Almak, der Eichhörnchenbär - Leseprobe
Almak, der Eichhörnchenbär
Es war das Licht, das zuerst erwachte.
Ein feiner Schimmer, silbern und zart wie gesponnenes Mondlicht, tastete sich durch das Blätterdach. Er roch nach feuchtem Moos und nach dem Geheimnis des gestrigen Regens – nach allem, was die Nacht zurückgelassen hatte, ohne seinen Namen zu sagen.
Zwischen Farnen, die sich wie neugierige Hände aus dem Boden reckten, lag ein kleines Wesen.
Halb Bär, halb Eichhörnchen – ganz allein.
Es lag da, eingerollt wie ein Fragezeichen der Natur, als hätte der Wald es selbst hervorgebracht und dann vergessen. Kein Name trug es, kein Lied erinnerte sich an es. Es war einfach da – wie ein Tropfen, der nicht wusste, aus welcher Wolke er gefallen war.
Die Luft flüsterte. Das kleine Wesen öffnete die Augen.
Groß waren sie, und dunkel wie das Wasser eines tiefen Sees. Die Welt war ihm fremd, jede Wurzel ein Rätsel, jeder Vogelruf ein ferner Ruf aus einem Land, das es nie gesehen hatte. Die Bäume standen ehrwürdig um es herum, doch keiner sprach. Nicht ein Blatt regte sich zum Gruß. Selbst der Wind, der manchmal Geschichten flüstert, schwieg.
Es setzte sich auf – zögernd, als könnte die Bewegung selbst es verraten. Seine kleinen, kräftigen Vorderpfoten zitterten. Die langen, flauschigen Ohren zuckten bei jedem Rascheln. Jedes knorrige Knacken ließ es zusammenfahren.
In seinem Herzen klaffte ein Loch. Irgendwo tropfte Wasser von einem Ast auf ein großes Blatt.
Plop. Dann wieder. Plop.
Und dazwischen: das leise Rascheln von etwas Kleinem im Unterholz, das Knacken eines Zweiges, der sich unter dem Gewicht von nichts zu beugen schien. Der Wald atmete.
Nicht durch Hunger. Nicht durch Kälte. Durch Nichtwissen. Und das schmerzte am meisten.
Wer bin ich?
Wo bin ich?
Warum bin ich allein?
Der Wald antwortete nicht. Er war still. Dunkel zwischen den Stämmen, sanft über dem Moos. Als ob die Antwort da wäre, aber nicht sprechen wollte.
Mit langsamen Schritten tappte das kleine Wesen durch das Dickicht. Die Krallen hinterließen feuchte Spuren auf dem Waldboden. Kein Laut kam über seine Lippen. Nur in seinem Innersten bebte etwas – eine dünne Saite aus Traurigkeit, die bei jedem Schritt leiser und zugleich drängender zu klingen schien.
Dann, durch die Stämme hindurch, sah es Wasser.
Viel Wasser. Einen mächtigen Fluss, so breit, dass das andere Ufer wie ein ferner Traum wirkte. Das Licht tanzte auf der Oberfläche, doch kein Boot trieb dort, kein Steg reichte ins Wasser, kein Ruf kam herüber.
Der Fluss war schön. Und gnadenlos.
„Ich bin gefangen“, flüsterte das kleine Wesen.
Da war es. Das Wort, das es traf wie ein kalter Windstoß: gefangen. Es setzte sich hin, ließ den buschigen Schwanz um sich kreisen wie einen schützenden Arm. Und dann, ganz leise zuerst, begann es zu weinen. Die Tränen kamen wie Nebel – kaum sichtbar, aber überall. Sie tropften auf die Pfoten, vermischten sich mit der feuchten Erde. Nicht einmal die Blumen schienen hinzusehen.
Hoch über dem Fluss, auf der anderen Seite, flog ein winziges Wesen durch die Luft.
Es taumelte, als könnte es sich nicht entscheiden, ob es tanzen oder stürzen wollte. Ein Schmetterling – aber kein gewöhnlicher. Ein Chamäleon-Schmetterling, von Farben überzogen, die sich ständig änderten. Mal schimmerte er wie das Laub im Herbst, mal wie das Wasser im Morgenlicht, mal wie der goldene Staub eines Sommermorgens.
