Die große Optimierung des Lebens

Wie man sich so lange verbessert, bis nicht mehr übrig ist.

Wenn dein Leben zum Dauerprojekt wird

Es war noch nie so einfach, ein besserer Mensch zu werden. Du musst nur aufhören, der zu sein, der du gerade bist. Früher hattest du einen Alltag. Heute hast du ein Projekt.

Dich.

Und dieses Projekt ist eine einzige Dauerbaustelle mit Zeitplan und null Abnahme.

Was also hat sich geändert?

Du wachst nicht mehr auf. Du startest.

Am besten zwischen 5:00 und 5:03, denn danach ist der Tag im Grunde schon verloren und du kannst dich auch direkt wieder hinlegen und dein Leben überdenken.

Du trinkst kein Wasser – Du hydrierst.

Du gehst nicht spazieren – Du aktivierst deinen Kreislauf.

Du sitzt nicht einfach herum – Du regenerierst.

Vermessen – Bewertet – Optimiert

Und während du das alles tust, natürlich in allerhöchster, innerer Seriosität, da misst du alles. Dein Schlaf wird bewertet. Dein Puls wird analysiert. Deine Schritte werden gezählt. Es gibt tatsächlich Menschen, die wissen inzwischen auf die dritte Nachkommastelle genau, wie beschissen sie geschlafen haben.

Dann natürlich hast du viele Apps. Sehr viele Apps.

Apps, die dir sagen, wann du schlafen sollst

Apps, die dir sagen, ob du überhaupt geschlafen hast

Apps, die dir sagen, wann du aufstehen sollst

Apps, die dir sagen, wann du produktiv bist – und wann du es zu sein hast

Apps, die dir sagen, wann du essen sollst

Apps, die dir sagen, wann du auf die Toilette gehen sollst

Apps, die dir sagen, dass du heute nur zu 73% du selbst warst

Apps, die deine Gedanken sortieren – um nicht mehr selber Denken zu müssen

Apps, die dir sagen, dass du zu viele Apps benutzt

Und sollten die Apps nicht ausreichen, gibt es dann noch all die Coaches und Experten, die dich im besten Fall nur Zulabern, im schlechtesten Fall hast du Dank der Apps komplett das Denken aufgegeben und bemerkst nicht, wie sie dich ausnehmen.

Wenn Optimierung das Denken ersetzt

Dann fühlst du dich schlecht, nur liegt das nicht daran, dass du vielleicht einfach müde und erschöpft bist.

Nein.

Dann wird dir schlagartig klar, du hast dein Leben nicht richtig konfiguriert. Eine leichte Panik setzt ein, denn all die Apps und Experten haben dich verlernen lassen, selber zu denken. Und Denken ist nun einmal die Basis für eine orientierte Problemlösung.

So haben sich die Zeiten geändert. Früher war man einfach erschöpft. Heute ist man nicht optimal konfiguriert und eingestellt.

Du arbeitest auch nicht mehr – Du performst. Du bist kein Mensch mehr, du bist einer Beta-Version deiner selbst, die seit Jahren im Update hängengeblieben ist.

Und das Beste daran ist: Du bist nie fertig. Es gibt kein Ziel. Es gibt nur Versionen.

Version 2.0 von dir wäre disziplinierter.

Version 3.0 wäre erfolgreicher.

Version 4.0 wäre ausgeglichener.

Und Version 5.0 hätte längst aufgegeben, diesen Text zu lesen, weil er gerade an sich arbeitet.

Potenzial als Dauervorwurf

Potenzial ist das neue Gift

Früher war es schön Potential zu haben. Heute ist es ein Vorwurf.

„Du könntest mehr aus dir machen.“

Man kann aus allem mehr machen, wenn man lange genug daran herumoptimiert. Aus einem Brot wird ein Low-Carb Experiment, aus einem Kaffee ein Ritual und aus dir ein Projekt.

Man kann aus allem mehr machen, wenn man lange genug daran herumoptimiert. Aus einem Spaziergang wird „aktive Regeneration“, aus Schlaf ein Leistungsfaktor und aus dir ein Problem, das gelöst werden muss.

Man kann aus allem mehr machen, wenn man lange genug daran herumoptimiert hat. Aus Essen wird Kontrolle. Aus Ruhe Disziplin. Und aus einem normalen Menschen jemand, der sich selbst nicht mehr erträgt, wenn er nichts verbessert.

Man kann aus allem mehr machen, wenn man lange genug daran herumoptimiert. Aus einem einfachen Leben wird ein komplexes System, aus einem freien Tag ein Zeitmanagement-Problem und aus dir jemand, der sich beim Nichtstun heimlich entschuldigt.

