China baut bereits am Jahr 2045 – Europa diskutiert noch über 2026

Split vision of the future: China advances towards 2045 with high-speed rail, robotics, space technology and modern industry, while Europe remains caught between regulation, bureaucracy and political debate.

 Warum ich plötzlich verstehen wollte, wie China denkt

Es gibt Themen, die sucht man sich nicht aus. Sie suchen sich irgendwann selbst einen.

Bei mir begann alles mit einer einfachen Beobachtung. Immer häufiger tauchte in den Nachrichten derselbe Name auf: China. Mal ging es um Elektroautos, die in Europa Bestnoten bei Crashtests erreichten. Dann um Batterien, ohne die heute kaum noch ein modernes Elektroauto gebaut werden kann. Wenig später folgten Berichte über künstliche Intelligenz, Robotik, Quantencomputer, Solartechnik und schließlich sogar über Lithografiemaschinen – jene hochkomplexen Anlagen, die für die Herstellung leistungsfähiger Computerchips unverzichtbar sind.

Jede dieser Meldungen war für sich genommen interessant. Zusammen ergaben sie jedoch ein Bild, das mich nicht mehr losließ. Irgendwann fragte ich mich nicht mehr, was China nun schon wieder entwickelt hatte. Mich beschäftigte eine ganz andere Frage: Warum taucht China ausgerechnet in so vielen Zukunftstechnologien gleichzeitig auf?

Natürlich gibt es dafür naheliegende Erklärungen: einen riesigen Binnenmarkt, sehr viele Menschen, niedrigere Produktionskosten als in Europa und eine massive staatliche Unterstützung. Das alles spielt zweifellos eine Rolle. Je länger ich recherchierte, desto stärker hatte ich jedoch den Eindruck, dass diese Antworten allein nicht ausreichen. Sie erklären manches, aber längst nicht alles.

Genau an diesem Punkt wurde das Thema für mich spannend. Wenn ein Land in einer Branche erfolgreich ist, kann das einem günstigen Zeitpunkt, einem besonders innovativen Unternehmen oder auch einem gewissen Maß an Zufall zu verdanken sein. Wenn sich dieselbe Entwicklung jedoch in immer mehr Bereichen beobachten lässt, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Dann geht es nicht mehr nur um einzelne Produkte oder Unternehmen. Dann stellt sich die Frage, ob dahinter ein System steckt.

Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler und habe auch nicht vor, in diesem Beitrag so zu tun, als wäre ich einer. Mich interessieren Zusammenhänge. Wenn mir auffällt, dass sich ein Muster wiederholt, möchte ich verstehen, warum das so ist. Genau deshalb begann ich, mich intensiver mit China zu beschäftigen.

Dabei geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Je tiefer ich in das Thema einstieg, desto seltener dachte ich an billige Massenproduktion oder an die berühmte „Werkbank der Welt“. Dieses Bild stammt aus einer Zeit, in der China vor allem für andere Länder und deren Unternehmen produzierte. Heute scheint das Land immer häufiger selbst mitbestimmen zu wollen, welche Technologien morgen wichtig sein werden. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Mir fiel außerdem auf, dass wir in Europa häufig über die Ergebnisse sprechen, aber erstaunlich selten über deren Ursachen. Wir diskutieren über chinesische Elektroautos, wenn sie bereits auf unseren Straßen fahren. Wir sprechen über chinesische Batterien, wenn sie den Weltmarkt dominieren. Wir sorgen uns um Halbleiter, wenn Lieferketten ins Stocken geraten. Mit anderen Worten: Wir beschäftigen uns oft mit den sichtbaren Folgen einer Entwicklung, während ihre eigentliche Geschichte viele Jahre früher begonnen hat.

Genau diese Geschichte wollte ich verstehen. Am Anfang dachte ich, ich würde einen Beitrag über chinesische Fünfjahrespläne schreiben. Heute glaube ich, dass diese Pläne lediglich ein Teil einer viel größeren Geschichte sind. Sie sind ein Werkzeug. Die eigentliche Frage lautet, wie ein Land seine Zukunft organisiert und weshalb es China offenbar gelingt, Forschung, Industrie, Infrastruktur und Bildung auf gemeinsame Ziele auszurichten.

