Die Entsorgung der Gesprächskultur

Ich habe lange nach einem passenden Titel für diesen Beitrag gesucht. Und mir sind da so ein paar eingefallen.

Wenn Worte nur noch schlagen

Die Kunst, einander nicht mehr zuzuhören

Die große Verrohung der Sprache

Kommentarspalten und anderer Kriegszonen

Vom Gespräch zur Entgleisung

Die Zivilisation der Beleidigung

Warum man mit fast niemanden mehr reden kann

Ein Land, viele Länder, alle Länder, die den Ton verloren haben

Die höfliche Form des Hasses

Alle reden, keiner denkt – Die Gesellschaft der beleidigten Dummköpfe – Das große Maul und das leere Hirn – Deutschlands öffentliche Verblödung – Kommentarspalten für Idioten – Die Epoche der empfindlichen Beleidiger – Die digitale Untergangsanstalt – Alle reden, keiner denkt – Das Netzwerk der Unausstehlichen – Willkommen im Dumber-Dome – Höflichkeit ist Geschichte, heute kommt der Abriss – Das Zeitalter der sprachlichen Verwahrlosung – Wenn der Mensch zum Troll verkommt – Die neue Realität: Blöd, laut, aggressiv und und und und…

Im Internet wird heute nicht mehr gestritten, sondern entsorgt

Meinung rein, Beschimpfung raus. Fertig! Zwischen diesen beiden Bewegungen liegt oft nicht mehr viel – höchstens ein kaputter Rest von Aufmerksamkeit, den man früher vielleicht Gespräch genannt hätte.

Die neue Unfreundlichkeit

Das Problem ist nicht, dass die Leute nichts zu sagen hätten. Das Problem ist, dass sie fast nichts mehr aushalten. Kein Widerspruch, keine Nuance, kein langsames Denken. Alles muss sofort passen oder sofort sterben. Wer nicht in drei Sekunden verständlich ist, wird ignoriert. Wer differenziert, gilt als weiche. Wer nachfragt, ist verdächtigt. So entsteht keine Debatte, sondern ein Dauerfeuer aus Reflexen.

Die neue Unfreundlichkeit ist dabei erstaunlich effizient. Sie spart Zeit. Sie spart Denken. Sie spart sogar Charakter. Ein Satz genügt, und schon ist der andere nicht mehr der Gesprächspartner, sondern Material. Man muss ihn nicht verstehen, man muss ihn nur treffen. Am besten zwischen die Augen – kommunikativer Blattschuss, abgefeuert aus einer mental verrosteten Pistole, die Munition Dumm-Dumm Geschossen. Das ist der Fortschritt in der Kommunikation der übrig blieb: Nicht mehr überzeugen, debattieren, nein, die Absicht ist Beschädigung.

Natürlich behaupten viele, sie seien einfach nur ehrlich. Das ist wirklich der bequemste Selbstbetrug unserer Zeit. Ehrlichkeit ohne Maß ist kein Mut, sondern schlechte oder nicht vorhandene Manieren mit moralischem Eigenlob, das nicht nur zum Himmel stinkt. Dieser Geruch breitet sich nach allen Seiten aus. Wer nur noch grob wird, weil er sich für klar im Kopf hält, verwechselt Lautstärke mit Urteilskraft.

Warum niemand mehr zuhört

Man sieht, man liest, man spürt das inzwischen überall. In Foren, in Kommentaren, in Kneipen, in Sitzungen, in Institutionen. Überall dort, wo früher noch gerungen wurden, wird heute nur noch abgewertet. Und dabei spielen Fakten und Wissen keine Rolle mehr. Das findet man bei Facebook genauso wie im Deutschen Reichstag. Es wird behauptet und das scheint den meisten schon zu reichen. Vielen, denen der Wahrheitsgehalt und denen Fakten als Basis einer Kommunikation wichtig sind um einen Abschluss erzielen wollen damit ein Thema, ein Problem, eine Frage weitergehen und gelöst werden kann, haben inzwischen definitiv Probleme, auf Lügen, falsche Meinungen und Beleidigungen entsprechend zu reagieren.

