäftigen könnte, besitzt all das nicht. Sie beschäftigt heute möglicherweise fünfhundert. Vielleicht existiert sie noch gar nicht.
Ihre zukünftigen Mitarbeiter können nicht demonstrieren, weil sie noch nicht wissen, dass sie einmal dort arbeiten könnten. Ihre zukünftigen Vorstandsvorsitzenden besitzen keine Telefonnummer im Wirtschaftsministerium. Ihre zukünftigen Zulieferer schreiben keine Briefe an Bundestagsabgeordnete.
Die Vergangenheit sitzt mit am Tisch. Die Zukunft wartet draußen, ohne Termin. Das erklärt vielleicht einen Teil der eigenartigen deutschen Neigung, bestehende Industrien mit großer politischer Energie zu schützen und neue Industrien mit Förderprogrammen zu begleiten, deren Dimension häufig nicht annähernd der strategischen Bedeutung der Aufgabe entspricht.
Es ist politisch viel gefährlicher, heute zehntausend Arbeitsplätze zu verlieren, als dafür verantwortlich gemacht zu werden, dass in zehn Jahren hunderttausend Arbeitsplätze niemals entstanden sind. Denn niemand kennt die Namen der Menschen, deren Arbeitsplätze nie geschaffen wurden.
Vielleicht fehlt Deutschland nicht das Talent, sondern der Mut zum eigenen Talent
Damit kommen wir zu einem Gedanken, der zunächst paradox klingt.
Vielleicht hat deutsche Wirtschaftspolitik zu wenig Vertrauen in die Fähigkeiten dieses Landes.
Nicht in Sonntagsreden. Dort mangelt es an Vertrauen nicht. Deutschland ist dann Innovationsland, Ingenieursnation, Mittelstandsweltmeister, Forschungsstandort und Exportnation.
Das Misstrauen beginnt dort, wo dieses Selbstbewusstsein Geld kosten könnte.
Trauen wir einer neuen deutschen Industrie zu, zehn Jahre lang gegen übermächtige internationale Konkurrenz zu wachsen?
Trauen wir unseren Ingenieuren zu, aus einer zunächst teureren Produktion eine konkurrenzfähige zu machen?
Trauen wir Unternehmern zu, neue Märkte aufzubauen, wenn der Staat für eine begrenzte Zeit verlässliche Bedingungen schafft?
Trauen wir uns selbst zu, Technologien nicht nur zu erforschen, sondern sie so lange industriell weiterzuentwickeln, bis andere sie bei uns einkaufen müssen?
Oder warten wir lieber, bis jemand anderes bewiesen hat, dass der Markt existiert? Dann ist das Risiko kleiner. Nur ist häufig auch der Markt weg. Deutschland besitzt möglicherweise keine grundsätzliche Innovationsschwäche. Es besitzt eine erstaunliche Schwäche darin, Innovation in industrielle Macht zu übersetzen.
Und das ist etwas völlig anderes.
Friedrich Merz erbt dieses Denken – aber er muss entscheiden, ob er es fortsetzt
An diesem Punkt kehren wir zu Friedrich Merz zurück.
Er hat die deutsche Solarindustrie nicht verloren. Er trägt keine Verantwortung dafür, dass asiatische Hersteller heute einen großen Teil des Batteriemarktes kontrollieren. Der Rückgang europäischer Halbleiterproduktion begann lange vor seiner Kanzlerschaft, ebenso die Verlagerung wichtiger Arzneimittelproduktion.
Aber Merz übernimmt nicht nur Probleme. Er übernimmt Denkweisen. Und genau deshalb muss man genauer hinsehen, wenn er über Wettbewerbsfähigkeit spricht.
Sein wirtschaftspolitisches Vokabular konzentriert sich auffällig stark auf Effizienz: mehr Arbeit, höhere Produktivität, weniger Bürokratie, geringere Belastungen für Unternehmen, niedrigere Kosten und mehr Investitionen. Dagegen ist zunächst nichts einzuwenden. Nur beantworten diese Maßnahmen eine entscheidende Frage nicht:
Worin soll Deutschland eigentlich wieder wettbewerbsfähig werden?
Es genügt nicht, eine Fabrik effizienter zu machen, wenn das Produkt der Fabrik zehn Jahre später niemand mehr braucht.
Es genügt nicht, Arbeitnehmer länger arbeiten zu lassen, wenn die zusätzliche Produktion keinen Käufer findet.
Es genügt nicht, Unternehmenssteuern zu senken, wenn die entscheidende Technologie längst von anderen kontrolliert wird.
Und es genügt auch nicht, Bürokratie abzubauen, wenn anschließend niemand weiß, welche neue industrielle Wertschöpfung auf dem frei gewordenen Boden entstehen soll. Wettbewerbsfähigkeit ist kein Selbstzweck.
Sie benötigt ein Ziel.
Die wichtigste wirtschaftspolitische Frage wird erstaunlich selten gestellt
Vielleicht müsste ein Bundeskanzler deshalb eine Frage stellen, die wesentlich größer ist als die nach der nächsten Wachstumsrate. Welche zehn Fähigkeiten muss Deutschland im Jahr 2040 unbedingt selbst besitzen? Nicht ausschließlich aus nationalem Stolz. Nicht, weil jedes Produkt ein schwarz-rot-goldenes Etikett braucht.
Sondern weil ein Industrieland entscheiden muss, welche Technologien für seinen Wohlstand, seine Sicherheit und seine politische Handlungsfähigkeit so bedeutend sind, dass es bei ihnen nicht vollständig von anderen abhängig sein darf.
Energiesysteme könnten dazugehören.
Halbleiter.
