1. Heute ist Frühlingsbeginn

Der Krieg, der endet, während er beginnt

Die Sonne scheint, der Wind ist noch frisch, aber im Schein unseres Muttersterns ist es angenehm. Gestern gingen mir einfach zu viele Dinge durch den Kopf. Fedi ist jetzt ein Jahr weg. Irgendwie nicht zu verstehen was da damals passiert ist. Aber wie immer, nie wird aufgegeben, denn Fedi ist Familie und ich habe eine Verantwortung.

Der Frühling hat begonnen, nur wieso fühlt sich dieser Frühlingsanfang nicht so an, wie jene damals in meiner Kindheit? Wo die Natur wiederauferstand und alles Leid dieser Welt für ein paar Momente weg war. Weil wir die ersten Gänseblümchen auf den Wiesen sahen. Wo die ersten Vögel zwitscherten und den Sonnenaufgang ankündigten. Wo die Welt in der meiner Erinnerung wenigstens für ein paar Momente wirklich heil war.

Und heute drehen sich meine Gedanken um andere Themen. Und heute um ein Thema im Speziellen.

Der Krieg, der endet, während er beginnt

Ich lese die Nachrichten und merke, wie ich langsamer werde.

Nicht, weil ich mir Zeit nehme. Sondern weil ich versuche, Schritt zu halten. Da ist ein Satz. Dann noch einer. Und irgendwie widersprechen sie sich – aber sie bleiben beide stehen. Früher hätte mich das irritiert.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob es überhaupt noch auffällt. Im Zentrum dieser seltsamen Gleichzeitigkeit steht ein Mann, der sagt, er wolle den Krieg beenden – und im nächsten Moment klingt es, als müsse er weitergeführt werden: Donald Trump.

Er spricht von Kontrolle. Von Stärke. Von Sieg. Und ich frage mich, was diese Worte noch bedeuten, wenn sie alles gleichzeitig beschreiben. Der Krieg wird beendet. Der Krieg wird geführt. Der Krieg wird gewonnen.

Es sind keine verschiedenen Aussagen. Es sind dieselben. Nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgesprochen.

Oder vielleicht auch gleichzeitig. Ich versuche, eine Linie zu erkennen. Irgendetwas, das sich durchzieht.

Eine Richtung. Aber da ist nichts. Oder besser: Da ist alles.

Truppen werden entsandt. Rückzüge werden angekündigt. Sanktionen werden verhängt. Und im gleichen Atemzug infrage gestellt. Es ist, als würde jemand gleichzeitig Gas geben und bremsen – und dann erklären, das sei die schnellste Route. Ich lese von Ultimaten.

48 Stunden.

Ich bleibe an dieser Zahl hängen. Nicht lange. Nur kurz. Denn ich frage mich, was 48 Stunden bedeuten, wenn man sie von hier aus liest – und was sie bedeuten, wenn man sie dort erlebt, wo sie einschlagen. Vielleicht ist Zeit nicht mehr dasselbe, je nachdem, wo man sich befindet. Vielleicht war sie das nie. Es wird gesagt, man habe alles im Griff. Und gleichzeitig wirkt alles, als würde es sich entziehen. Es wird gesagt, man sei stark.

Und alles wirkt wie ein permanentes Reagieren. Es wird gesagt, man wolle Frieden. Und alles bewegt sich weiter.

Ich merke, wie ich versuche, das zusammenzubringen. Ich schaffe es nicht. Und ich frage mich, ob das überhaupt noch die Aufgabe ist. Vielleicht geht es nicht mehr darum, dass Dinge zusammenpassen. Vielleicht reicht es, dass sie gesagt werden.

Dass sie wirken. Kurz. Intensiv. Und dann verschwinden. Er spricht davon, dass man gewinnt. Dass man fast schon gewonnen hat. Und ich frage mich wieder:

Was genau? Ist es ein Ziel? Ein Zustand? Oder einfach nur ein Satz, der oft genug wiederholt wurde?

Ich lese weiter.

Wir lesen weiter.

Wir sitzen davor.

Wir schauen zu.

Wir nicken vielleicht sogar.

Und irgendwo, während wir lesen, passiert etwas, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Keine Korrektur. Keine Klarstellung. Kein „so war das nicht gemeint“. Bomben kennen keine zweite Version.

Und doch wirkt alles, was gesagt wird, wie eine erste Fassung.

Vorläufig.

Anpassbar.

Austauschbar.

Vielleicht ist das der eigentliche Bruch. Dass Worte nicht mehr festhalten, sondern sich bewegen. Dass sie nicht mehr beschreiben, sondern erzeugen. Realität wird nicht erklärt. Sie wird behauptet. Und wenn sie nicht passt, wird sie ersetzt. Ich merke, wie ich darüber nachdenke, zu lachen. Manchmal tue ich es auch.

Kurz.

Leise.

Nicht, weil es lustig ist. Sondern weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll. Und genau in diesem Moment wird es unangenehm. Weil ich merke, dass dieses Lachen nichts löst. Dass es nichts verändert. Vielleicht macht es die Dinge sogar leichter zu ertragen, als sie sein sollten. Vielleicht ist genau das das Problem. Dass wir uns daran gewöhnen. An die Widersprüche. An die Geschwindigkeit. An die Gleichzeitigkeit von allem.

Der Krieg endet.

Der Krieg beginnt.

Der Krieg wird gewonnen.

Und wir lesen das. Ich sitze hier und frage mich, wann genau dieser Punkt gekommen ist. Der Moment, in dem Widersprüche aufgehört haben, ein Fehler zu sein – und angefangen haben, ein System zu werden. Vielleicht war es kein Moment. Vielleicht war es ein Prozess. Langsam genug, dass wir ihn nicht bemerkt haben. Schnell genug, dass wir ihn nicht aufhalten konnten. Und jetzt sind wir hier. In einer Welt, in der alles gleichzeitig gilt.

Alles ist richtig.

Alles ist falsch.

Alles ist möglich.

Und nichts ist fest.

Und irgendwo steht jemand vor einem Mikrofon und sagt, dass alles unter Kontrolle ist. Dass man auf einem guten Weg ist. Dass der Krieg bald vorbei ist.

Und ich sitze hier.

Und lese das.

Und frage mich, ob der Krieg wirklich endet.

Oder ob wir nur gelernt haben, ihn anders zu erzählen. Vielleicht ist das das eigentliche Fazit dieser Zeit: Der Krieg endet, während er beginnt. Der Frieden steht kurz bevor, solange er unmöglich bleibt. Die Wahrheit ist klar, solange sie sich jederzeit ändern kann.

Und wir?

Wir lesen das.

Wir verstehen es nicht ganz.

Aber genug, um weiterzulesen. Und vielleicht – nur vielleicht – ist genau das der Moment, in dem etwas verloren geht, ohne dass wir es bemerken. Oder schlimmer: Der Moment, in dem wir es bemerken – und trotzdem weitermachen.

Wenigstens für eine Generation keine Kriege zu erleben?

Wenigstens für eine Generation Empathie zu praktizieren

Wieder neugierig zu sein?

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