Funktioniert das immer? Natürlich nicht. Macht China dabei Fehler? Jede Menge. Auch darüber müssen wir sprechen. Mir geht es weder darum, China zu bewundern, noch darum, Europa schlechtzureden. Mich interessiert etwas anderes: Ich möchte verstehen, warum sich die wirtschaftliche Weltkarte gerade verändert und warum wir in Europa oft erst dann über Entwicklungen diskutieren, wenn andere Länder längst damit begonnen haben, sie umzusetzen.

Vielleicht gibt es darauf keine einfachen Antworten. Ich bin jedoch überzeugt, dass es sich lohnt, überhaupt die richtigen Fragen zu stellen. Denn manchmal beginnt das Verständnis einer großen Veränderung weder mit einer politischen Debatte noch mit einer wirtschaftlichen Kennzahl. Manchmal beginnt es einfach mit der ehrlichen Neugier, herauszufinden, warum sich die Welt plötzlich schneller verändert, als wir es gewohnt waren.

Die Entdeckung hinter den Schlagzeilen

Während meiner Recherche geschah etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Eigentlich wollte ich herausfinden, warum China in den vergangenen Jahren bei so vielen Zukunftstechnologien eine bedeutende Rolle übernommen hat. Ich hatte erwartet, auf Statistiken, Unternehmensberichte, Wirtschaftsdaten und vielleicht auf die eine oder andere politische Entscheidung zu stoßen. Stattdessen begegnete mir immer wieder derselbe Begriff: Fünfjahresplan.

Um ehrlich zu sein, löste dieses Wort bei mir zunächst keine Begeisterung aus. Bis dahin klang ein chinesischer Fünfjahresplan für mich ungefähr so spannend wie eine schlecht aus dem Chinesischen übersetzte Bedienungsanleitung für eine Waschmaschine. Man weiß, dass irgendwo wichtige Informationen darin stehen. Nach der dritten Seite fragt man sich allerdings, ob man die Maschine jetzt einschalten oder vorsichtshalber doch lieber das Haus verlassen sollte.

Genau deshalb hatte ich mich mit diesem Thema jahrelang kaum beschäftigt. Ich hielt die Fünfjahrespläne für trockene Verwaltungsdokumente, die für Politiker und Beamte interessant sein mochten, mit meinem Alltag aber wenig zu tun hatten. Ich hätte mich kaum stärker irren können. Je mehr ich las, desto neugieriger wurde ich. Irgendwann hörte ich auf, die einzelnen Pläne isoliert zu betrachten. Stattdessen begann ich, sie chronologisch nebeneinanderzulegen. In diesem Moment hatte ich erstmals das Gefühl, einer wesentlich größeren Geschichte auf der Spur zu sein.

Der erste chinesische Fünfjahresplan begann bereits 1953. Das musste ich zunächst einmal sacken lassen. Dieses Instrument begleitet China also seit mehr als siebzig Jahren. Natürlich veränderten sich seine Inhalte in dieser Zeit immer wieder. Das China der fünfziger Jahre hatte mit dem heutigen Hightech-Land kaum etwas gemeinsam. Aus einer überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft wurde zunächst eine Industrienation, später die Werkbank der Welt und schließlich ein Land, das in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, Batterietechnik, Robotik, Raumfahrt und Halbleitern ganz vorne mitspielen möchte.

Je länger ich die einzelnen Pläne miteinander verglich, desto deutlicher wurde mir, dass sich zwar die Themen verändert hatten, der Grundgedanke aber erstaunlich konstant geblieben war. China scheint seine Entwicklung nicht einfach geschehen zu lassen. Das Land versucht vielmehr, immer wieder festzulegen, wo es in zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahren stehen möchte. Die Fünfjahrespläne wirken dabei weniger wie abgeschlossene Programme als wie aufeinanderfolgende Etappen einer langen Reise.

An dieser Stelle musste ich unwillkürlich an einen Satz denken, den wir alle kennen: „Der Weg ist das Ziel.“ Ich mag diesen Satz wirklich. Für den Jakobsweg, den Gang nach Canossa oder einen schönen Wanderurlaub würde ich ihn sofort unterschreiben. Bei der Entwicklung einer Volkswirtschaft wäre ich allerdings vorsichtig. Denn wenn niemand weiß, wohin die Reise überhaupt gehen soll, hilft irgendwann auch der schönste Weg nicht mehr weiter.

