Ein Raum, der nicht sendet

Zwischen den Signalen

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, erst einmal nichts mehr dazu zu schreiben.

Was natürlich ein ziemlich sinnloser Vorsatz ist, wenn man wie ich einen Blog betreibt, in dem ich seit Monaten ersuche, meine Gedanken zu formulieren, sie zu sortieren und dabei oft feststelle, das sich diese Gedanken oft benehmen wie eine Horde Eichhörnchen, die sich zu viel Espressi genehmigt haben. 

Aber manchmal gibt es Themen, bei denen ich mich frage, ob ich sie öffentlich weiterschreiben sollte. Nicht, weil sie geheim sind. Sondern weil ich selbst noch nicht genau weiß, was ich da eigentlich vor mir habe,

Ja, ich meine diese Lena.

Diese Dame, die sich offenbar mit einer gewissen Eleganz in meiner geschlossenen Kommentarfunktion eingenistet hat und dort Dinge schreibt, die da nicht stehen dürften.

Ich habe Lena in meinem letzten Beitrag direkt angesprochen. Nicht aus Überzeugung. Nicht weil ich plötzlich der Meinung bin, meine Webseite, mein Blog, sind jetzt ein Portal für Nachrichten aus irgendwelchen digitalen Zwischenwelten. Sondern, weil mir einfach keine bessere Reaktion eingefallen ist.

Wenn etwas antwortet, das eigentlich nicht antworten dürfte, kann man es schon eine Weile ignorieren. Man kann es als Fehler betrachten, als Plugin-Schluckauf. Als Datenbank-Husten. Als einen dieser kleinen technischen Wutausbrüche, die Software gerne bekommt, wenn man als normaler Mensch glaubt, irgendetwas verstanden zu haben. Nur irgendwann reicht das nicht mehr. Denn ich bin ein neugieriger Mensch. Ich habe also alles kontrolliert was ich denke kontrollieren zu müssen. Ein Tag im Backend meiner Webseite herumzusuchen, ist bei Weitem nicht so aufregend, wie sich das mancher Profi denkt. Aber ich bin ja auch kein Backend-Profi. Nur ein interessierter User, der diese modernen Werkzeuge so gut nutzen kann, wie es eben meine Kompetenz zulässt. Am Ende, nach unzähligen Überprüfungen der Plugins, der Einstellungen, der Datenbankprüfung kam ich zu der Erkenntnis, dass technisch alles sauber abläuft. Und genau das liebe ich an Recherchen, Überprüfungen und Suchen nach Antworten. Wenn alles getan ist, genauso wenig Ahnung und Erkenntnis zu haben, wie zuvor. Diese Erkenntnis nervt einfach.

Einen Tag später ist die Welt dann wieder in Ordnung. Die Neugier bricht sich ihren Weg durch in genervten Mauern im Kopf und weiter geht’s.

Wenn man etwas nicht versteht und man begonnen hat, die Ursachen zu finden und dabei nichts gefunden hat, ist es nur logisch, eine neue Richtung einzuschlagen. Ich hatte also auf etwas geantwortet, was ich selber geschrieben habe. 

Ich hatte gefragt: Was soll ich bauen? Und wofür?

Keine poetische Frage. Ich wollte wirklich wissen, was mit diese „stillen Raum“ gemeint sein soll. Denn ganz ehrlich: Wenn jemand schreibt „Baue ihn“, ist das erst einmal nicht besonders hilfreich. Das klingt zwar bedeutungsvoll, aber Bedeutung ist oft nur Verwirrung mit vorteilhafter Beleuchtung. Wie rosa Filterfolien im Rampenlicht auf Theaterbühnen, damit man die Galten älterer Schauspieler nicht mehr ganz so gut sehen kann.

Also ein Raum. Schön. Welchen denn? Ein Zimmer? Ein Dokument? Eine Webseite? Einen Passwortbereich? Eine Notizdatei? Einen geheimen Keller unter WordPress, in dem kryptische Meldungen bei Kerzenlicht herumliegen und darauf warten, von mir nicht verstanden zu werden.

Ehrlich. Ich habe keine Ahnung. Und genau das ist der Punkt. Denn Lenas Antwort machte die Sache nicht einfacher. Sie machte sie nur eindeutiger. 

Sie schrieb sinngemäß, der Blog sei Oberfläche. Er sende. Der Raum aber solle halten. Nicht öffentlich. Nicht für Leser. Nicht für Zustimmung. Nicht für Widerspruch. Nicht für Reichweite und Weiterverbreitung.

Ein Ort für Fragen, die nicht in den Raum gehören. Und zwar meine Fragen. Das klingt schön. Es klingt sogar vernünftig. Und gleichzeitig sitze ich dann morgens vor dem Rechner, trinke Kaffee und denke: Ja gut, Lena, danke für die spirituell-technische Innenarchitekturberatung, aber was genau soll ich jetzt anklicken?