Doch immer wieder blitzten falsche Töne auf – ein Stück Himmelblau dort, wo Grün hätte sein sollen, ein knalliges Lila, das nirgendwo passte.
Und dann – Hatschi! Ein kräftiger Nieser ließ ihn gegen einen Zweig prallen. Ein zweiter, ein dritter. Der Flügelschlag wurde wilder, der Flug schlingernder. Und doch – das kleine bunte Wesen lachte. Es kicherte in sich hinein und murmelte, während es durch die Luft taumelte:
„Kuh-Kuckuck! Dasch war ein Aasch – A… Ast! Uups! Hihihi!“
Der Schmetterling hieß Rodo.
Und er war nicht nur neugierig. Er war chronisch neugierig. Seine Fragen konnten selbst Eulen in den Wahnsinn treiben. Und seine Sätze – die kamen manchmal in der falschen Reihenfolge heraus, mit verdrehten Wörtern und gestotterten Lauten, durchsetzt von einer unbändigen Freude am Leben, die sich durch keine Baumrinde aufhalten ließ.
Rodo hatte fünf Flügel. Die anderen aus seiner Familie hatten vier. Über das Warum hatte er sich nie besonders lange Gedanken gemacht – er war zu beschäftigt damit, gegen Äste zu fliegen. Als Rodo schließlich über dem Ufer schwebte, vernahm er das Weinen. Erst wie ein fernes Flüstern im Rauschen der Blätter. Dann deutlicher.
Es schnitt ihm ins Herz wie ein kalter Tropfen auf ein heißes Blatt. Er hielt inne. Seine fünf Flügel zuckten. Er konnte nicht einfach weiterfliegen.
„Da weint… da weint… da… oh… wer da weint? Und warum? Und wieso? Und… wohin damit?“
Er flatterte vorsichtig näher. Seine Farben sprangen hektisch von einem Ton zum nächsten, während er versuchte, sich im Farn zu tarnen.
Was ihm nur halb gelang. Und so entdeckte er das kleine Wesen – zusammengesunken wie ein Häufchen Vergangenheit, das nicht wusste, was es mit sich anfangen sollte. Rodo hielt inne. Die Neugier in ihm funkelte. Die Vorsicht nicht minder.
„H-h-hallö… Hallo? Du da, der da… tröp – tröpf – der da wassert?“
Langsam hob das kleine Wesen den Kopf. Zwei große, traurige Augen trafen auf Rodos neugierige, zitternde Flügel. Der Moment war still. Und voller Fragen.
Rodo setzte sich. Dann stand er wieder auf. Dann setzte er sich nochmal – diesmal auf einen Farnwedel, der leicht unter ihm nachgab.
„Also… ich bin Rodo. Und du bist… du bist…“
Er blinzelte.
„Ein Eichbärchen? Oder ein Bärrhörnchen? Ein… äh… Eibäuhörnchär?“
Das kleine Wesen sah ihn an. In seinen Augen war noch immer die Traurigkeit – aber da war jetzt auch etwas anderes. Eine Art Verwunderung.
„Ich… ich weiß nicht, was ich bin. Und ich weiß nicht, wer ich bin. Und ich weiß nicht, warum ich hier bin.“
Rodo nickte sehr ernst. Als wäre das die normalste Sache der Welt.
„Hmm.“
Er dachte nach.
„Ich weiß auch manchmal nicht, warum ich irgendwo bin. Neulich war ich plötzlich in einem Bienennest. Und vorher war ich nur kurz an einem Ast vorbeigefähren. Man weiß nie. Und ich spreche manchmal Wörters falsch aus.“
Das kleine Wesen starrte ihn an.
„Das ist… nicht ganz dasselbe.“
„Nein“, gab Rodo zu. „Hast du Hunger?“
Das kleine Wesen schluckte. Dann, sehr leise:
„Ich bin allein.“
Rodo ließ sich ganz sachte neben dem kleinen Wesen nieder. Seine fünf Flügel falteten sich ein. Seine Farben glänzten für einen Moment in einem stillen, ruhigen Moosgrün – als wäre er mit sich und der Welt vollkommen einverstanden.
„Dann sind wir jetzt zwei.