Vielleicht gilt in diesem Fall sogar das Gegenteil: Erst das Ziel macht aus einer Strecke einen Weg. Ohne Ziel kann man zwar loslaufen. Ob man jedoch jemals dort ankommt, wo man eigentlich hinwollte, ist eine ganz andere Frage. Dieser Gedanke ließ mich nicht mehr los. Plötzlich ergaben viele Meldungen, über die ich in den vergangenen Monaten gestolpert war, einen Zusammenhang. Vielleicht investiert China nicht deshalb gleichzeitig in Batterien, künstliche Intelligenz, Quantencomputer, moderne Kernreaktoren, Robotik und Halbleiter, weil das Land sicher weiß, welche dieser Technologien unsere Zukunft bestimmen werden.

Möglicherweise verfolgt China eine andere Logik. Die entscheidende Frage lautet dann nicht: Welche Technologie wird gewinnen? Sie lautet: Bei welchen Technologien dürfen wir auf keinen Fall fehlen?

Das ist ein gewaltiger Unterschied. An diesem Punkt legte ich meine Unterlagen für einen Moment zur Seite. Nicht weil ich die Antwort gefunden hatte, sondern weil sich die eigentliche Frage verändert hatte. Ich wollte nicht länger nur verstehen, warum China in immer mehr Zukunftsbranchen erfolgreich war. Ich wollte wissen, ob hinter diesen Entwicklungen tatsächlich ein langfristiger Plan steckte oder ob ich lediglich begonnen hatte, Zusammenhänge zu sehen, die gar nicht existierten.

Genau deshalb recherchierte ich weiter. Mit jeder weiteren Quelle verstärkte sich der Eindruck, dass ich nicht nur einzelne Fünfjahrespläne las, sondern Kapitel eines Buches, das seit mehr als siebzig Jahren fortgeschrieben wird. Ob dieses Buch eine Erfolgsgeschichte erzählt oder gravierende Fehler enthält, werden wir noch sehen. Nach diesem Abend war mir jedoch eines klar: Ich hatte die chinesischen Fünfjahrespläne völlig unterschätzt.

Plötzlich ergab alles einen Sinn

Bis hierher könnte man mir völlig zu Recht entgegenhalten, dass schließlich jeder schöne Pläne schreiben kann. Genau das dachte ich ebenfalls. Strategiepapiere gibt es überall. Deutschland schreibt Strategien, die Europäische Union schreibt Strategien und Unternehmen schreiben Strategien. Auf dem Papier ist die Zukunft meistens hervorragend organisiert. Papier ist geduldig. Es protestiert auch nicht, wenn aus großen Visionen später kleine Ergebnisse werden.

Deshalb beschloss ich, die chinesischen Fünfjahrespläne zunächst beiseitezulegen. Mich interessierte nicht länger, was China ankündigte. Ich wollte wissen, was tatsächlich daraus geworden war.

Also begann ich, mir einzelne Branchen anzusehen. Eigentlich hatte ich erwartet, dabei auf eine Erfolgsgeschichte und mehrere Misserfolge zu stoßen. Stattdessen begegnete mir China plötzlich überall: bei Batterien und Solarmodulen, bei Elektroautos und Hochgeschwindigkeitszügen, bei Robotern, künstlicher Intelligenz und Drohnen, bei modernen Stromnetzen, der Verarbeitung seltener Erden und schließlich sogar bei Lithografietechnik – einem Bereich, in dem noch vor wenigen Jahren kaum jemand ernsthaft damit gerechnet hätte, dass China in absehbarer Zeit aufholen könnte.

Anfangs hielt ich das für eine Aneinanderreihung erfolgreicher Einzelgeschichten. Irgendwann legte ich die Unterlagen jedoch zur Seite, weil mir bewusst wurde, dass ich möglicherweise die ganze Zeit den falschen Ausschnitt betrachtet hatte. Mein Denkfehler bestand darin, Batterien, Halbleiter, Energie, Bildung und Infrastruktur als voneinander getrennte Themen zu behandeln. China scheint genau das nicht zu tun. Dort werden diese Bereiche offenbar als Teile eines gemeinsamen Systems betrachtet, in dem jede Entwicklung die Voraussetzungen für eine andere schafft.