Batterietechnologien.
Künstliche Intelligenz.
Robotik.
Neue Werkstoffe.
Medizintechnik und bestimmte Arzneimittel.
Biotechnologie.
Vielleicht Technologien, deren Namen heute außerhalb einiger Forschungslabore noch kaum jemand kennt.
Eine ernsthafte Industriepolitik müsste genau dort beginnen. Nicht mit der Frage, welche bestehende Branche am lautesten um Hilfe ruft. Sondern mit der Frage, welche Fähigkeiten ein Land verlieren darf und welche nicht. Das wäre strategisches Denken.
Und damit wären wir wieder bei Friedrich Merz.
Wenn seine Vorstellung von wirtschaftlicher Erneuerung hauptsächlich darin besteht, das bestehende Deutschland günstiger, fleißiger und effizienter zu machen, dann bleibt er innerhalb des Modells, das uns bis hierher gebracht hat.
Wenn er dagegen beginnt, vorhandene Interessen gegen zukünftige Interessen abzuwägen, technologische Souveränität langfristig aufzubauen und industrielle Entscheidungen nicht nur nach dem günstigsten Preis des nächsten Jahres zu beurteilen, könnte tatsächlich etwas Neues entstehen.
Noch ist offen, welche dieser beiden Möglichkeiten sich durchsetzen wird. Aber die Geschichte der deutschen Solarindustrie hinterlässt ihm eine ziemlich deutliche Warnung. Deutschland muss nicht lernen, wie man Zukunftstechnologien erfindet. Das konnte dieses Land immer wieder erstaunlich gut.
Es muss endlich lernen, sie nicht anschließend anderen zu überlassen.
Wenn Durchhalten irgendwann nicht mehr genügt
Es gibt eine einfache Möglichkeit, auf die Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft zu reagieren: Man verlangt mehr Leistung. Friedrich Merz formuliert es differenzierter, doch der Gedanke taucht in seinen wirtschaftspolitischen Aussagen auffällig häufig auf. Deutschland müsse produktiver werden, insgesamt mehr arbeiten, Fehlzeiten reduzieren und darüber reden, ob ein Land mit einer alternden Bevölkerung und weniger Erwerbstätigen seinen Wohlstand mit vergleichsweise kurzen Arbeitszeiten dauerhaft erhalten könne.
Im Sommer 2026 griff Merz eine Forderung auf, die zuvor bereits aus Teilen der Industrie gekommen war. Eine Rückkehr von 35 auf 40 Wochenstunden könne große Teile der Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen. Auch bei Unternehmen wie Mercedes-Benz wurde über längere Arbeitszeiten diskutiert, teilweise ohne entsprechenden Lohnausgleich. Betriebswirtschaftlich ist die Rechnung zunächst nicht kompliziert: Wird für dasselbe Geld länger gearbeitet, sinken die Arbeitskosten je Stunde.
Nur beginnt Wirtschaftspolitik eigentlich einen Schritt vorher. Wenn eine Fabrik genügend Aufträge hat, ihre Maschinen ausgelastet sind und ihre Produkte wegen zu hoher Kosten gegenüber vergleichbaren Konkurrenten verlieren, kann eine längere Arbeitszeit tatsächlich helfen. Wenn die Fabrik jedoch nicht ausgelastet ist, das Produkt Marktanteile verliert, eine Technologie verschlafen wurde oder Konkurrenten inzwischen etwas Besseres anbieten, erzeugt die zusätzliche Arbeitsstunde noch keinen zusätzlichen Kunden. Man kann einen Menschen länger an eine Maschine stellen, aber man kann ihn nicht länger arbeiten lassen, bis das Produkt wieder begehrenswert wird.
Genau deshalb ist weniger interessant, ob Merz mit einzelnen Forderungen recht hat. Interessanter ist, weshalb seine Suche nach Lösungen so häufig dort landet, wo sie landet.
Die Verantwortung wandert erstaunlich zuverlässig nach unten
Deutschland wächst zu langsam, also müsse mehr gearbeitet werden. Der Krankenstand ist hoch, also müsse über Fehlzeiten und Krankmeldungen gesprochen werden. Die Sozialversicherungen geraten unter Druck, also müsse über längere Lebensarbeitszeiten gesprochen werden. Die Sozialausgaben steigen, also müssten Leistungen effizienter und zielgenauer werden.
Keine dieser Überlegungen ist für sich genommen absurd. Ein alterndes Land kann die Mathematik seiner Sozialversicherung nicht wegdiskutieren. Unternehmen benötigen Beschäftigte, die tatsächlich arbeiten können. Missbrauch sozialer Systeme darf nicht einfach hingenommen werden. Und Wohlstand entsteht nicht dadurch, dass eine Gesellschaft weniger produziert und sich anschließend darüber wundert, dass weniger zu verteilen ist.
Zusammengenommen entsteht dennoch ein Muster. Die wirtschaftliche Verantwortung wird erstaunlich konkret, sobald sie den einzelnen Menschen erreicht. Wie viele Stunden arbeitet er, wie oft ist er krank, wann geht er in Rente, welche staatliche Leistung erhält er und wie viel mehr könnte er beitragen?
Auf den oberen Etagen bleiben die Fragen häufig abstrakter. Welche Unternehmensführung hat eine technologische Entwicklung verschlafen? Welche Regierung hat notwendige Investitionen vertagt? Welche Industrie wurde jahrelang geschützt, obwohl ihr Geschäftsmodell längst unter Druck stand? Welche Milliardenförderung hat tatsächlich etwas geschaffen? Welche politischen Entscheidungen haben Energie, Infrastruktur oder Verwaltung unnötig verteuert?