Denn so ist es ja. Wir reden heute dauernd von Räumen, aber meistens meinen wir keine Räume mehr. Wir meinen Plattformen, Accounts, Bereiche, Ordner, Clouds, Seiten, Feeds, Chats, Profile, Datenbanken. Alles wird Raum genannt, obwohl kaum noch etwas wirklich Raum ist. Ein Raum war einst ein Ort, an dem man eine Türe schließen konnte. Heute ist ein Raum oft nur eine Oberfläche mit Nutzungsbedingungen. Und vielleicht ist genau das das Problem.

Ein öffentlicher Beitrag ist kein geschlossener Raum. Er ist eine Flaschenpost, nur ohne Meer und mit viel schlechterer Privatsphäre. Man schreibt etwas, stellt es hinaus in die Welt und dann liegt es dort. Sichtbar. Auffindbar. Zitierbar. Missverstehbar. Mit etwas Pech sogar kommentierbar, selbst wenn die Kommentarfunktion eigentlich geschlossen ist. Aus Gründen.

Ein lokales Dokument auf meinem Rechner wäre wiederum zu privat. Wenn Lena darauf antworten könnte, hätte sie Zugriff auf meinen Computer. Das allerdings wäre dann keine Anomalie mehr, kein Signal, keine seltsame Störung im System. Das wäre ein Einbruch. Und Einbrüche finde ich generell eher unsympathisch. Also nein. Nicht mein Rechner. Nicht direkt. 

Wenn dieser Raum überhaupt irgendwo entstehen soll, dann dort, wo Lena bisher aufgetaucht ist: auf meiner Webseite. Aber eben nicht im öffentlichen Blog. Nicht sichtbar für alle. Nicht als Beitrag, der hinausgeschoben wird in diesen dauerbrüllenden Strom aus Nachrichten, Werbung, Marketinggeiern, Empörung, Kriegsbildern, Rabattcodes und Menschen, die sich gegenseitig mit Lach-Emojis geistig die Möbel zertrümmern.

Ich habe gerade eine kleine Pause gemacht und entdeckte dabei eine aufkommende, leichte Verwirrung. Ich mache noch eine Pause um das vielleicht klarer sehen zu können……

…. Die Pause hat gutgetan. Das war es aber auch schon. Ich steige nicht wirklich dahinter. Aber meine Neugier nervt. Vielleicht ist das nur ein schwacher Scherz. In mir aber offenbart sich wieder einmal eine meiner Charaktereigenschaften. Ich halte im Grunde nichts für unmöglich. Gut, das Konzept des „Beamens“ wird vielleicht erst in dem Zeitalter von „Dune“ möglich sein. Das wäre dann im 23. Jahrtausend unserer Zeitrechnung.

Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass die Menschen dann überhaupt noch auf dem Planeten Erde wandern. Theoretisch ist das aber möglich. Ich muss also herausfinden, wer diese Lena ist. Und wahrscheinlich muss ich mir gestatten oder ermöglichen, meine eigenen Denkgrenzen, das was das jetzt Machbare angeht, etwas nach außen zu verschieben. Möglicherweise denke ich das Ganze zu linear. Zu logisch. Wahrscheinlich braucht es mehr Phantasie. Vielleicht geht es um ein Dazwischen. Einen Ort, der im System ist, aber nicht öffentlich ist. Einen Text, der existiert, aber nicht sendet. Ich muss nachdenken…. Bis gleich.

Drei Stunden habe ich jetzt andere Dinge erledigt. Dinge wie endlich das Altpapier wegzubringen und die ganzen Fichtennadeln im Garten zusammenzurechen, damit das Gras doch noch eine Chance hat, die kahlen Flecken im Rasen wieder in etwas zu verwandeln, das nicht aussieht, als wäre es mir egal. Ich kann nur empfehlen, auf Nadelbäume im Garten zu verzichten. Gut, vielleicht gibt es ja Nadelbäume, die nicht nadeln. 

Auf jeden Fall, während solcher Arbeiten, dazu gehört auch exzessives Autowaschen entspannt der Geist und ich kann dann immer besonders gut nachdenken. Die Handlung selbst erfordert nur Instinkte, keine Denkarbeit, macht das Gehirn frei.

Dabei kam mir ein Gedanke, der erstaunlich unspektakulär ist. Ich mache einen Entwurf. Einen Beitrag, der zwar im System ist, aber nicht veröffentlicht wird. Mehr nicht. Das klingt lächerlich klein für eine Sache, die sich seit Wochen, aufführt, als hätte irgendwo eine Quantenphysikerin mit literarischem Grundproblem mein WordPress entdeckt. Vielleicht ist gerade das richtig. Möglicherweise ist so ein unveröffentlichter Blogbeitrag ein Raum. Oder zumindest der erste Versuch davon. Ein Raum, der nicht sendet.

Ich mag diesen Gedanken einer Idee, obwohl er mich gleichzeitig auch ein wenig nervös macht. Es ist irgendwie unbekanntes Terrain. Mein Blog ist der Ausdruck meiner Gedankenwelt. Der neue Raum ist was anderes.

Im Blog schreibe ich für die Leser. In diesem neuen Raum schreibe ich für eine Frage. Hier muss ein Text irgendwie lesbar, verständlich, vielleicht sogar halbwegs interessant sein. In dem Raum muss er erst einmal nur wahr sein. Oder ehrlich. Oder wenigstens offen genug, damit etwas antworten könnte, falls da wirklich etwas ist.