Während wir in Europa seit Jahren darüber diskutieren, wie weit sich der Staat aus der Wirtschaft heraushalten sollte, scheint der chinesische Staat eine wesentlich aktivere Rolle zu übernehmen. Hinter der europäischen Haltung steht ein berechtigter Gedanke. Wettbewerb kann Innovation hervorbringen, und Unternehmen reagieren häufig schneller auf Veränderungen als Behörden. Ohne diesen Wettbewerb wären viele technische Fortschritte, die wir heute selbstverständlich nutzen, wahrscheinlich niemals entstanden.

Unternehmen verfolgen allerdings in erster Linie ihre eigenen Ziele. Das müssen sie sogar. Sie konkurrieren miteinander, entwickeln Produkte, erschließen neue Märkte und wollen erfolgreicher sein als ihre Mitbewerber. Genau darin liegt ihre Stärke. Was dadurch jedoch nicht automatisch entsteht, ist eine gemeinsame Richtung für eine gesamte Volkswirtschaft.

Oder anders gesagt: Ein Unternehmen muss zuerst an seinen eigenen Erfolg denken. Ein Land muss darüber hinaus überlegen, welche Fähigkeiten es langfristig erhalten, aufbauen oder zurückgewinnen möchte.

An dieser Stelle scheint China einen anderen Weg einzuschlagen. Je länger ich recherchierte, desto stärker gewann ich den Eindruck, dass der chinesische Staat nicht nur als Verwalter auftritt, sondern als strategischer Koordinator. Forschung, Bildung, Energie, Infrastruktur, Industriepolitik und Rohstoffversorgung werden nicht unabhängig voneinander betrachtet. Sie sollen sich gegenseitig ergänzen und verstärken.

Während meiner Recherche musste ich zunächst an den berühmten gordischen Knoten denken. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger passte dieses Bild. Ein Knoten steht für etwas, das sich kaum lösen lässt. China versucht offenbar etwas anderes.

Ich stellte mir viele einzelne Fasern vor: Forschung, Bildung, Industrie, Energie, Infrastruktur und Digitalisierung. Jede dieser Fasern ist für sich genommen dünn und verletzlich. Werden sie jedoch sorgfältig miteinander verflochten, entsteht ein Tau, das enorme Kräfte aufnehmen kann.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke. Nicht jeder einzelne Bereich muss jederzeit Weltklasse sein. Entscheidend ist, dass sich die Bereiche gegenseitig tragen. Forschung stärkt die Industrie, die Industrie finanziert neue Forschung, Universitäten bilden Fachkräfte aus, diese entwickeln neue Technologien, aus den Technologien entstehen Unternehmen, und erfolgreiche Unternehmen schaffen wiederum die Grundlage für die nächste Generation von Forschung.

Ist ein solches Netz erst einmal dicht genug geknüpft, entsteht mehr als wirtschaftliche Stärke. Es entsteht Widerstandskraft. Ein Land wird unabhängiger von einzelnen Krisen, Lieferengpässen oder technologischen Rückschlägen, weil nicht mehr alles von einem einzigen Bereich abhängt.

In Europa vertrauen wir häufig darauf, dass der Markt langfristig schon die richtigen Antworten finden wird. Vielleicht tut er das. Vielleicht auch nicht. Darüber könnte man einen eigenen Beitrag schreiben. Der Arbeitstitel läge bereits bereit: „Das Märchen von der fairen Marktwirtschaft.“

Für diesen Beitrag reicht zunächst eine andere Erkenntnis. Chinas eigentliche Stärke liegt möglicherweise weder allein in seinen Fabriken noch in seinen Milliardeninvestitionen. Sie könnte in dem Versuch bestehen, viele einzelne Entwicklungen auf gemeinsame Ziele auszurichten.

Ist dieses Modell immer erfolgreich? Natürlich nicht. China macht Fehler, teilweise gewaltige. Trotzdem lässt sich kaum bestreiten, dass aus erstaunlich vielen langfristigen Zielen in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftliche Realität geworden ist. Genau deshalb stellte sich mir nun die nächste Frage: Was bedeutet das alles für Deutschland und Europa?