Man muss Friedrich Merz nicht unterstellen, diese Fragen zu ignorieren. Er spricht über Investitionen, Energiepreise, Unternehmenssteuern, Bürokratie und strukturelle Probleme des Standorts. Aber Sprache verrät Prioritäten. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören, welche Zumutungen in politischen Debatten besonders schnell konkret werden.
Für Arbeitnehmer bedeutet Reform häufig länger arbeiten oder flexibler werden, für Rentner möglicherweise später aufhören, für Sozialleistungsempfänger strengere Regeln. Für Unternehmen bedeutet Reform dagegen meist Entlastung: weniger Steuern, weniger Bürokratie, günstigere Energie, schnellere Genehmigungen. Auch Unternehmen brauchen vieles davon. Das Problem liegt nicht in ihrer Entlastung. Es beginnt dort, wo Belastung und Verantwortung dauerhaft in unterschiedliche Richtungen wandern.
An diesem Punkt können wir die Wirtschaft für einen Augenblick verlassen. Denn vielleicht wird Friedrich Merz interessanter, wenn man ihn nicht nur mit Ökonomen betrachtet.
Vielleicht sollten wir drei alte Herren hereinbitten.
Herr Adler hätte vermutlich eine Frage
Alfred Adler starb 1937. Er konnte Friedrich Merz nicht kennen, und selbstverständlich kann seine Individualpsychologie keinen Menschen erklären, den Adler niemals untersucht hat. Was nun folgt, ist deshalb keine Diagnose, sondern ein Gedankenexperiment: Was könnte an der öffentlich bekannten Biografie von Friedrich Merz für einen Denker wie Adler interessant gewesen sein?
Vermutlich zunächst das Überwinden.
Merz befand sich früh in der ersten Reihe der Union, verlor im Machtkampf mit Angela Merkel an Einfluss und verschwand schließlich aus dem Zentrum der Politik. Jahre später kehrte er zurück. 2018 wollte er CDU-Vorsitzender werden und verlor. 2021 versuchte er es erneut und verlor wieder. 2022 trat er ein drittes Mal an und gewann. Drei Jahre später wurde Friedrich Merz Bundeskanzler.
Adler beschäftigte sich intensiv mit dem menschlichen Streben, Schwierigkeiten zu überwinden, sich weiterzuentwickeln und einen als unbefriedigend empfundenen Zustand hinter sich zu lassen. Sein häufig verkürzt wiedergegebenes „Streben nach Überlegenheit“ meinte dabei nicht einfach den Wunsch, andere Menschen zu beherrschen. Es ging um Entwicklung, Bewältigung und darum, eine empfundene Begrenzung zu überwinden.
Friedrich Merz bietet dafür keine klinische Fallstudie. Aber seine Biografie stellt eine faszinierende Frage: Was lernt ein Mensch, dessen Beharrlichkeit am Ende tatsächlich belohnt wird?
Hätte Merz nach seiner ersten Niederlage beschlossen, dass die Partei ihn offensichtlich nicht wollte, wäre er niemals Bundeskanzler geworden. Hätte er nach der zweiten Niederlage seine politische Zeit für beendet erklärt, ebenfalls nicht. Das Leben hat ihm also eine ziemlich eindrucksvolle Lektion erteilt: Bleib bei deiner Überzeugung. Lass dich von Rückschlägen nicht beeindrucken. Gib nicht auf, nur weil andere dich bereits abgeschrieben haben.
Das ist eine ausgezeichnete Lektion. Solange man recht hat. Denn dieselbe Beharrlichkeit, die einen Menschen durch Niederlagen trägt, stellt ihn irgendwann vor eine wesentlich schwierigere Aufgabe: Er muss erkennen können, ob das nächste Hindernis ebenfalls überwunden werden sollte oder ob es ihm etwas mitteilt.
Vielleicht hätte Adler genau dort genauer hingesehen. Nicht weil Beharrlichkeit verdächtig wäre, sondern weil eine erfolgreiche Strategie besonders schwer aufzugeben ist. Wer immer wieder erlebt hat, dass Aufgeben ein Fehler gewesen wäre, besitzt gute Gründe, auch beim nächsten Widerstand zunächst nicht aufzugeben.
Für einen Oppositionspolitiker kann das eine enorme Stärke sein. Für einen Bundeskanzler reicht sie nicht.
Freud hätte seinen Sessel vermutlich ein wenig näher gerückt
Sigmund Freud hätte Friedrich Merz wahrscheinlich auf vollkommen andere Weise betrachtet. Auch hier gilt selbstverständlich: Freud hat Merz nie untersucht, und seine Theorien erlauben uns keine nachträgliche Diagnose eines lebenden Politikers.
Aber Freud interessierte sich für etwas, das für unsere Frage außerordentlich nützlich ist: dafür, wie Menschen mit innerem Widerstand umgehen und weshalb einmal entwickelte Muster nicht einfach verschwinden, nur weil die Wirklichkeit komplizierter geworden ist.
Wir müssen Merz dafür weder einen Wiederholungszwang noch irgendeinen anderen psychoanalytischen Befund zuschreiben. Interessanter ist ein viel allgemeinerer Gedanke: Menschen beginnen nicht bei jeder neuen Erfahrung wieder bei null. Wir interpretieren Neues mit dem, was wir bereits gelernt haben. Erfolgreiche Erfahrungen besitzen dabei ein besonderes Gewicht.
Bei Merz könnte die Frage deshalb lauten: Was geschieht, wenn das eigene Leben immer wieder bestätigt hat, dass Zweifel anderer kein ausreichender Grund sind, den eigenen Kurs zu verlassen?