Was soll man jemandem antworten, der steif und fest behauptet, die Erde ist eine Scheibe, es gab nie eine Pandemie, da war nie jemand auf dem Mond, der Fakten ignoriert und sofort mit schlecht formulierten Antworten reagiert?

Man kommt relativ schnell dahinter, ob sich die Zeit dafür überhaupt lohnt. Man antwortet, die Sätze kommen aber nicht an, nur nicht als Einladung ein offenes Gespräch zu führen, sondern als Einladung sofort in eine Abwehrstellung zu gehen.

Und die Verteidigungswaffen sind Ignoranz, Unverständnis, mangelnde Bildung und schnell aufkommender Hass. Es fühlt sich manchmal schon während dem Schreiben so an, als lade das Gesprächsgegenüber seine Waffen und beginnt zu feuern, noch bevor die ersten Worte den Sehnerv erreichen und in einem Gehirn verarbeitet zu werden.

Das Tragische daran ist die Gewöhnung. Man stumpft ab. Was gestern noch peinlich war, das ist heute normal und entwickelt sich womöglich zu einer neuen Internet-Challenge. Was heute normal ist, wird morgen Stil. Und irgendwann beginnt man sich dann zu wundern, warum niemand mehr offen reden will.

In den letzten Jahren kam der Spruch auf „Man darf ja nichts mehr sagen“. Was natürlich Quatsch ist. Man darf immer alles sagen, aber der Satz müsste heißen „Es macht wenig Sinn etwas zu jemanden zu sagen, der das was man sagt, nicht versteht“. 

Offenes Reden, die Bereitschaft in einer Diskussion widerlegt zu werden, daraus zu lernen, das Gefühl erleben zu wollen, wenn der eigene Horizont erweitert wird, das wird nur noch selten belohnt. Wo jede Schwäche in der Kommunikation, sei es durch Nichtwissen oder einfach einen Formulierungsfehler, sofort als Gelegenheit genutzt wird, zu demütigen.

Vom Streit zur Entsorgung

Das Netz hat die Menschen nicht nur verbunden, es hat ihnen auch beigebracht, sich schneller zu entladen. Früher, in den rein analogen Zeiten, musste man sich zum Beleidigen meist noch gegenüberstehen. Heute reicht ein hochauflösendes Display, und schon wird aus Ungeduld eine öffentliche Hinrichtung im Miniaturformat. Aber es ist ja keine endgültige Hinrichtung, es sind jeden Tag aufs neue kleine Hinrichtungen, eine, zehn, hunderte, die auf Dauer jede Seele knacken. Die eine früher, die andere später und manche Seelen mutieren zu einsamen Rächern.

Dann entsteht langsam auch der Eindruck, dass die Welt objektiv böser wird. Das ist aber nicht so, denke ich. Die Welt läuft nur auf Höchstdrehzahl. Wer ständig beschleunigt, verliert irgendwann die Fähigkeit, einen Gedanken zu Ende zu führen, ohne ihn vor der Veröffentlichung zu zerlegen, zu analysieren und ihn freizugeben oder auch nicht.

Die Folge ist ein stiller Verfall von Diskussionsfähigkeit, guten Manieren, die Bereitschaft einen Konsens zu finden, eine Verwahrlosung von Sprachkultur und einem gesunden Miteinander. Es ist nicht spektakulär oder dramatisch, es ist ein der stete Tropfen der den Stein aushöhlt.

Die Menschen werden nicht nur unfreundlicher. Sie werden auch unbrauchbarer füreinander. Denn wer nur noch reagiert, kann nicht mehr antworten. Wer nur noch entgegnet, kann nicht mehr denken. Und wer nur noch beleidigt, hat schon verloren, obwohl er glaubt, gewonnen zu haben.

Da fällt mir ein weiterer unsäglich dämlicher Spruch ein. „Der Klügere gibt nach.“ Den habe in meiner persönlichen Hitparade der Spruchdummheit in die Top 3 gewählt. Denn wenn man diesem Spruch folgt, bedeutet es nur eines. Man überlässt die Welt den Dummen und das darf nie passieren. Was die Dummen und die Dummheit auf diesem Planeten anrichten, sehen wir direkt aus der ersten Reihe seit einigen Jahren.

Wohin die Kommunikation abtreibt

Wohin driften wir also?