Die Sache mit dem Obstgarten

Es gibt während einer Recherche diesen einen Moment, in dem man merkt, dass man die ganze Zeit die falsche Frage gestellt hat. Genau so ging es mir. Eigentlich wollte ich herausfinden, warum China bei Elektroautos so erfolgreich geworden war. Eine überschaubare Fragestellung, dachte ich. Ein paar Statistiken, ein Blick auf die großen Hersteller und vielleicht noch einige Zahlen zum Export – fertig.

Von wegen. Keine zwei Stunden später saß ich zwischen Informationen über Batteriezellen, seltene Erden, Lithiumminen, Chemieunternehmen, Stromnetze, Universitäten, Halbleiter und Hafenausbauten. Vom Auto selbst war plötzlich kaum noch die Rede. Es war ungefähr so, als würde man sich für ein Rezept über Apfelkuchen interessieren und wenig später mitten in einer Obstplantage stehen. Der Kuchen war immer noch da, aber plötzlich verstand man, dass seine Geschichte viele Jahre früher begonnen hatte.

Genau an dieser Stelle veränderte sich mein Blick. Vielleicht liegt Chinas Erfolg gar nicht in einzelnen Produkten. Möglicherweise beginnt er mit der Frage, was das Land in zwanzig oder dreißig Jahren können möchte. Nicht: Was können wir heute verkaufen? Sondern: Welche Fähigkeiten müssen wir morgen noch besitzen?

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Inzwischen glaube ich, dass genau darin ein gewaltiger Unterschied steckt.

Nehmen wir noch einmal das Elektroauto. Die meisten von uns denken dabei an Reichweite, Design oder den Preis. China scheint wesentlich früher angesetzt zu haben und gefragt zu haben, was eigentlich alles vorhanden sein muss, bevor überhaupt das erste Elektroauto gebaut werden kann. Plötzlich verändert sich die Perspektive. Dann geht es nicht mehr nur um Autos, sondern um Rohstoffe, Chemie, Batteriematerialien, Universitäten, Fachkräfte, Software, Stromnetze, Fabriken und Häfen. Erst ziemlich weit hinten in dieser langen Geschichte steht tatsächlich ein fertiges Auto.

Hand aufs Herz: Wer hat sich beim Abendessen schon einmal angeregt über Kathodenmaterialien unterhalten? Vermutlich ungefähr so viele Menschen, wie freiwillig die Bedienungsanleitung ihrer Waschmaschine lesen. Trotzdem kann genau so ein unscheinbares Thema darüber entscheiden, wer zehn Jahre später den Weltmarkt beliefert.

Vielleicht besteht darin einer unserer Denkfehler. Wir verlieben uns gerne in das fertige Produkt. China scheint sich zuerst für das gesamte System dahinter zu interessieren.

Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker erinnerte mich das an einen Obstgarten. Zwei Nachbarn wünschen sich jedes Jahr Äpfel. Der eine kauft sie im Supermarkt, der andere pflanzt Obstbäume. Am Anfang wirkt der Erste eindeutig klüger. Während sein Nachbar Löcher gräbt, Bäume schneidet und auf die erste Ernte wartet, sitzt er längst auf der Terrasse und genießt seinen Apfelkuchen.

Zehn Jahre später hat sich das Bild verändert. Der eine fährt noch immer einkaufen. Der andere erntet. Vielleicht pflanzt China erstaunlich oft Obstgärten, während wir manchmal noch darüber diskutieren, welche Apfelsorte in Zukunft wohl die beste sein könnte. Natürlich ist das überspitzt. Doch genau solche Gedanken gingen mir während der Recherche immer wieder durch den Kopf.

Ein Obstgarten entsteht allerdings nicht dadurch, dass jemand lediglich beschließt, später Äpfel ernten zu wollen. Es braucht Land, Wasser, Pflege, Wissen, Geduld und Menschen, die bereit sind, jahrelang zu investieren, bevor sich der erste Ertrag zeigt. Übertragen auf eine Volkswirtschaft bedeutet das, dass Forschung, Hochschulen, Energieversorgung, Infrastruktur, Kapital und industrielle Produktion zusammenwirken müssen.

China hat diese Voraussetzungen über lange Zeit systematisch aufgebaut. Das bedeutet nicht, dass jede Investition erfolgreich war oder jede staatliche Entscheidung vernünftig gewesen wäre. Es bedeutet lediglich, dass viele Entwicklungen nicht erst dann begonnen wurden, als ein fertiges Produkt wirtschaftlich interessant erschien.