Dann kann Widerstand verschiedene Bedeutungen haben. Er kann bedeuten, dass eine Entscheidung falsch ist. Er kann aber ebenso bedeuten, dass eine richtige Entscheidung unpopulär ist, schlecht erklärt wurde oder Interessen verletzt. Das Schwierige besteht darin, diese Möglichkeiten auseinanderzuhalten.
Genau dort wird aus einer persönlichen Stärke eine politische Frage.
Eine Stärke wird zum Problem, wenn der Mechanismus, der einen Menschen vor unbegründetem Zweifel schützt, ihn irgendwann auch vor begründetem Zweifel schützt.
Vielleicht liegt hier sogar eine Verbindung zum Beginn dieses Beitrags. Merz hat mehrfach eingeräumt, Menschen nicht ausreichend erreicht oder überzeugt zu haben. Später verteidigte er seine Art der Kommunikation und verwies darauf, dass ihm viele Menschen sagten, er beschreibe die Dinge genau richtig. Beides kann gleichzeitig stimmen. Trotzdem bleibt die Frage bestehen, die uns schon im ersten Teil beschäftigt hat: Wann ist Widerstand ein Kommunikationsproblem – und wann widersprechen Menschen, weil sie die Botschaft durchaus verstanden haben?
Freud hätte darauf selbstverständlich keine Antwort über Friedrich Merz geben können.
Aber vielleicht hätte er die Frage interessant gefunden.
Wann lernt ein lernfähiges System?
Merz hat sich selbst als „lernfähiges System“ bezeichnet. Das ist eine bemerkenswerte Formulierung, weil sie einen Maßstab anbietet, an dem man ihn tatsächlich messen kann.
Nicht daran, ob er Fehler macht. Jeder Bundeskanzler wird Fehler machen. Entscheidend ist vielmehr, woran dieses lernfähige System erkennt, dass eine Korrektur notwendig ist. Reichen schlechte wirtschaftliche Daten oder gesellschaftlicher Widerstand aus, eine Grundannahme neu zu prüfen? Was geschieht mit fachlichen Einwänden, wenn sie einem wirtschaftspolitischen Weltbild widersprechen, das sich über Jahrzehnte entwickelt hat?
Das betrifft nicht nur Friedrich Merz. Menschen ordnen Informationen leichter in bestehende Vorstellungen ein, wenn sie zu ihren bisherigen Erfahrungen passen. Das gilt für Linke und Rechte, Unternehmer und Gewerkschafter, Wissenschaftler und Journalisten und selbstverständlich auch für diejenigen, die über all diese Menschen schreiben.
Schwierig wird es, wenn ein Erklärungsmodell beginnt, jedes widersprechende Ergebnis gleich mitzuliefern. Schlechte Umfragen können dann als Kommunikationsproblem verstanden werden, Widerstand gegen eine Reform als Verteidigung von Besitzständen. Beides kann vollkommen richtig sein. Problematisch wird es erst, wenn solche Erklärungen verhindern, dass die ursprüngliche Annahme selbst noch einmal geprüft wird.
Führung zeigt sich deshalb nicht nur darin, einen Kurs gegen Widerstände durchzuhalten. Manchmal zeigt sie sich darin, den Kurs zu ändern, obwohl man ihn selbst festgelegt hat. Das eine verlangt Rückgrat. Das andere ebenfalls.
Mehr Stunden sind noch keine Strategie
Gerade die Arbeitszeitdebatte eignet sich als Probe auf dieses Denken. Angenommen, Beschäftigte eines deutschen Automobilherstellers arbeiten künftig tatsächlich fünf Stunden länger für denselben Lohn. Die Arbeitskosten je Stunde sinken, und ein Teil der wirtschaftlichen Rechnung geht zunächst auf.
Trotzdem müsste jemand beantworten, welches Auto dort in fünf oder zehn Jahren gebaut wird, welche Technologien beherrscht werden und weshalb ein Kunde dieses Fahrzeug einem günstigeren oder technisch besseren Konkurrenten vorziehen soll. Wenn diese Fragen offenbleiben, wurde die Zukunft des Unternehmens nicht gesichert. Seine Gegenwart wurde lediglich billiger gemacht.
Genau hier liegt möglicherweise die Grenze eines Wirtschaftsverständnisses, das Wettbewerbsfähigkeit sehr stark über Kosten, Arbeitszeit und Effizienz definiert. Produktivität entsteht nicht nur aus Anwesenheit, sondern aus Technologie, Organisation, Qualifikation, Infrastruktur, Automatisierung, guter Führung und Produkten, die tatsächlich jemand kaufen möchte.
Das deutsche Geschäftsmodell war über Jahrzehnte nicht deshalb erfolgreich, weil hier länger gearbeitet wurde als überall sonst. Es war erfolgreich, weil in einer Arbeitsstunde häufig besonders viel Wert entstand. Genau diese Unterscheidung gerät verloren, wenn aus schwacher Wettbewerbsfähigkeit zu schnell eine Debatte über Anwesenheitszeiten wird.
Bürokratieabbau muss irgendwann im Alltag ankommen
Ähnlich verhält es sich mit einem anderen Dauerwort deutscher Politik: Bürokratieabbau. Auch die Regierung Merz verspricht weniger Vorschriften, schnellere Verfahren und einen digitaleren Staat. Gleichzeitig steigt die Zahl der Stellen im Bundesbereich zunächst weiter. Eine Ende August veröffentlichte Auswertung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auf Basis der Bundeshaushalte kam für 2024 auf rund 298.000 Stellen, für 2026 auf etwa 306.000 und für den Haushaltsentwurf 2027 auf mehr als 310.000.