In eine Kultur des schnellen Gerichts ohne Anhörung.

In eine Öffentlichkeit, die Härte mit Stärke verwechselt.

In Institutionen, die Konflikte verwalten, aber kaum noch tragen.

In einen digitalen und analogen Alltag, in dem jeder Satz sofort einen Gegner sucht.

Wenn das so weitergeht, wird nicht Kommunikation nicht einfach rauer. Sie wird ärmer. Kürzer. Hohl. Und irgendwann so abgestumpft, dass selbst echte Kritik wie bloßes Geplappert wirkt, weil diejenigen die es noch verstehen würden, weg sind und die anderen es sowieso nicht kapieren. Dann reden die Menschen nicht mehr miteinander, sondern nur noch aneinander vorbei – professionell, effizient und mit erstaunlich viel Überzeugung, gerade deshalb nichts mehr zu verstehen.

Gespräch als letzte Form von Vernunft

Aber genau darin liegt auch die Gegenbewegung. Denn irgendwann wird es denen, die noch denken können, zu dumm. Zu laut. Zu billig. Zu vorhersehbar. Dann entsteht wieder der Wunsch nach Sprache, die nicht sofort zubeißt. Der Wunsch, Menschen zu finden, von denen man etwas Neues sehen kann, denen man etwas Neues zeigen kann. Es entsteht der Wunsch nach Streit, der etwas klärt. Nach Widerspruch der nicht zerstört, sondern etwas aufbaut. Nach einem Ton, der nicht weich sein muss, aber menschlich bleibt.

Das wäre dann keine Rückkehr zur alten Höflichkeit. Eher ein nüchterner Rettungsversuch, der die Kommunikation der Willigen auf ein neues Niveau hebt. Eine Form der kommunikativen Evolution.

Wir dürfen einfach nicht aufgeben. Wir dürfen den Dummen nicht nachgeben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist und den einen oder anderen direkten Spruch erfordert. Oder diese Leute einfach blockiert.

Am Ende bleibt eine einfache, fast unanständig vernünftige Wahrheit: Wer noch denken kann, soll es auch weiterhin machen. Der Rest darf weiter laut sein – aber bitte nicht erwarten, dass Lautstärke plötzlich Niveau ersetzt.

Es ist ja fast rührend, wie viele Menschen sich mit großer Überzeugung ins eigene Missverständnis verlieben. Doch für die, die noch nicht ganz verloren sind, gilt etwas Besseres: nicht mitteilen, nicht stumpf werden, nicht alles glauben, was im Takt der Empörung auf sie einprügelt. 

Klar sehen, sauber denken, standhaft bleiben. Das ist keine Pose, sondern Überlebenskunst.

Und den anderen, den Eiligen, den Lauten, den chronisch Verzweifelten mit Meinung auf Abruf, sei ebenfalls ein Satz gegönnt: Man kann sich auch aus dem Nebel herausarbeiten. Nicht jeder, der sich gerade verirrt hat, muss im Dunkeln wohnen bleiben. Ein bisschen Wahrheit verträgt fast jeder – man muss sie nur lange genug aushalten.

Also: weiter denken, weiter prüfen, weiter lachen, wenn die Gegenwart wieder besonders dämlich auftritt. Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil Verstand, Humor und Haltung die letzten Dinge sind, die man dem Irrsinn nicht kampflos überlassen sollte.

Kurz gesagt: Wer mit offenen Augen lebt, hat schon verloren geglaubte Zeiten oft noch gewonnen. Am Ende bleibt nur das, was sich auch morgen noch tragen lässt: Klarheit, Haltung und die seltene Fähigkeit, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Der Rest darf sich weiter im Lärm verausgaben, sich selbst geistig nackt zu machen – die Wirklichkeit hat ohnehin keine Geduld für Leute, die sie nur dann bemerken, wenn sie schon an ihnen vorbeigelaufen ist.

Und vielleicht ist genau das die leise Pointe der ganzen Sache: Nicht jede Stimme wird durch Lautstärke bedeutend, und nicht jeder, der sich für besonders wachhält, ist schon aufgestanden.

Beitragsbild erstellt von Gemini – Nach einem Prompt von mir