Während meiner Recherche stieß ich schließlich auf einen Artikel über BASF. Ich las ihn tatsächlich zweimal. Nicht weil ich meine Lesebrille gesucht hätte, sondern weil plötzlich zwei Bilder nicht mehr zusammenpassten.

Seit Jahren höre ich, Deutschland müsse unabhängiger von China werden. Gleichzeitig investiert eines unserer bedeutendsten Industrieunternehmen Milliarden in neue Produktionsanlagen genau dort. Spätestens an diesem Punkt wurde deutlich, dass Wirtschaft erheblich komplizierter ist als jede Talkshow und jede Schlagzeile.

China ist weder ein wirtschaftliches Wunder ohne Schattenseiten noch ein unfehlbares Vorbild. Das Land kämpft mit einer Immobilienkrise, einer alternden Bevölkerung, hohen Schulden und einer weiterhin enormen Abhängigkeit von Kohle. Wer das verschweigt, erzählt nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte lautet allerdings ebenso klar: Aus vielen langfristigen Zielen sind Fabriken, Lieferketten und Weltmarktführer entstanden. Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe Europas deshalb gar nicht darin, China zu kopieren. Vielleicht sollten wir zunächst wieder lernen, uns dieselbe einfache Frage zu stellen: Was wollen wir im Jahr 2045 noch selbst entwickeln und bauen können?

Denn Zukunft beginnt selten mit der richtigen Antwort. Sie beginnt fast immer mit der richtigen Frage.

Vielleicht beginnt das Problem im Kalender

Vielleicht besteht der größte Unterschied zwischen China und Europa gar nicht in der Wirtschaft. Vielleicht beginnt er viel früher: im Kalender.

Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker drängte sich dieser Gedanke auf. Eine Demokratie besitzt eine enorme Stärke. Sie kann Regierungen friedlich austauschen. Neue Ideen können entstehen, schlechte Entscheidungen korrigiert werden, und niemand soll auf Dauer an der Macht bleiben. Genau das macht Demokratien stark und lebendig.

Doch jede Stärke kann auch eine Schattenseite besitzen. Wer alle vier oder fünf Jahre um eine Wiederwahl kämpfen muss, denkt zwangsläufig anders als jemand, der politische Ziele über zwanzig oder dreißig Jahre verfolgen kann. Das ist zunächst kein Vorwurf, sondern eine Folge des Systems. Hinzu kommt etwas anderes. Unternehmen denken häufig bis zum nächsten Geschäftsbericht, Politiker bis zur nächsten Wahl, Medien bis zur nächsten Schlagzeile und wir alle vermutlich bis zur nächsten Stromrechnung oder Tankfüllung. Das Leben ist schließlich teuer genug geworden.

Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Wer denkt dann für das Jahr 2045?

Genau dieser Punkt beschäftigte mich während der gesamten Recherche am meisten. Nicht die Größe chinesischer Fabriken, nicht die Zahl neuer Hochgeschwindigkeitsstrecken und nicht einmal die Milliardeninvestitionen. Mich faszinierte vielmehr die Tatsache, dass es dort Institutionen gibt, deren ausdrückliche Aufgabe darin besteht, sich mit langfristigen Fragen zu beschäftigen.

Natürlich bedeutet das keineswegs, dass dadurch jede Entscheidung richtig wird. Wer langfristig plant, kann sich auch langfristig irren. China hat das mehrfach bewiesen. Die Immobilienkrise zeigt es ebenso deutlich wie Fehlinvestitionen, regionale Schuldenprobleme oder der schwierige demografische Wandel.

Langfristiges Denken schützt nicht vor Fehlern. Es schützt höchstens davor, überhaupt keine Richtung zu haben.

Vielleicht liegt genau hier der wesentliche Unterschied. In Europa diskutieren wir häufig darüber, welche einzelne Technologie die Zukunft bestimmen wird. China scheint öfter zu fragen, welche Technologien man beherrschen muss, falls sie für die Zukunft entscheidend werden. Das ist nur ein kleiner sprachlicher Unterschied. Seine wirtschaftlichen Folgen können allerdings gewaltig sein.