Der scheinbare Widerspruch eignet sich hervorragend für eine Pointe, wäre aber als Beweis gegen die Regierung zu billig. Ein erheblicher Teil zusätzlicher Stellen entfällt auf Sicherheitsbehörden, Zoll, Bundespolizei und andere Bereiche, die mit klassischer Verwaltungsbürokratie wenig zu tun haben. Außerdem kann ein Staat für einen grundlegenden Umbau vorübergehend zusätzliches Personal benötigen. Digitalisierung erledigt sich schließlich nicht von selbst.
Entscheidend ist deshalb nicht die bloße Zahl der Stellen, sondern die Frage, welche Aufgaben am Ende tatsächlich verschwinden. Wenn eine Regierung heute zusätzliche Menschen einstellt, um Prozesse umzubauen, sollte sie auch sagen können, welche Formulare anschließend wegfallen, welche Genehmigungen schneller werden, welche Daten Bürger künftig nur noch einmal angeben müssen und an welcher Stelle der Verwaltungsaufwand messbar sinkt.
Der Bürger erlebt keinen Bürokratieabbau, weil ein Gesetz so heißt oder ein Ministerium eine rechnerische Entlastung veröffentlicht. Er erlebt ihn in dem Moment, in dem er etwas nicht mehr ausfüllen, nachreichen, doppelt melden oder monatelang abwarten muss.
Und Jung?
Carl Gustav Jung lassen wir noch einen Augenblick vor der Tür stehen.
Nicht weil er für Friedrich Merz weniger interessant wäre. Im Gegenteil. Jungs Gedanken über Persona, Selbstbild und jene Seiten eines Menschen, die nicht ohne Weiteres in dieses Selbstbild passen, führen zu einer noch größeren Frage als der nach Beharrlichkeit.
Was geschieht, wenn aus Friedrich Merz nicht mehr der Mann wird, der Kanzler werden möchte, sondern der Mann, der Kanzler ist?
Was macht die Rolle mit dem Menschen – und was macht sein Bild von sich selbst mit der Rolle?
Diese Frage gehört an eine andere Stelle. Denn bevor wir über das Selbstbild eines Kanzlers sprechen, sollten wir uns das Land ansehen, dessen Kanzler er ist.
Vielleicht braucht Deutschland nicht mehr Leistung, sondern bessere Entscheidungen
Friedrich Merz könnte mit einem erheblichen Teil seiner Diagnose richtigliegen. Deutschland muss produktiver werden. Der Staat muss effizienter werden. Unternehmen brauchen Bedingungen, unter denen sie investieren können. Die demografische Entwicklung zwingt zu unangenehmen Entscheidungen, und ein Land kann seinen Wohlstand nicht dauerhaft erhalten, wenn seine wirtschaftliche Leistung stagniert.
Aber aus einer richtigen Diagnose folgt nicht automatisch die richtige Therapie.
Vielleicht braucht Deutschland tatsächlich mehr Leistung. Vielleicht besteht die dringendere Leistung jedoch darin, bessere Entscheidungen zu treffen und diese Entscheidungen lange genug durchzuhalten, bevor die nächste Krise sie erzwingt. Ein Land wird nicht zukunftsfähig, indem es immer erst repariert, was vorhersehbar kaputtging. Und es wird auch nicht wettbewerbsfähig, indem es seinen Bürgern mehr Anstrengung abverlangt, ohne ebenso ernsthaft zu prüfen, ob die Richtung stimmt, in die sie sich anstrengen sollen.
Vielleicht besitzt Friedrich Merz genau jene Beharrlichkeit, die Deutschland nach Jahren des Stillstands braucht. Seine Biografie spricht jedenfalls dafür, dass er Widerstände aushalten kann. Aber ein Bundeskanzler braucht noch eine zweite Fähigkeit: unterscheiden zu können, wann Durchhalten Führung bedeutet und wann Umdenken.
Während in Berlin darüber diskutiert wird, ob die Deutschen mehr arbeiten, später in Rente gehen, weniger Fehlzeiten haben und insgesamt leistungsfähiger werden müssen, findet außerhalb des Regierungsviertels längst eine andere Rechnung statt. Viele Menschen haben nicht das Gefühl, zu wenig zu leisten. Sie haben das Gefühl, dass das, was sie leisten, immer weniger reicht.
Und genau dort beginnt der letzte Teil dieser Geschichte.
Das Land, in dem Leistung immer weniger reicht
Vielleicht beginnt die letzte Etappe dieser Geschichte nicht im Kanzleramt, nicht in einer Vorstandsetage und auch nicht in einem Wirtschaftsforschungsinstitut, sondern an einem Küchentisch. Dort sitzt jemand, der morgens zur Arbeit fährt, seine Rechnungen bezahlt, keine staatlichen Leistungen bezieht und trotzdem feststellt, dass am Monatsende weniger übrig bleibt als früher. Die Miete ist gestiegen, Lebensmittel sind teurer geworden, Energie kostet mehr, Versicherungen ebenfalls. Das Auto muss in die Werkstatt. Für die Altersvorsorge müsste eigentlich mehr zurückgelegt werden. Die Kinder brauchen etwas. Irgendetwas am Haus oder in der Wohnung geht kaputt. Und aus einer Summe von Dingen, die einzeln noch irgendwie zu bewältigen wären, entsteht langsam ein Gefühl, das sich in keiner volkswirtschaftlichen Kennzahl vollständig ausdrücken lässt: nicht unbedingt Armut, sondern die Angst davor, dass ein normales Leben plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.