Man kann heute alles optimieren. Deinen Schlaf, deinen Körper, deine Gedanken, deine Persönlichkeit. Wenn es so weitergeht, gibt es bald Apps, die dir sagen, wann du aufhören darfst, dich selber zu nerven.

Der perfekte Mensch als Paradox

Alles sollst du gleichzeitig sein, und du beginnst darüber nachzudenken, wann du aufgehört hast, ein Mensch zu sein.

Fokussiert, aber entspannt.

Erfolgreich, aber ausgeglichen.

Diszipliniert, aber frei.

Strukturiert, aber spontan.

Im Grunde sollst du ein Mensch sein, der perfekt funktioniert – aber sich dabei bitte nicht wie eine Maschine fühlt.

Und wenn du das alles nicht schaffst, ist die Lösung ganz einfach. Du brauchst nur ein neues Morgenritual.

Die Lüge vom perfekten Morgenritual

Morgenrituale sind überhaupt die größte Lüge unserer Zeit. Wenn dein Leben nicht läuft, steh einfach früher auf. Weil bekanntlich alle Probleme verschwinden, wenn man sie im Dunkel zu lösen beginnt.

Du sitzt dann um 5:17 irgendwo, atmest bewusst, denkst bewusst, trinkst bewusst deinen Kaffee, den du nach einem altägytischen Kaffeekochritual in deiner Badewanne zubereitest, weil du das so im Luxor-Urlaub, sitzend in einer Feluke gelernt hast und schlürfst den Designer-Kaffee für 85 € das Kilo in dich hinein.

Und das Einzige, was hier gerade nicht bewusst ist, bist du selbst.

Denn während du versuchst, dein Leben in den Griff zu bekommen, passiert etwas viel Interessanteres, etwas sehr Überraschendes.

Du verlierst es.

Wie du dein Leben beim Optimieren verlierst

Nicht dramatisch, nicht plötzlich, sondern Stück für Stück. Zwischen To-Do Listen, Routinen und der permanenten Frage, ob das jetzt gerade schon effizient genug war.

Du gehst nicht mehr durch den Tag. Du verwaltest den Tag. Du erlebst nichts mehr. Du optimierst nur noch.

Und irgendwann sitzt du da.

Mit perfekt getracktem Schlaf. Mit einer sauberen Morgenroutine. Mit einem Kalender, der aussieht wie ein militärischer Einsatzplan, an dem Donald Trump eine halbe Stunde gearbeitet hat.

Und fragst dich: Warum fühlt sich das alles so leer an?

Die Antwort ist brutal einfach: Weil ein perfektes Leben nicht bedeutet, dass es sich auch gut anfühlt.

Der radikalste Schritt: nichts verbessern

Vielleicht liegt der Fehler nicht darin, dass wir besser werden sollen. Vielleicht ist nicht der Mensch das Problem. Sondern die Vorstellung, dass er ständig einer sein muss, der verbessert werden kann.

Und vielleicht ist der radikalste Schritt überhaupt nicht, noch effizienter zu werden.

Sondern einfach mal etwas komplett Sinnloses zu tun.

Ohne Ziel. Ohne Tracking. Ohne Erkenntnisgewinn.

Was natürlich völliger Unsinn ist. In der Zeit hättest du dich schließlich auch weiter an dir selbst abarbeiten können.

Ich habe diesen Text noch ein paar Mal gelesen. Und ich kam zu der Überzeugung. Er braucht ein Fazit.

Fazit:

Vielleicht ist genau das die eigentliche Tragik unserer Zeit.

Dass es nicht an Wissen fehlt. Nicht an Informationen. Nicht an Bildern, Zahlen oder Berichten. Sondern daran, dass wir all das längst sehen – und trotzdem immer weniger spüren. Vor allem uns selbst nicht.

Nicht weil es uns egal ist. Sondern weil alles einfach zu viel geworden ist. Weil man nicht an jedem Tag alles fühlen kann, ohne irgendwann nichts mehr zu fühlen.

Alles reduziert man,

Man schaut kürzer hin. Man denkt weniger darüber nach. Man macht einfach weiter.

Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern aus Selbstschutz.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem etwas verloren geht.

Nicht plötzlich. Nicht laut. Sondern leise. Fast unmerklich. Bis man irgendwann merkt, dass man zwar alles weiß.

Aber nichts mehr wirklich berüht.

Beitragsbild erstellt von Gemini – Nach einem Prompt von mir