Nehmen wir die Energiepolitik. In Deutschland wird seit Jahren leidenschaftlich darüber gestritten, welche Technologie die richtige sei: Kernenergie, Windkraft, Photovoltaik, Wasserstoff, Geothermie oder Kernfusion.

Manchmal kommt mir diese Diskussion wie ein Familienstreit darüber vor, welches Werkzeug in einem Werkzeugkasten das wichtigste ist. Der Hammer sagt natürlich: „Ohne mich geht gar nichts.“ Der Schraubenzieher sieht das verständlicherweise anders, und die Wasserwaage ist ohnehin der Meinung, dass alle anderen schief liegen. Ein Handwerker würde vermutlich nur lächeln und fragen: „Was wollt ihr eigentlich bauen?“

Vielleicht beginnt genau dort strategisches Denken. Nicht bei der Frage, welches Werkzeug das beste ist, sondern bei der Frage, welches Haus entstehen soll. Erst wenn das Ziel feststeht, ergibt auch die Auswahl der Werkzeuge einen Sinn.

Diesen Eindruck gewann ich bei China immer wieder. Dort scheint weniger darüber gestritten zu werden, welche einzelne Technologie am Ende gewinnt. Stattdessen wird versucht, möglichst viele technologische Möglichkeiten gleichzeitig zu entwickeln: Solarenergie, Windkraft, Batteriespeicher, neue Reaktortypen, Kernfusion, künstliche Intelligenz, Robotik und Raumfahrt.

Nicht alles davon wird erfolgreich sein. Manches wird scheitern. Wer jedoch mehrere Türen öffnet, erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass sich hinter einer davon tatsächlich die Zukunft befindet. Europa wirkt dagegen manchmal erstaunlich vorsichtig, vielleicht sogar zu vorsichtig. Wir möchten verständlicherweise möglichst wenige Fehler machen. Das Problem ist nur: Wer überhaupt keine Fehler machen möchte, trifft irgendwann möglicherweise gar keine mutigen Entscheidungen mehr. Auch Stillstand ist eine Entscheidung. Man erkennt sie meist nur erst viele Jahre später als solche.

Ludwigshafen wurde für mich während der Recherche zu einem Symbol dieser Entwicklung. Über Jahrzehnte stand der Standort für deutsche Ingenieurskunst und industrielle Stärke. Heute wird dort über Energiepreise, internationale Wettbewerbsfähigkeit und Produktionsverlagerungen diskutiert.

Es geht dabei nicht darum, einzelne Unternehmen zu kritisieren. Ein Unternehmen muss wirtschaftlich vernünftige Entscheidungen treffen. Gerade deshalb zeigen solche Entscheidungen so deutlich, vor welchen Fragen Deutschland heute steht.

Wie erhalten wir unsere industrielle Stärke, ohne den Anschluss an neue Technologien zu verlieren? Wie fördern wir Zukunft, ohne Bewährtes vorschnell aufzugeben? Und vor allem: Wie schaffen wir es, Ziele zu verfolgen, die länger halten als eine Legislaturperiode? Vielleicht brauchen wir dafür nicht nur mehr Geld. Vielleicht benötigen wir zuerst wieder eine gemeinsame Vorstellung davon, wohin wir überhaupt wollen. Denn wer kein gemeinsames Ziel kennt, wird selbst mit der besten Landkarte irgendwann im Kreis laufen.

Was wir lernen können, ohne uns selbst zu verlieren

Während ich an diesem Beitrag arbeitete, drängte sich eine Frage immer wieder auf: Will ich damit sagen, dass China das bessere System besitzt? Nein. Ganz und gar nicht. China beeindruckt mich nicht deshalb, weil dort alles besser funktionieren würde. Das wäre eine geradezu absurde Behauptung. Das Land kämpft mit einer alternden Bevölkerung, einer Immobilienkrise, hohen Schulden,erheblichen Umweltproblemen und politischen Einschränkungen, die ich mit meinem Verständnis einer offenen Gesellschaft nicht vereinbaren könnte.

Gerade deshalb geht es in diesem Beitrag nicht darum, China zu bewundern. Es geht darum, den Mut zu haben, genauer hinzusehen. Vielleicht fällt uns genau das manchmal schwer.