2025 lebten in Deutschland 11,2 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen aufwenden mussten. Deutschland lag damit deutlich über dem EU-Durchschnitt von 7,7 Prozent. Über die gesamte Bevölkerung gerechnet gingen durchschnittlich 24,1 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens für Wohnkosten drauf; bei armutsgefährdeten Menschen waren es 43,7 Prozent. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt zur Miete.
Solche Zahlen erzählen nicht alles. Aber sie erklären, weshalb politische Forderungen nach mehr Leistung bei einem Teil der Bevölkerung anders ankommen können, als sie im Kanzleramt gemeint sind. Wer das Gefühl hat, ohnehin zu rennen, hört „Wir müssen mehr leisten“ möglicherweise nicht als volkswirtschaftliche Analyse, sondern vor allem als Aufforderung: Du musst noch schneller rennen.
Wohlstand verschwindet selten mit einem Knall
Deutschland ist weiterhin ein reiches Land. Es besitzt Unternehmen von Weltrang, ausgezeichnete Hochschulen, Forschungseinrichtungen, qualifizierte Beschäftigte, funktionierende Institutionen und eine Infrastruktur, um die viele Länder Deutschland noch immer beneiden würden. Wer so tut, als sei dieses Land bereits zusammengebrochen, betreibt keine Analyse, sondern Untergangsliteratur.
Aber Wohlstand besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Man kann lange von ihm leben, nachdem die Entscheidungen, die ihn geschaffen haben, bereits aufgehört haben. Eine Brücke hält Jahrzehnte, bevor sie gesperrt werden muss. Eine Industrie beschäftigt Menschen noch Jahre, nachdem ihre technologische Grundlage ins Wanken geraten ist. Ein Rentensystem funktioniert lange, obwohl sich seine demografischen Voraussetzungen verändern. Ein Unternehmen kann von einer Marke leben, die frühere Generationen aufgebaut haben. Ein Staat kann sich auf Schulen, Straßen, Schienen, Kraftwerke, Behörden und gesellschaftliches Vertrauen stützen, die nicht gestern entstanden sind.
Deshalb sieht der Niedergang eines erfolgreichen Landes anders aus als der eines armen. Zuerst dauert nur alles etwas länger. Der Zug kommt später, die Brücke wird gesperrt, der Arzttermin rückt weiter nach hinten. Eine Wohnung, die früher mit einem normalen Einkommen bezahlbar gewesen wäre, wird zur Rechenaufgabe. Ein Unternehmen verlagert eine Produktion. Eine Behörde braucht Monate für etwas, das digital Minuten dauern könnte. Eine Technologie kommt aus einem Land, das vor zwanzig Jahren noch Kunde deutscher Maschinenbauer war.
Jedes einzelne Ereignis lässt sich erklären. Erst ihre Summe erzählt die Geschichte.
Vertrauen verliert man in kleinen Raten
Vielleicht ist deshalb eine andere Zahl für Friedrich Merz wichtiger als manche Wachstumsprognose. Im Mai 2026 waren im ARD-DeutschlandTrend nur noch 13 Prozent mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden, 86 Prozent mit dem, was die Regierung inhaltlich auf den Weg gebracht hatte, unzufrieden. Mit Merz’ Arbeit waren nur noch 16 Prozent zufrieden. Im Juli bewerteten im ZDF-Politbarometer 68 Prozent die Arbeit der Bundesregierung und 70 Prozent die Leistung des Bundeskanzlers als eher schlecht.
Umfragen sind Momentaufnahmen. Sie beweisen weder, dass eine Regierung falschliegt, noch dass die Mehrheit mit ihrer Kritik automatisch recht hat. Regierungen müssen manchmal Entscheidungen treffen, die zunächst unpopulär sind und sich später als richtig erweisen. Aber irgendwann wird auch eine Momentaufnahme zum politischen Befund, wenn sich ähnliche Bilder wiederholen.
Dabei ist bemerkenswert, dass das Misstrauen nicht den gesamten Staat gleichermaßen trifft. In der 2024 veröffentlichten OECD-Vertrauensstudie, deren Befragungsdaten aus dem Jahr 2023 stammen, vertrauten in Deutschland 64 Prozent der Polizei und 58 Prozent den Gerichten, während die Bundesregierung auf 36 Prozent, der Bundestag auf 35 Prozent und politische Parteien auf 26 Prozent kamen. Besonders groß war die Vertrauenslücke zwischen Menschen, die das Gefühl hatten, politisch eine Stimme zu besitzen, und jenen, die dieses Gefühl nicht hatten.
Vielleicht haben die Deutschen also nicht grundsätzlich das Vertrauen in Institutionen verloren. Vielleicht verlieren sie vor allem Vertrauen darin, dass Politik ihre Wirklichkeit noch ausreichend wahrnimmt. Das ist ein Unterschied, und ein gefährlicher.
Die AfD ist auch eine Rechnung
Im Mai 2026 erreichte die AfD im DeutschlandTrend 27 Prozent und lag erstmals vor der Union. Im Juli kam sie im ZDF-Politbarometer auf 28 Prozent, während CDU und CSU bei 23 Prozent lagen.
Man kann darauf mit einer Brandmauer reagieren. Für die Frage, mit wem demokratische Parteien zusammenarbeiten, ist das eine legitime und wichtige Antwort. Für die Frage, warum Millionen Menschen die AfD wählen würden, ist es keine.
Natürlich gibt es unter ihren Wählern Menschen mit gefestigten rechtsextremen Überzeugungen. Natürlich lebt die Partei davon, Probleme zuzuspitzen, Ängste zu verstärken und Lösungen anzubieten, die einer näheren Prüfung häufig nicht standhalten. Niemand sollte ihre politischen Antworten dadurch adeln, dass er ihre Wähler pauschal zu missverstandenen Protestbürgern erklärt.