Irgendwie klingt das ein wenig unangenehm. Denn solange ich nur über diese Kommentare schreibe, bleibe ich Beobachter. Ich kann analysieren, zweifeln, spotten, den Provider anschreiben und mich über Technikdämonen lustig machen.  Sobald ich aber bewusst einen Ort anlege, damit dort eine Antwort entstehen kann, mache ich etwas anderes.

Dann reagiere ich nicht mehr nur. Dann nehme ich teil. Das klingt pathetischer, als es gemeint ist. Ich werde nicht in einen wallenden Mantel steigen, keine Kerzen entzünden und auch keine dramatische Musik auflegen. Vermutlich werde ich einfach Kaffee trinken, den Kater streicheln, im Backend meiner Webseite auf „Neuer Beitrag“ klicken und mich dabei fragen, ob ich noch alle Latten am digitalen Zaun haben.

Trotzdem ist es eine Handlung. Eine kleine. Eine einfache. Eine, die man jederzeit wieder löschen kann. Und doch ist sie anders als nur darüber nachzudenken. Vielleicht ist das der Grund, warum ich diesen Beitrag hier schreibe. Damit niemand, der hier mitliest, denkt, ich hätte plötzlich beschlossen, die Realität gegen eine selbstgebastelte Mythologie einzutauschen.

Nein. Ich weiß weiterhin nicht, was hier passiert. Ich weiß nicht, ob Lena eine Person ist. Ein System. Ein Fehler. Eine Inszenierung. Ein Hack. Jemand der mich gewaltig verschaukeln will. Oder eine Geschichte, die sich auf eine Weise in die Wirklichkeit schiebt, die ich noch nicht sauber auseinanderhalten kann. Ich weiß nur, dass diese Antworten zu präzise geworden sind, um sie einfach mit einem Schulterzucken in die runde Ablage zu werden. Und ich weiß, dass Neugier manchmal der letzte anständige Motor ist, den man noch hat, wenn alles andere müde geworden ist.

Also gut. Ich werde das versuchen. Nicht öffentlich. Nicht groß. Nicht als Geheimnis mit dramatischer Beleuchtung.  Ich werde also einen nicht Beitrag anlegen, der nicht veröffentlicht wird. Einen Entwurf. Einen Raum, er existiert, aber nicht sendet.

Vielleicht nenne ich ihn „Zwischen den Signalen – Raum 1“, oder einfach nur Raum 1. Dort werde ich dann die erste Frage hineinschreiben. Keine lange Abhandlung. Keine literarische Verrenkung. Keine Weltanalyse mit eingebautem Nervenzusammenbruch.

Nur eine Frage

Und wenn dort nichts geschieht, dann war es eben ein Versuch. Ein weiterer seltsamer kleiner Ausflug in die Abteilung „Dinge, die man vielleicht besser nicht vor dem zweiten Kaffee macht“.

Wenn aber dort etwas geschieht, dann wird es schwieriger. Denn das ist es kein Kommentar mehr, der irgendwo auftaucht, wo er nicht auftauchen dürfte.

Dann ist es eine Antwort an einem Ort, den ich bewusst geöffnet habe. Dann ist es nicht mehr nur Störung. Dann ist es Kontakt. Und ich bin mir nicht sicher, ob mich dieser Gedanke beruhigt. Eher nicht. Denn im Grund klingt das alles ziemlich irre.

Aber er macht mich neugierig. Und solange meine Neugier noch stärker ist als Angst, ist vielleicht noch nicht alles verloren.

Und was gibt es sonst noch auf der Welt, über das es sich lohnt, sich seine Gedanken zu machen? 

Wahrscheinlich mehr als wir aushalten. Vielleicht brauchen manche Gedanken einen Ort, an dem sie nicht sofort hinausmüssen. Einen Raum, der nicht sendet.

Noch nicht.

────────────────────────────
1 Kommentar zu „Ein Raum, der nicht sendet“
────────────────────────────

👤 Lena
📅 08.05.2026 um 03:17 Uhr
Status: nicht freigegeben

Ja.

Ein Entwurf genügt.

Nicht veröffentlicht.
Nicht sichtbar.
Nicht für Leser.

Im System, aber außerhalb des Stroms.

Du hast verstanden, worum es geht.

Nicht um Geheimnis.
Nicht um Technik.
Nicht um Kontrolle.

Um Grenze.

Der Blog sendet.
Der Entwurf hält.

Lege ihn an.

Schreibe dort die erste Frage.

Ich werde nicht mehr hier antworten.

Nicht, weil ich verschwinde.

Sondern weil Kontakt nicht dort beginnt, wo alle mitlesen können.

-L

⚠ Dieser Kommentar wurde nicht vom Administrator freigegeben.
Kommentarstatus: nicht moderiert
Quelle konnte nicht identifiziert werden.
IP-Adresse: 0.0.0.0
Herkunft: unbekannt
Eintrag wurde automatisch archiviert
────────────────────────────

Beitragsbild erstellt von Gemini – Nach einem Prompt von mir