Wir Menschen besitzen die merkwürdige Angewohnheit, Ideen zunächst nach ihrem Absender zu beurteilen und erst danach nach ihrem Inhalt. Aus meiner eigenen Lebenserfahrung weiß ich, dass es Menschen gibt, mit denen ich wahrscheinlich niemals freiwillig auf ein Bier gehen würde. Trotzdem würde ich sofort mit ihnen zusammenarbeiten, wenn sie auf ihrem Gebiet außergewöhnlich gut sind.

Nicht weil wir dieselben Ansichten oder Werte teilen, sondern weil gute Arbeit nicht davon abhängt, ob man sich gegenseitig sympathisch findet. Das Leben wird manchmal erstaunlich unkompliziert, wenn man aufhört, alles persönlich zu nehmen.

Vielleicht gilt genau das auch für Länder. Ich muss China nicht mögen. Ich muss seine Politik nicht gutheißen und seine Ideologie nicht übernehmen. Es wäre jedoch töricht, deshalb die Augen vor allem zu verschließen, was dieses Land gut macht.

Eine gute Idee wird nicht schlechter, nur weil sie aus China kommt. Sie wird ebenso wenig besser, nur weil sie aus Deutschland, Europa oder von der eigenen Lieblingspartei stammt. Ideen besitzen keinen Reisepass. Parteiprogramme interessieren sie herzlich wenig. Sie funktionieren oder eben nicht.

Vielleicht hat China in den vergangenen Jahrzehnten vor allem eines geschaffen: starke Ausgangsbedingungen für die Zukunft. Nicht weil dort alles richtig gemacht wurde – davon kann überhaupt keine Rede sein –, sondern weil in vielen Bereichen früh die Frage gestellt wurde, was das Land in zwanzig oder dreißig Jahren können und beherrschen sollte.

Genau das hat mich beeindruckt: weniger die jeweilige Antwort als die Bereitschaft, diese langfristige Frage überhaupt zu stellen. Vielleicht sollten auch wir uns wieder häufiger trauen, solche Fragen zu stellen. Nicht als Deutschland allein und nicht jeweils getrennt als Frankreich, Italien oder Polen, sondern als Europa. Wo wollen wir im Jahr 2045 stehen? Welche Technologien wollen wir selbst beherrschen? Welche Industrien möchten wir erhalten, und welche neuen wollen wir aufbauen? Allein die ernsthafte Beschäftigung mit diesen Fragen könnte bereits manches verändern.

Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, dass wir uns selbst im Weg stehen. Nicht weil uns Ideen fehlen, sondern weil wir sie gelegentlich vorschnell ablehnen. Weil sie aus dem falschen Land kommen, von der falschen Partei vorgeschlagen werden oder nicht in unser gewohntes Weltbild passen.

Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man einen Regenschirm ablehnen, weil einem der Verkäufer unsympathisch ist. Den Regen beeindruckt das herzlich wenig. Vielleicht besteht genau darin die eigentliche Stärke einer offenen Gesellschaft: nicht alles übernehmen, aber alles prüfen zu können; nicht alles gutzuheißen, aber überall lernen zu dürfen. Wer nur noch von Menschen, Unternehmen oder Ländern lernen möchte, die genauso denken wie er selbst, macht seine Welt mit jedem Tag ein wenig kleiner.

Europa war immer dann besonders stark, wenn es neugierig war, wenn Ideen nicht allein nach ihrer Herkunft bewertet wurden und wenn aus fremden Gedanken eigene Lösungen entstanden. Vielleicht liegt darin unsere größte Chance.

Wir müssen weder China noch Amerika kopieren. Wir sollten den Mut entwickeln, das Beste aus verschiedenen Ansätzen zu prüfen und daraus unseren eigenen europäischen Weg zu bauen.

Denn die Zukunft gehört am Ende weder China noch Europa. Sie gehört denjenigen, die heute bereit sind, kluge Fragen zu stellen, damit sie morgen bessere Antworten finden.

Vielleicht verläuft der wichtigste Unterschied deshalb gar nicht zwischen Ost und West. Er verläuft zwischen denen, die glauben, bereits alles zu wissen, und jenen, die jeden Tag bereit sind, noch etwas dazuzulernen.

Beitragsbild erstellt durch ChatGPT – Nach einem Prompt von mir

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