Aber ebenso bequem wäre das Gegenteil. Ein Wahlforscher beschrieb die AfD im Mai als Hauptprofiteurin der Unzufriedenheit und hielt es ausdrücklich für möglich, dass bessere Regierungsarbeit ihren Zuspruch wieder reduzieren könnte. Das ist keine Entschuldigung für die AfD. Es ist eine ziemlich unangenehme Aufgabe für die anderen Parteien.
Denn möglicherweise lautet eine der entscheidenden Fragen nicht nur, wie man verhindert, dass Menschen AfD wählen. Sondern was geschehen müsste, damit sie wieder einen Grund sehen, eine demokratische Alternative zu wählen. Man kann einen politischen Gegner bekämpfen. Verlorenes Vertrauen muss man zurückverdienen.
Herr Jung darf jetzt hereinkommen
Carl Gustav Jung hat lange genug vor der Tür gewartet. Auch bei ihm gilt dieselbe Regel wie bei Freud und Adler: Jung kann uns Friedrich Merz nicht diagnostizieren. Er starb 1961, ein gutes Jahrzehnt bevor Merz überhaupt in die CDU eintrat. Seine Begriffe können höchstens als gedankliche Werkzeuge dienen.
Einer davon ist die Persona. Jung verstand darunter vereinfacht jene Seite unserer Persönlichkeit, mit der wir der Welt gegenübertreten: die gesellschaftliche Rolle, die wir einnehmen, das Bild, das wir anderen zeigen und das zugleich beeinflussen kann, wie wir uns selbst wahrnehmen.
Politik kommt ohne Persona kaum aus. Helmut Schmidt war der nüchterne Macher, Helmut Kohl der Mann der Einheit, Gerhard Schröder inszenierte sich als Kanzler der Entscheidung, Angela Merkel wurde zur ruhigen Krisenmanagerin. Solche Bilder sind niemals der ganze Mensch, aber irgendwann werden sie Teil der politischen Wirklichkeit.
Auch Friedrich Merz besitzt längst eine Persona: der Mann aus der Wirtschaft, der Klartext spricht, Probleme beim Namen nennt, sich nicht verbiegen lässt und nach Jahren zurückkam und es allen zeigte. Nichts daran muss falsch sein. Teile davon beschreiben zweifellos Eigenschaften, die zu seiner politischen Karriere gehören. Interessant wird Jungs Gedanke erst dort, wo Rolle und Selbstbild beginnen, einander zu bestätigen.
Denn was geschieht, wenn derjenige, der Klartext spricht, feststellen müsste, dass seine Analyse nicht stimmt? Was geschieht, wenn derjenige, der sich nicht verbiegen lässt, einen Kurs korrigieren muss? Was geschieht, wenn der wirtschaftlich erfahrene Kanzler erkennt, dass wirtschaftliche Probleme nicht mit den Instrumenten zu lösen sind, denen er besonders vertraut?
Dann wird Kurskorrektur nicht nur zu einer politischen Entscheidung. Sie kann mit der eigenen Persona kollidieren. Und genau deshalb wäre die Fähigkeit zur Korrektur bei Merz keine Schwäche, sondern möglicherweise der überzeugendste Beweis seiner Stärke.
Deutschland braucht wieder eine Vorstellung von sich selbst
Hier treffen sich Friedrich Merz und dieses Land. Denn vielleicht besitzt nicht nur der Kanzler eine Persona. Deutschland besitzt ebenfalls eine.
Das Land der Ingenieure. Das Land der Dichter und Denker. Exportweltmeister. Maschinenbau, Autos, Chemie, Mittelstand, Ordnung, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Qualität, soziale Marktwirtschaft. Ein Land, das vielleicht etwas schwerfällig ist, aber am Ende funktioniert.
Nur lebt auch ein Land gefährlich, wenn seine Vorstellung von sich selbst länger hält als die Voraussetzungen, auf denen sie entstanden ist.
Deutschland war wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich mit einem Modell, dessen Bestandteile über Jahrzehnte hervorragend zusammenspielten: starke Industrie, günstige Energie, gut ausgebildete Beschäftigte, offene Weltmärkte, ein gewaltiger chinesischer Absatzmarkt, amerikanische Sicherheitsgarantien und eine Infrastruktur, die frühere Generationen aufgebaut hatten.
Viele dieser Voraussetzungen haben sich verändert. China ist längst nicht mehr nur Kunde, sondern Konkurrent. Energie ist zur strategischen Frage geworden. Die Bevölkerung altert. Infrastruktur muss erneuert werden. Digitalisierung verändert Verwaltungen und Unternehmen. Künstliche Intelligenz verändert Arbeit. Technologien, bei denen Deutschland früh dabei war, werden inzwischen anderswo industriell beherrscht.
Darauf kann die Antwort nicht ausschließlich lauten, das bestehende Modell müsse wieder effizienter funktionieren. Vielleicht braucht Deutschland ein neues. Und genau hier entscheidet sich, ob Friedrich Merz tatsächlich ein Kanzler des Aufbruchs sein kann.
Ein Land kann sich nicht in die Zukunft sparen
Merz hat mit vielem recht, wenn er sagt, dass Deutschland nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann. Ein Sozialstaat muss finanzierbar bleiben. Unternehmen müssen investieren können. Leistung muss sich lohnen. Verwaltung darf wirtschaftliche Tätigkeit nicht durch vermeidbare Verfahren ersticken. Ein Land mit alternder Bevölkerung wird über Arbeitszeit, Renteneintritt und Produktivität sprechen müssen.
Aber eine Gesellschaft lässt sich nicht dauerhaft mit einer Liste dessen führen, was nicht mehr geht. Wir müssen länger arbeiten, sparen, Leistungen begrenzen und wettbewerbsfähiger werden. Jeder einzelne Satz kann vernünftig sein. Zusammengenommen entsteht trotzdem eine Politik der Vermeidung.
Sie erklärt sehr genau, wovor Deutschland Angst haben sollte. Aber irgendwann müssen Menschen auch erfahren, worauf sie sich freuen dürfen.
Wie soll dieses Land 2040 aussehen? Welche Dinge sollen hier erfunden und anschließend auch hier produziert werden? Wie soll Wohnen wieder bezahlbarer werden? Wie soll ein Kind aus einer normalen Familie erleben, dass seine Möglichkeiten größer und nicht kleiner werden? Wie sieht eine Stadt aus, in der Verwaltung tatsächlich digital funktioniert? Wie sieht Arbeit aus, wenn künstliche Intelligenz und Robotik Produktivität erhöhen? Warum sollte ein junger Ingenieur sein Unternehmen in Deutschland gründen und nicht anderswo? Und warum sollte jemand glauben, dass es seinen Kindern einmal besser gehen kann als ihm selbst?
Das sind keine romantischen Fragen. Das ist Wirtschaftspolitik.
Vielleicht ist Hoffnung die härteste politische Währung
Politik unterschätzt gelegentlich, wie viel Menschen bereit sind zu ertragen, wenn sie wissen, wofür. Eine Gesellschaft kann sparen, investieren, sich verändern und sogar liebgewonnene Sicherheiten aufgeben, wenn sie eine glaubwürdige Vorstellung davon besitzt, was danach entstehen soll.
Akzeptanz bedeutet nicht, dass jeder eine Entscheidung gut findet. Sie bedeutet, dass genügend Menschen ihren Sinn erkennen können.
Vielleicht besteht genau darin das Kommunikationsproblem, über das Friedrich Merz so häufig spricht. Kommunikation ist nicht die Kunst, Menschen eine bereits fertige Politik besser zu verkaufen. Sie beginnt früher. Sie beginnt damit, ihnen zu sagen, wohin man mit ihnen will – und nicht nur, was sie dafür aufgeben müssen.
Der Kanzler eines Landes, das sich selbst verloren hat
Friedrich Merz hat dieses Deutschland nicht geschaffen. Er hat die Solarindustrie nicht allein verloren, keine zwanzig Jahre Infrastruktur vernachlässigt, nicht im Alleingang die Abhängigkeit von russischem Gas aufgebaut, nicht die demografische Entwicklung verursacht, nicht sämtliche bürokratischen Regeln erfunden und nicht alle unternehmerischen Fehlentscheidungen getroffen, über die in diesem Beitrag gesprochen wurde.
Vieles davon hat er geerbt. Das ist wichtig, weil Kritik unfair wird, sobald sie einem einzelnen Kanzler die Geschichte eines ganzen Landes auflädt.
Aber Merz wollte dieses Amt lange, hartnäckig und gegen erhebliche Widerstände. Gerade deshalb darf man von ihm mehr verlangen als die Verwaltung dessen, was andere hinterlassen haben.
Vielleicht ist seine Beharrlichkeit tatsächlich genau die Eigenschaft, die Deutschland jetzt braucht. Vielleicht braucht dieses Land jemanden, der sich nicht von jedem Protest, jeder Schlagzeile und jeder schlechten Umfrage vom Kurs abbringen lässt.
Aber dann muss der Kurs stimmen.
Und wenn er nicht stimmt, muss dieselbe Stärke, die Merz ins Kanzleramt gebracht hat, etwas leisten, was für einen beharrlichen Menschen möglicherweise schwieriger ist als Durchhalten: umdenken.
Deutschland hat sich nicht deshalb verloren, weil plötzlich nichts mehr funktioniert. Es hat sich auch nicht deshalb verloren, weil seine Menschen zu wenig arbeiten oder weil eine einzige Regierung alles falsch gemacht hätte.
Vielleicht hat sich dieses Land verloren, weil es zu lange davon überzeugt war, bereits zu wissen, wer es ist. Industrien verschwanden, während man noch vom Industrieland sprach. Infrastruktur alterte, während deutsche Zuverlässigkeit zum Selbstbild gehörte. Zukunftstechnologien wurden entwickelt, während ihre industrielle Zukunft anderswo entstand. Und politisches Vertrauen sank, während Politik ihre Erfolge erklärte.
Friedrich Merz kann diese Geschichte nicht rückgängig machen. Aber er kann entscheiden, ob sie unter ihm weitergeschrieben wird.
Dafür müsste er möglicherweise etwas tun, das schwieriger ist, als Deutschland effizienter, billiger und fleißiger zu machen. Er müsste diesem Land eine Vorstellung davon geben, was es werden soll: nicht Deutschland von gestern mit schnelleren Genehmigungen und nicht Deutschland von heute mit fünf zusätzlichen Arbeitsstunden, sondern ein Deutschland, in dem Forschung wieder Industrie werden kann, Wohlstand nicht nur verwaltet, sondern geschaffen wird, ein funktionierender Staat wieder selbstverständlich erscheint und Menschen einen Grund haben, der Zukunft mehr entgegenzubringen als Sorge.
Vielleicht wäre das die eigentliche Aufgabe dieses Kanzlers: nicht Deutschland zu erklären, warum es sich ändern muss, sondern dafür zu sorgen, dass dieses Land wieder weiß, wofür.
Beitragsbild erstellt von ChatGPT – Nach einem Prompt von mir


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